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Sie wollen neue Mitglieder gewinnen und Kirche verändern

Messdiener aus Wessum rocken TikTok

Die Messdiener aus Wessum probieren sich mit Tanzvideos aus und machen zugleich Werbung für die Gemeinschaft. | VIDEO: mth/mit pd-Material

  • Sie rocken mit Erfolg durch die Kirche: Die Messdienergemeinschaft Wessum produziert Tanzvideos.
  • Aufgrund des Nachwuchsmangels wollen sie über Vorstellungs- und Comedy-Videos sich und ihre Arbeit präsentieren.
  • Das stößt bei Instagram oder TikTok nicht nur auf Zustimmung: Die Messdiener geraten wegen des kirchlichen Missbrauchsskandals in die Kritik.
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Sie tanzen zu dem Disco-Pop-Song „Sing Halleluja“ durch die Kirche, filmen sich bei Führungen durch die Sakristei oder auf der Orgelbühne: Die Gruppenleiter der Messdienergemeinschaft Wessum sind seit etwa zwei Jahren intensiv auf verschiedenen Social-Media-Kanälen aktiv.

Dass eines ihrer ersten Videos auf dem Video-Kanal TikTok gleich so durch die Decke ging, hätte Sophia Eing, die sich um die Medienarbeit kümmert, nicht gedacht: „Die Viewzahlen haben uns erschlagen. Als ich die Nachricht auf mein Handy bekam, 11.200 Views, war ich wirklich verblüfft. Da sind wir tatsächlich an einem Sonntagnachmittag viral gegangen!“

Messdiener auf Social Media vorstellen

Die 18-Jährige und ihr älterer Bruder Alexander gehören zu den Gruppenleitern der Messdiener St. Andreas Wüllen und St. Martinus Wessum. Die Idee, die Messdienerarbeit auf Social Media vorzustellen, hatten die beiden Geschwister schon länger: „Wir hatten so ein bisschen Not am Mann. Ständig verlassen uns Messdiener:innen, auch, weil es Angebote im Ort gibt, die vielleicht für Jugendliche attraktiver sind. Der Zuwachs bei uns war auch schon mal größer“, stellen die beiden Geschwister fest.

Los ging es mit der Werbung für einen Einstieg bei den Messdienern auf dem Kanal „Instagram“, später kam das Videoportal „TikTok“ dazu. Die Planung für die Beiträge läuft bis heute unkompliziert: „Jeder konnte mit eigenen Ideen kommen, und dann haben wir uns in der Sakristei getroffen und ausprobiert.“ Die Messdiener genießen volles Vertrauen in ihrer Gemeinde: „Wir durften auch an alle Schränke dran, die nötigen Requisiten waren schnell bei der Hand“, berichten die beiden.

Immer die TikTok-Trends im Blick

Bevor die „Kostüme“ sitzen, muss im Vorfeld recherchiert werden. Meistens geht es darum, sogenannte „Trends“ zu suchen und dann dazu 30-Sekunden-lange Tänze oder Abläufe zu dem Musiktrend zu entwickeln: „TikTok zum Beispiel funktioniert sehr gut über Musik. Man sucht sich also Stücke, die gerade dort ,in‘ sind, covert sie und legt seine eigenen Videoschnipsel darüber“, sagt Alexander. Die Grundschüler und potenziellen neuen Messdienerkinder hätten größtenteils bereits ab der dritten Klasse ein Handy oder zumindest Zugang zu Online-Videos und seien über diese Kanäle erreichbar.

Warum lösen solche Videos solche Begeisterung aus? Im Prinzip schaffen die Musikvideos ein Gemeinschaftsgefühl, dadurch dass die Trends auf die eigene Zielgruppe übertragbar sind, meint Alexander Eing: „Der Tanz kann dann auf einer Baustelle sein, auf einem Bauernhof, bei uns eben in der Kirche. Das ist einfach cool, wenn dann verschiedene Leute zu demselben Lied tanzen“, berichtet der Student und gibt freimütig zu: „Ich bin allerdings mit über 20 fast schon zu alt dafür.“ Den Anbieter TikTok, ein Konsortium einer chinesischen Firma mit Sitz unter anderem in Kalifornien, sieht er auch durchaus kritisch, TikTok stehe aufgrund des Datenschutzes in der Kritik.

Es gibt auch negative Kommentare

Sophia, die derzeit eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert, hat vor allem selbst viel Spaß dabei, sich digital auszuprobieren. Die Videos werden allerdings nicht nur positiv kommentiert: „Auf Insta bekommen wir das ein oder andere Like, aber wir hatten auf das ein oder andere Video auch schon Hate.“ Sie wurden vor allem mit den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche konfrontiert, die Zuschauer unter die Videos schreiben: „Wir haben darüber intensiv in der Leiterrunde diskutiert. Wir finden die Kritik einiger User berechtigt. Zu viele Fälle sind so lange unentdeckt geblieben, die Opfer waren nicht im Blick. Wir haben uns daher entschieden, die Kritik stehenzulassen, antworten allerdings auch, dass unser Content zur Unterhaltung dient und unsere Videos für die Messdiener:innen aus Wessum gedacht sind“, beschreibt Sophia die Vorgehensweise.

Was die beiden motiviert sich in ihrer Freizeit für Kirche einzusetzen, bringt Alexander folgendermaßen auf den Punkt: „Kirche modernisieren“ lautet sein Schlagwort: „Wir versuchen unseren Beitrag zu leisten, über Nutzung von Social Media oder auch, indem wir bewusst gendern, also gleichberechtigte Sprache verwenden. Aber Kirche verändern geht auch an ganz vielen anderen Stellen, wenn wir da zum Beispiel an das Zölibat oder das Frauenpriestertum denken. Ich würde mir wünschen, dass auch andere gucken, wo und wie sie Kirche modernisieren können, und sich von uns eine Scheibe abschneiden.“

Hier geht es zu den Messdienern in Wessum: https://messdiener-wessum.chayns.net/

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