Christliche Positionen sollen bei aktuellen Wirtschaftsthemen gehört werden

KKV-Bundesvorsitzender Josef Ridders will Verband „verjüngen“

Ich bin ein Vereinsmeier“, sagt er selbst. Ist er aber gar nicht. Zwar kann Josef Ridders die Vereine, Verbände und Gremien, in denen er saß und sitzt, längst nicht mehr an seinen Fingern aufzählen. Wer aber genau hinhört, bemerkt, dass es sich bei seinem Engagement nie um die klassische Vereinsmeierei handelt. Er will nicht „unter sich“ bleiben, nicht „vor sich hin dümpeln“. „Ich will öffnen, neue Gedanken zulassen, dem einzelnen die Freiheit geben, neue Ideen zu spinnen.“

Als Ridders vor einigen Wochen zum Bundesvorsitzenden des Verbands der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV) gewählt wurde, war genau das sein Ansinnen. „Meine Triebfeder ist immer die Aufbruchsstimmung.“ In seinen Augen tut das auch dem etwa 140 Jahre alten Verband gut. „Wir sind zu alt, oft zu konservativ und manchmal nicht in der heutigen Lebenswelt zuhause.“

Liberaler Flügel

Dass er daran etwas ändern möchte, weiß der freiberufliche Personal-Manager aus Greven schon seit einigen Jahren. Regelmäßig traf er sich im „Würzburger Kreis“. So nennt er ein Gruppe von Verbandsmitgliedern, die von Zeit zu Zeit in der Frankenstadt zusammenkam, um über neue Ansätze für den KKV zu diskutieren. „Es ist so etwas wie der liberale Flügel“, sagt er. Seine Wahl zum Vorsitzenden kann damit durchaus als programmatisch angesehen werden.

Denn in einem Verband, in denen sich in den vergangen Jahren immer mehr Ortsgruppen auch aufgrund der Überalterung auflösten, ist ein Slogan wie „Geist ist geil“ sicherlich an der Grenze zur Revolution. Den Slogan aber hat der Würzburger Kreis bei der vergangenen Bundesversammlung in München vorgestellt. „Sie können sich vorstellen, dass darüber lebhaft diskutiert wurde.“

Mitglieder gesucht

Der Motto-Spruch soll vielleicht mal auf einem Plakat des KKV zu lesen sein. Ridders sieht in solchen Ideen nicht allein die Chance, die Wahrnehmung des Verbands in der Öffentlichkeit neu zu gestalten. Es geht ihm auch um die Ausstrahlung nach innen: „Wir zeigen damit, dass wir offen sind für neue Ansätze, rufen zur Meinungsbildung auf und wollen dem einzelnen viel Spielraum dafür geben.“ Letztlich geht es natürlich auch darum, jüngere Mitglieder zu aktivieren. Bei einem Rückgang der bundesweiten Mitgliedszahlen um etwa 1000 auf nunmehr 6000 in den vergangenen zehn Jahren scheint dies dringend notwendig.

Die Situation ist ihm vertraut. Er erlebt jetzt quasi auf Bundesebene, was er vor etwa zehn Jahren auf Ortsebene in seiner Heimatstadt Greven erlebte, als er dem Verband beitrat. „Über einen Umweg“, gesteht der 67-Jährige. Beim Wahlkampf in der Fußgängerzone wurde Ridders als CDU-Lokalpolitiker angesprochen: „Ich wähle dich nur, wenn du dem KKV beitrittst.“ Er trat bei. Und wurde Mitglied einer Ortsgruppe ohne Nachwuchs und neue Ideen.

Christlicher Standpunkt

„Eigentlich wollte man dort nur noch das Licht löschen“, erinnert er sich. Er habe sich geradezu aufdrängen müssen, als neuer Ortsvorsitzender die Sache noch einmal neu anzupacken. „Mit Themen, die nah an den Alltagsfragen der Menschen waren.“ Etwa bei Fragen der Energiepolitik: „Da wird bei uns in Greven derzeit intensiv diskutiert, wie weit die Windkraft eine Rolle spielen sollte.“ Der KKV diskutiert bei solchen Themen mit und versucht den Standpunkt von Menschen aus der Wirtschaft vor einem katholischen Hintergrund einzubringen.

Der Verbands der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung im Internet: www.kkv-dv-muenster.de

Aber was ist das für ein Standpunkt? „Eine allgemeingültige Formulierung kann ich nicht geben.“ Das darf man als Christ, das darf man nicht – so eine einfache Aufteilung gibt es in Ridders Augen nicht. „Es bleibt der Spielraum für den einzelnen“, sagt er. „Aber mit einem festen Bezugspunkt: „Kann ich das vor meinem christlichen Hintergrund verantworten?“

Mit genau dieser Einstellung nähert er sich auch den Kernfragen, die dem KKV immer wieder gestellt werden. Und die nicht ganz ohne sind. Etwa: „Wie reich darf ein Christ eigentlich sein?“ Bei Mitgliedern vorwiegend in Führungspositionen in größeren Unternehmen und Konzernen liegt die Frage auf der Hand. „Wenn der Gewinn wieder in Strukturen investiert wird, die sichere, gesunde und menschenfreundliche Arbeitsplätze schaffen, sehe ich überhaupt keine Einschränkung.“

Aber auch sonst will er keine Deckelung vorschreiben. Das Gewissen jedes einzelnen Mitglieds sollte entscheiden. „Der Blick auf den Gehaltszettel eines Fließbandarbeiters im Vergleich zum eigenen Bank-Konto sollte aber dazugehören.“

Jeder einzele ist in der Pflicht

Gerade dann, wenn es um das Aufwiegen von Wirtschaftlichkeit mit dem verantwortungsvollen Umgang mit Angestellten, der Umwelt oder dem Gemeinwohl geht, sieht er jeden einzelnen in der Pflicht. „Ich glaube schon, dass man da als Christ auch in einer Ellenbogen-Gesellschaft einen Weg finden kann.“ Ridders formuliert seinen Grundsatz auf Westfälisch: „Man muss dabei Poahl halten können.“ Was so viel heißen soll wie: Man muss wissen, wo der Kern des Handelns liegt, der einem wichtig ist. Der Grevener sagt es noch einmal anders: „Ich kann nicht sonntags in der Kirchenbank knien und montags nur noch die Gewinn-Maximierung wollen.“

Er selbst wird so intensiv nicht vor die Wahl gestellt, sagt er. Denn als Personal-Manager sieht er eine große Schnittmenge von wirtschaftlichen Zielen und den Blick auf die Situation von Arbeitnehmern. „Ein zufriedener Mensch, der sich an seinem Arbeitsplatz wohlfühlt, nicht überfordert ist, der gewertschätzt wird und seine Familiensituation berücksichtigt sieht, ist nicht nur ein christliches Ziel, sondern auch gewinnbringend für das Unternehmen.“

„Da habe ich gekündigt“

In seiner beruflichen Karriere, die in der Bank begann und die ihn über viele Stationen in die freiberufliche Personalberatung führte, gab es aber durchaus Situationen, in denen dieser Zusammenhang nicht gesehen wurde. „Das waren oft lange Wege, bis die Unternehmensleitung verstand.“ Einmal tat sie es nicht. „Da habe ich gekündigt, weil es nicht mit meinen Vorstellungen vereinbar war.“ Es passte nicht zu seinem „Poahl“, zu seinem Pfahl, an dem er als Christ und Westfale festhält.

Ursprung vor 140 Jahren
Geschichte: Der Katholische Kaufmännische Verein (KKV) wurde bereits 1877 gegründet. Aus ihm ging in den 1960 Jahren der Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung hervor. Seitdem hat sich der Verband, in dem heute vornehmlich Fach- und Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung organisiert sind, in erster Linie dem christlichen Umgang mit den Menschen in der Arbeitswelt verschrieben. Das kommt auch im aktuellen Schwerpunktthema „Dem Menschen dienen“ zum Ausdruck.
Inhalte: Zum Programm gehören sowohl Weiterbildungsmöglichkeiten zu Themen wie Persönlichkeitsentwicklung, zu Fragen der Ethik oder zu Glaubens- und Sinnfragen. Dabei orientiert man sich laut Verband an der katholischen Soziallehre. Ziel sei die Mitsprache bei Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche. Auch gemeinsame Wallfahrten gehören zum Angebot.
Zahlen: Bundesweit besitzt der KKV etwa 6000 Mitglieder in 80 Ortsgemeinschaften. Der Diözesanverband Münster hat mit etwa 1200 Mitgliedern in 14 Orten den größten Anteil.