Bundesweite Eröffnung an diesem Sonntag auf dem Domplatz

Missio-Aktion startet in Münster – Beispielland Nordost-Indien

Als Christa Kortwinkel und Hans-Georg Hollenhorst aus der Fachstelle Weltkirche des Bistums Münster im März 2019 mit einer kleinen Delegation in den Nordosten Indiens flogen, war das eine Reise ins Blaue. Die Region zwischen Bangladesch, Bhutan und Myanmar war ihnen gänzlich unbekannt. Nicht nur ihnen: Das Gebiet aus vielen Hochebenen rund um den Fluss Brahmaputra ist auch für viele Inder ein fremder Landesteil: Schwer zugänglich, nur über eine Landenge mit dem übrigen Indien verbunden und mit eigenständiger Kultur.

Je bekannter den Besuchern die sieben Bundesländer dieser Region wurden, desto mehr waren sie von ihnen begeistert. „Viel unberührte Natur, unterschiedliche städtische und ländliche Kulissen, beeindruckende Menschen“, erinnert sich Hollenhorst, der im Bistum für die Arbeit des katholischen Hilfswerks Missio zuständig ist. „Und vor allem eins: Eine große Gastfreundschaft.“ Die begleitete sie bei ihrer zehntägigen Reise durch fünf Diözesen.

Pfarreien hoch in den Bergen

Keiner dieser Tage glich einem anderen, sagt Kortwinkel. „Die Kulissen änderten sich genauso wie die Menschen.“ Die vielen Volksstämme dort haben eigene Sprachen und Gesetze. Die Natur wechselt von tropisch in den Tiefebenen bis zu karg in den Bergregionen. „Gerade wenn es in die Berge ging, wurde es abenteuerlich.“ Die Infrastruktur war schlecht. „Da haben wir für 100 Kilometer mit dem Auto auch mal acht Stunden gebraucht.“

Der Weg in die Höhen lohnte sich aber besonders. Denn dort oben gibt es die meisten der vielen Pfarrgemeinden, die in den vergangenen Jahren entstanden. Für die Menschen in diesen abgelegenen Gebieten war der Besuch der Europäer oft etwas Exotisches, sagt Hollenhorst. „Als Deutsche wurden wir mit großer Dankbarkeit begrüßt.“ Warum? „Es waren häufig deutsche Missionare, die vor über 100 Jahren als erste zu ihnen gekommen waren.“

Intensives Glaubensleben

Die Intensität des Glaubenslebens beeindruckte die Delegation. Sie machten die Erfahrung, dass sich in den von den Gemeindezentren meist Tagesreisen entfernten Dörfern eigene religiöse Strukturen entwickelten. „Gebetsgemeinschaften, Bibel-Gruppen, feste Verankerung des Glaubens im Alltag“, zählt Hollenhorst auf. Impulse dazu kommen durch die Besuche der Seelsorger, meist Ordensschwestern, die tagelange Fußmärsche durch die Berge auf sich nehmen, um einige Tage im Ort zu bleiben. „Sie arbeiten dort mit, beten gemeinsam, geben Katechese.“

Der christliche Glauben ist in diesen Breitengraden ein Wachstumsbereich. „Eine echte Erfolgsgeschichte, die wir in Deutschland so nicht mehr kennen“, sagt Hollenhorst. Die Missionare folgten dabei immer dem gleichen Prinzip. „Zuerst bauen sie eine Schule mit Internatsgebäude, kleine Häuser für die Teams von Priestern, Ordensschwestern und Lehrern – am Ende wird dann eine Kirche gebaut.“ Bis dahin werden Gottesdienste unter freiem Himmel gefeiert. So gibt es Pfarreien mit tausenden Mitgliedern, aber noch keiner Kirche. „Es zählen zuerst die alltäglichen Sorgen der Menschen – der Glaube orientiert sich an ihrer Lebenssituation.“

Kinder als die eigentlichen Missionare

Welche Anziehungskraft diese Missionszentren haben, konnten Hollenhorst und seine Begleiter erleben. Die Schulen waren voll, die Kinder mit Begeisterung bei der Sache. „Als in einem Schulgottesdienst das erste Lied angestimmt wurde, lief es mir eiskalt über den Rücken.“ So laut und enthusiastisch hatte er lange kein Kirchenlied mehr gehört.

Ohnehin seien die Kinder die heimlichen Missionare in dieser Region, sagt Kortwinkel. „Sie bringen ihre Glaubenserfahrungen in die Dörfer und berichten ihren Familien davon.“ Für die tue sich darin eine neue Welt auf, da sie zuvor allein mit Stammesriten und naturreligiösen Einflüssen gelebt hätten. Die Bibel sei für viele ein unbekanntes Buch. „Und dann läuft der Sohn in den Ferien zu Fuß mehrere Tage durch die Berge und schläft im Freien, um am Ziel von der Botschaft Jesu zu erzählen.“ Das habe große Ausstrahlung.

Es ist eine junge Kirche im Nordosten Indiens. Einige Diözesen gibt es erst seit wenigen Jahren. Trotzdem ist eine große Dynamik zu spüren, sagen Kortwinkel und Hollenhorst. Sie besuchten eine Pfarrgemeinde, in der in nur wenigen Wochen über 600 Christen getaufte worden waren. Das alles funktioniert ohne große Kirchen-Bürokratie oder großem Personalaufwand. „Aber mit enormer Leidenschaft.“

Keimzellen der Mission

Indische Tradition: Zur Begrüßung gibt es einen Schal. Der Bischof von Itanagar, John Thomas Kattrukudiyil (zweiter von rechts), empfing die Delegation aus Deutschland (von links): Christa Kortwinkel, Hans-Georg Hollenhorst, Werner Meyer zum Farwig von Mis Zur Begrüßung gibt es einen Schal. Der Bischof von Itanagar, John Thomas Kattrukudiyil (zweiter von rechts), empfing die Gäste aus Deutschland (von links): Christa Kortwinkel, Hans-Georg Hollenhorst, Werner Meyer zum Farwig (Missio), Johannes Hunkenschröder (Katholische Landjugend) und Thomas Kamp-Deister. | Foto: privat

Die riesigen Pfarreien werden erst verkleinert, wenn wieder ein Seelsorge-Team aus Ordensleuten und Priestern aufgestellt werden kann. Bis dahin bleibt die Missionsstation die Keimzelle, von wo aus die Seelsorger in die entlegenen Regionen aufbrechen. „Touring Sisters“ werden die Ordensfrauen auch genannt, mit Medikamenten und Bibel im Rucksack.

„Mit welcher Freude sie das tun, ist faszinierend“, sagt Hollenhorst. „Sie sind Christen aus Leidenschaft.“ Auf ihren Wegen kommen sie sowohl in ländliche Gebiete, wo es den Menschen etwa durch den Kardamom-Anbau vergleichsweise gut gehe. Aber auch in die so genannten „Rattenlöcher“, jene Kohleminen, in denen die Menschen unter extremen Bedingungen ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. „Allen gemein ist die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit.“

Stärkung für Deutschland

Diese Erfahrungen haben die Besucher aus Münster persönlich geprägt. „Viele Probleme in der deutschen Kirche kratzen auch an meiner Glaubens-Motivation“, sagt Hollenhorst. Wer aber die Menschen im Nordosten Indien erlebe, komme gestärkt zurück. „Es ist ein Wahnsinns-Gefühl, wenn in der Gemeinschaft keine theologischen Debatten wichtig sind, sondern einfach nur der gemeinsame Glaube.“

Monat der Weltmission: Eröffnung in Münster
Der Weltmissionssonntag am 27. Oktober ist die größte Solidaritätsaktion der Katholiken weltweit. Mehr als 100 päpstliche Missionswerke auf allen Kontinenten sammeln an diesem Sonntag für die pastorale und soziale Arbeit der Kirche.

Schwerpunktregion ist in diesem Jahr Nordost-Indien. Mehr als drei Wochen lang sind Missio-Projektpartnerinnen und -partner aus dieser Region vom 3. bis zum 27. Oktober bei Veranstaltungen in deutschen Diözesen zu Gast. Zudem stellt Missio umfangreiches Informations- und Arbeitsmaterial zur Verfügung.

Die bundesweite Eröffnung der Aktion findet am 6. Oktober in Münster statt. An diesem Tag wird auch das Erntedankfest gefeiert, weshalb sich die Katholische Landvolkbewegung (KLB) und die Katholische Landjugenbewegung (KLJB) aus dem Bistum am Fest beteiligen. Beginn ist um 11.45 Uhr mit einem Freiluftgottesdienst mit Bischof Felix Genn auf dem Domplatz in Münster. Ausstellungen, Musik und Informationsangebote schließen sich an.