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Sprecherin des Betroffenen-Beirats der Deutschen Bischofskonferenz in Marl

Johanna Beck: Keine Brüder im Nebel, sondern Schwestern im Licht!

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Als Jugendliche ist Johanna Beck von einem Ordensmann missbraucht worden. Heute ist sie Sprecherin des Betroffenenbeirats bei der Deutschen Bischofskonferenz. Auf Einladung der „Maria 2.0“-Gruppen in der Katholischen Frauengemeinschaft (KFD) in Marl sprach sie über die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Kirche und darüber, warum die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau in der Kirche alternativlos sei, wenn die Kirche noch eine Zukunft haben will.

Johanna Beck weiß, was sie will: Eine Kirche, die zur Reformen fähig ist, eine Kirche, in der die Gleichberechtigung von Mann und Frau selbstverständlich ist, eine Kirche, die wieder zu einem Heilungsort für alle Menschen wird.

Für diese Ziele arbeitet Johanna Beck unermüdlich: als Sprecherin des Betroffenenbeirats bei der Deutschen Bischofskonferenz für die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche, als Mitglied des Synodalen Wegs und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und nicht zuletzt als Engagierte in der Katholischen Frauengemeinschaft (KFD) und des Katholischen Deutschen Frauenbunds (KDFB).

„Ich bin gern in der Kirche“

In Marl spricht die 38-Jährige am Mittwochabend auf Einladung der örtlichen Reformbewegung „Maria 2.0“ innerhalb der KFD und legt sofort ein Bekenntnis ab: „Ich bin gern in der katholischen Kirche. Trotz allem. Der Glaube und mein jetziges Studium der Theologie helfen mir, dem Missbrauch zu verarbeiten.“

Die Mutter von drei Kindern hat die Hoffnung, eines Tages Diakonin werden zu können: „Ich fühle mich dazu berufen. Da können die Männer sagen, was sie wollen.“

Auch Laien tragen bei Missbrauch Schuld

Johanna Beck findet klare Worte und spricht in Marl vor 50 interessierten Frauen und zehn Männern auch offen über ihren Lebensweg, der im Schatten behaftet ist: Als Jugendliche wird sie von einem Ordensmann missbraucht. Die eigene Mutter glaubt ihr nicht, als sie sich offenbaren möchte, eine Leiterin gibt ihrer Schwester eine Ohrfeige dafür, die Kirche beschmutzt zu haben. Einen Priester zu beschuldigen, das durfte nicht sein. Der Ordensmann, als Missbrauchstäter mehrfach auffällig geworden, wird später in ein anderes Bistum versetzt.

„Auch mein Fall zeigt, dass Missbrauch möglich wurde, weil Laien, also Nicht-Kleriker, weggeschaut haben und Opfern nicht geglaubt haben“, sagt Beck. Für sie war mit dem Abitur-Gottesdienst lange Zeit Schluss mit dem „Katholisch-sein“.

Verletzende und heilende Kirche

Die „Maria 2.0“-Gruppe in Marl zeigt, was sie will: Gleichberechtigung, Geschwisterlichkeit und Geschlechtergerechtigkeit. | Foto: Johannes Bernard
Die „Maria 2.0“-Gruppe in Marl zeigt, was sie will: Gleichberechtigung, Geschwisterlichkeit und Geschlechtergerechtigkeit. | Foto: Johannes Bernard

Erst als ab 2010 immer mehr Missbrauchsfälle im kirchlichen Bereich bekannt werden, fasst sie Mut, offen über das zu sprechen, was ihr angetan wurde. Als die MHG-Studie erscheint, die den Missbrauch in der Kirche in allen Dimensionen deutlich machte, liest Johanna Beck alles. Als die Frage ansteht, ob ihre Kinder getauft werden sollen, kommt es zu einer ersten Wiederannäherung zur Kirche.

Der zufällige Besuch eines Gottesdienstes bringt eine Wende: „Da habe ich zum ersten Mal nach langer Zeit gedacht: Vielleicht gibt es in dieser Kirche doch noch einen Platz für mich.“ Heute könne sie sagen: „Die Kirche hat mich verletzt und sie heilt. Heute überwiegt für mich das Heilende.“

Dynamik beim Synodalen Weg

Inzwischen ist Johanna Beck eine engagierte Katholikin: Im Gemeinderat an der Domkirche St. Eberhard in Stuttgart und bei „Maria 2.0“ ist sie beheimatet. Ihre Mitarbeit beim Synodalen Weg empfindet sie als Ansporn, Reformen weiterzuentwickeln: „Ich bin von der Dynamik des Synodalen Wegs überzeugt und davon, dass sich Kirche bewegen lässt.“

In Marl macht Johanna Beck den Zuhörerinnen und Zuhörern Mut, in der Kirche zu bleiben, nicht zu resignieren, sich untereinander zu vernetzen und Kirche nicht denen zu überlassen, die ein männlich dominiertes Kirchenbild aufrecht erhalten möchten.

Fassungslos für Personalentscheidungen

In einer lebhaften Diskussionsrunde wird Johanna Beck noch deutlicher: Dass der Hamburger Erzbischof Stefan Heße im Amt bleiben könne, sei ein „Schlag ins Gesicht für alle Betroffenen. Was hat sich der Vatikan eigentlich dabei gedacht?“

Für das Erzbistum Köln wünsche sie sich einen bereuenden Bischofsrücktritt von Kardinal Rainer Maria Woelki: „Bleibt Woelki im Amt, wird das Erzbistum keine gute Zukunft haben. Die Gläubigen laufen in Scharen davon. Wenn Woelki weitermachen kann, gibt es ein Chaos.“

Ende des Klerikalismus

Kirche habe nur dann eine Zukunft, wenn alle Strukturen, die Missbrauch begünstigten, konsequent abgeschafft würden. „Eine von Männern dominierte Kirche hat mit ihren Männer-Bünden und ihrem Klerikalismus überlebt. Ich wünsche mir von den Männern, die Reformen wollen, mehr Mut.“

Die Kirche werde verlieren, wenn sie die Frauen weiter ausschließe. „Das verzweifelte Halten einiger Männer an ihrer Macht ist schon sonderbar“, meint Johanna Beck und bringt es mit einem Wortspiel auf den Punkt: „Wir brauchen keine Brüder im Nebel, sondern Schwestern im Licht.“

Anerkennung des Leids

Hinsichtlich der Frage der Anerkennung des Leids in den Missbrauchsfällen durch Regelungen der Deutschen Bischofskonferenz sieht die Sprecherin des Betroffenen-Beirats die Verhandlungen auf einen guten Weg: „Die meisten Bischöfe zeigen ehrliches Bemühen, an der Seite der Betroffenen zu stehen. Die Gespräche mit ihnen sind konstruktiv.“

Beim Synodalen Weg erlebe sie den ernsten Versuch, die katholische Sexualmoral auf den Prüfstand zu stellen, Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu ermöglichen, der Homophobie ein Ende zu bereiten und nicht mehr alles zu akzeptieren, „was im Vatikan ausgedacht wird“.

Regenbogen-Fahnen als Ungehorsam

Es habe ihr Mut gemacht, weiter für Reformen zu arbeiten, als nach dem Verbot von Segensfeiern für homosexuelle Paare in Deutschland der „pastorale Ungehorsam eingesetzt hat und viele Kirchen die Regenbogen-Fahne als demonstratives Zeichen aufgehängt haben".

In ihren Schlussbemerkungen macht Johanna Beck den „Maria 2.0“-Aktiven in Marl Mut, weiterzumachen: „Wir brauchen eine Vernetzung der Frauen. Wir dürfen nichts unversucht lassen, die Kirche zu ändern.“

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