Theologen diskutierten in Münster über die „Ehe für alle“

Homosexualität: „Katholische Sondermoral“ auf dem Rückzug?

„Staat und Gesellschaft haben eine unterschiedliche Sicht auf die Ehe. Beide Sichten existieren analog zueinander“, sagte der Paderborner Moraltheologe Peter Schallenberg am Donnerstag im Franz-Hitze-Haus Münster zum Thema „Ehe für alle? Zukünftige Konsequenzen für Gesellschaft und Kirche“. Auf der Veranstaltung diskutierte der Professor für Moraltheologie und Ethik mit Bettina Heiderhoff, Münsteraner Professorin für Internationales Privat- und Verfahrensrecht, und Thomas Schüller, Münsteraner Professor für Kirchenrecht, über das am 1. Oktober 2017 in Kraft getretene Ehe-Gesetz für gleichgeschlechtliche Paare.

Schallenberg betonte, dass es zwar Übereinstimmungen zwischen der staatlichen und der katholischen Ehe-Auffassung gibt, etwa die von einer lebenslangen Verbindung. „Der katholische Begriff versteht Ehe aber als eine Verbindung zweier Getaufter und von Mann und Frau. Er gründet sich auf Genesis 1,26.“ Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. hätten in ihren Schriften und Aussagen verdeutlicht, „dass die hingebende Liebe die heterosexuelle Liebe ist“. Diese Grundaussagen schließen nach katholischer Lehrmeinung „im Moment noch die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare durch die Kirche aus“, sagte Schallenberg.

Das kirchliche Lehramt muss sich entscheiden

Von Seiten des Vatikans gibt es aber unterschiedliche Signale, verdeutlichte der Moraltheologe. Papst Franziskus hatte 2013 auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien vor Journalisten gesagt: „Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?“ Gleichzeitig hält die Kirche daran fest, „homosexuelle Paare nicht zu segnen, homosexuelle Männer nicht zum Priesteramt zuzulassen und Sodomie als etwas Widernatürliches anzusehen“. - „Jetzt muss eine klare Entscheidung des Lehramtes her“, sagte Schallenberg. „Das muss auf den Tisch, dann gibt es möglicherweise irgendwann regionale Unterschiede in der Weltkirche.“

Auch in der Kirche haben sich nach Aussagen des Paderborner Theologen „in den letzten zehn bis 20 Jahren die Lehren im Bereich der Moral geändert“. Das bestätigte der Kirchenrechtler Thomas Schüller auch für das kirchliche Arbeitsrecht. Schüller sprach den aktuellen Fall eines schwulen Referendars am Gymnasium Mariengarden in Borken-Burlo an, „zu dem Fall – wenn man zwischen den Zeilen lesen kann – auch das Bistum Münster auf vorsichtige Distanz gegangen ist“. Der Englisch- und Biologie-Lehrer war wegen der Ankündigung, seinen Lebensgefährten heiraten zu wollen, vom Schulträger, dem katholischen Oblaten-Orden im hessischen Hünfeld, nicht in den Schuldienst übernommen worden.

Sondermoral nur noch im Dienst der Verkündung?

„Sind 2002 eingetragene Lebenspartnerschaften noch als schweres Vergehen gegen das katholische Arbeitsrecht angesehen worden, sind seit 2015 Andersgläubige wie Orthodoxe und Muslime, die in katholischen Einrichtungen arbeiten, bereits davon ausgenommen“, sagte Schüller. Er prognostizierte, dass die „katholische Sondermoral“ schon bald nur noch auf Mitarbeiter im Verkündigungsdienst angewendet werden könnte.

Schüller forderte, dass die „Theologie dem Phänomen der Homosexualität positiv entgegengehen und von gönnerhaften Attitüden Abstand nehmen sollte“. Zurzeit sei es kirchliche Haltung, „Homosexuellen mit Mitleid und Takt zu begegnen.“ Die Menschen forderten aber Respekt. „Eine Segnung homosexueller Partner muss möglich sein, wenn die Verbindung auf Glauben, Dauerhaftigkeit und personaler Liebe gründet, ohne Verzweckung oder Gewalt.“ Im Moment ist nur in einer katholischen Ehe Sexualität überhaupt erlaubt, sagte er. Homosexuelle Beziehungen würden daher als defizitär betrachtet, weil aus ihnen keine Kinder entstehen können, sagte Schüller.