Der Osnabrücker Künstler setzt auf Erfahrungen mit Firmlingen in Geldern

Mika Springwald sprayte den Jugendkreuzweg 2017

Grau und fleckig liegt sie da, die alte Holzbohle. Plötzlich brüllt eine Handkreissäge auf, zerteilt das Stück. Schritt eins der Verwandlung ist vollbracht. Der Mann mit der Säge ist Mika Springwald. „Ich arbeite am liebsten mit Werkstoffen, die schon eine Geschichte haben“, erzählt er.

Der 45-Jährige ist Stencil-Künstler. Er nutzt die Graffiti-Technik für seine Arbeiten: Mithilfe von Schablonen, den Stencils, sprayt er Gesichter von Musikern auf Bohlen und Straßenschilder, schafft kultige Kunstwerke und versteigert sie für einen guten Zweck. Das kommt an.

Wenn man sich den Mann mit der schwarzen Hornbrille, der hohen Stirn und dem blauen Sweatshirt so anschaut, kommt man nicht sofort auf die Idee, dass er auf Du und Du mit den Größen der deutschen Musikszene steht. Daran ist sein Job nicht ganz unschuldig.

Erfahrungen aus der Flüchtlingsarbeit

Der Künstler Mika Springwald (rechts) mit Daniel Gewand, Pastoralreferent in Coesfeld, der den Jugendkreuzweg mit vorbereitet hatDer Künstler Mika Springwald (rechts) mit Daniel Gewand, Pastoralreferent in Coesfeld, der den Jugendkreuzweg mit vorbereitet hat. | Foto: Jürgen Flatken

„Ich arbeite in Osnabrück viel mit Flüchtlingen“, berichtet Springwald, Sozialarbeiter beim Caritasverband für die Stadt und den Landkreis Osnabrück. Geld für die alltäglichen Dinge wie Waschmaschinen sei immer da. Doch Unterstützung für Freizeitmaßnahmen sei schwer aufzutreiben.

„Wenn Jugendliche Langeweile haben, fällt ihnen nur Blödsinn ein.“ Da kam ihm die Idee, Porträts von deutschen Musikern zu sprayen und zu versteigern. „Anfangs musste ich ordentlich Klinken putzen und erklären, was Stencil ist und was ich will“, berichtet er von seinen Startschwierigkeiten.

Mark Forster und Manuel Neuer machen mit

Mittlerweile gibt sich das Who-is-Who der deutschen Pop- und Rockszene bei Springwald die Klinke in die Hand. Musiker wie die Fantastischen Vier, Campino, Philipp Poisel, Mark Forster, die Toten Hosen, Samy Deluxe und viele andere haben sich von ihm porträtieren lassen. Seit Jahren arbeitet er auch mit Nationaltorwart Manuel Neuer und dessen „Kids Foundation“ zusammen. Die Künstler sitzen ihm allerdings nicht Porträt. „Ich bekomme Bilder oder CD-Cover zugeschickt. Die bearbeite ich dann.“

Sein teuerstes Bild hat 4500 Euro gebracht und zeigt die Bayernspieler Schweinsteiger, Lahm, Neuer, Boateng und Müller, die 2014 zur Weltmeister-Mannschaft gehörten. Der Erfolg ist für Mika Springwald „Ansporn, noch tiefer in den Ausdruck zu gehen und eigene Themen bildlich umzusetzen“. Die Gestaltung des ökumenischen Jugendkreuzwegs 2017 ist eines dieser Projekte.

So funktioniert Stencil-Art

Eine weiße Schablone aus neun Din-A-4-Blättern liegt an ihrem Platz. Das Kreuz bekommt die ersten farblichen Akzente. „Ich arbeite mich vom Hellen immer weiter ins Dunkle vor. Man muss sich vorher überlegen, wo welche Farbe auftauchen soll“, erklärt Springwald seine Arbeitsweise. „Dabei gibt es kein Falsch und kein Richtig. Einfach machen. Wenn es dir nicht gefällt, sprayst du wieder drüber.“

Weitere Informationen im Internet:www.jugendkreuzweg-online.de

Doch bevor es ans Sprayen geht, wartet erst einmal der Computer. „80 Prozent der Schablone entstehen am Rechner, 20 Prozent beim Schneiden“, beschreibt er. „Für den Kreuzentwurf habe ich mir verschiedene Kreuze angeschaut und dann letztendlich aus dreien eins gemacht: Von dem einen sind die Füße, von dem anderen ist der Kopf oder der Oberkörper.“ Anschließend druckt er das Bild aus, klebt die Seiten zusammen und schneidet es zurecht. „Das Stencil für das Kreuz besteht aus neun Blättern.

JesusArt mit Firmlingen in Geldern

Springwald wollte den Kreuzweg „JesusArt“ in die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen holen – zusammen mit ihnen: für die Firmvorbereitung 2015 in Geldern am Niederrhein hat der gebürtige Finne einen Jugendkreuzweg erarbeitet, den er dann gemeinsam mit den Jugendlichen in der Karwoche gesprayt hat. „Dazu habe ich Themen gesucht, die in ihrem Alltag präsent sind.“

Springwald setzt dabei das Sprayen und die Stencil-Technik gezielt ein, „um Kindern und Jugendlichen die persönliche Auseinandersetzung mit der Vielschichtigkeit ihres Lebens zu ermöglichen“. Herausgekommen sind drastische Bilder wie ein ertrunkener Flüchtling, der eine Rettungsweste trägt, den Körper in Kreuzform ausgebreitet. „Die Jugendlichen sollen merken, dass der Kreuzweg nicht etwas Vergangenes ist, sondern immer noch brandaktuell.“

Die alte Holzbohle ist fast nicht wiederzuerkennen. Mika Springwald hat ihr buchstäblich neues Leben eingehaucht. Das schäbige Grau ist einem rot-blauen Farbenmeer gewichen, eine weiße Christusfigur fast greifbar in dessen Mitte. Schon Jesus habe gewusst: „Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“