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Vivien Kibwebwe wird in der Osternacht getauft

Mit 31 Jahren auf dem Weg zur Taufe

Vivien Kibwebwe kam aus Ostberlin ins Münsterland. Ein Ortswechsel, der es in sich hatte. Dort eine Jugend fern von Religion, hier mit ihrer Familie im volkskirchlichen Umfeld. Das wirkte: In der Osternacht wird sie getauft.

Warum sie plötzlich so auf die Dinge schaute, kann sie sich selbst nicht erklären. Aber als ihre Mutter vor etwa zehn Jahren starb, war für Vivien Kibwebwe klar, dass sie ihr im Himmel wieder begegnen würde. „Für mich war sie zu Gott gegangen“, sagt die 31-Jährige. Eine andere Antwort war ihr in ihrer Trauer nicht in den Sinn gekommen.

Logisch war ihre Schlussfolgerung aber nicht. Denn bis dahin war sie mit Glaube und Religion so gut wie gar nicht in Berührung gekommen. Als sie in Ostberlin geboren wurde, stand die Mauer noch. Die Eltern hatten keinen Kontakt zur Kirche. Nur später, im Religionsunterricht an der Grundschule, hörte sie etwas von den zehn Geboten. „Von einem Glaubensgefühl war das alles weit entfernt“, sagt Kibwebwe. „Das war nur ein klein wenig Wissen über das Christentum.“

"Ich kann nicht alles erklären"

Sie zuckt lächelnd die Achseln. „Warum ich plötzlich diese religiösen Gedanken hatte, kann ich mir nicht erklären.“ In ihrem Reihenhaus in Harsewinkel schaut sie auf einen Weg zurück, der sie in der kommenden Osternacht an das Taufbecken in der Klosterkirche in Marienfeld führen wird. „Ich kann einige Stationen erklären, die wichtig waren – warum ich sie angesteuert habe, aber nicht.“

Der Umzug in den Heimatort ihres Mannes im östlichen Münsterland war sicher entscheidend. Eigentlich kam sie, „weil ich das Dörfliche liebte und der Traum von einem eigenen Haus in Berlin gar nicht zu realisieren gewesen wäre“. In Harsewinkel aber betrat sie dabei eine traditionelle katholische Umgebung, die für sie völlig ungewohnt war. „Taufen, Hochzeiten, Feste – alles hatte hier etwas mit dem christlichen Glauben zu tun.“

Katholisches Wellness

Und so saß sie immer öfter auf einem Platz, der mehr als zwei Jahrzehnte auf ihrer inneren Landkarte nicht vorgekommen war: in der Kirchenbank. Und das zunehmend mit einem wohltuenden Gefühl, sagt sie: „Ich finde Ruhe, Entspannung, kann durchatmen.“ Wenn Kibwebwe das beschreibt, hört sich das ein wenig an wie katholisches Wellness. Für sie ist das kein schlechter Vergleich: „Abseits vom Alltag, von Arbeit, von Verpflichtungen einfach für sich sein – und das ohne Handy!“

In ihren strahlend blauen Augen ist dieses Wohlfühlen abzulesen, wenn sie das sagt. Eindeutig: Sie weiß diese Momente zu schätzen. „Weil ich sie wirklich brauche.“ Halbtagsjob und zwei kleine Kinder bringen genug Alltagsrummel. Da ist eine Stunde in der Kirche wie eine Oase. Wie am vergangenen Aschermittwoch: „Ein toller Gottesdienst mit richtig schönen Gedanken und wunderbarer Musik.“

„Das hätte sich nicht echt angefühlt“

Aber reicht das, um den Entschluss zu fassen, in die Glaubensgemeinschaft einzutreten? „Das haben die Kinder geschafft.“ Sie zeigt auf die großen Spieleteppiche vor der Fensterfront im Wohnzimmer, die von ihrem vierjährigen Sohn und der zweijährigen Tochter in Beschlag genommen werden, sobald sie diese aus der Kindertagesstätte abgeholt hat. „Hier in Harsewinkel war es keine Frage, dass sie getauft würden“, sagt Kibwebwe. „Das gehört hier einfach dazu.“

Dazu gehörten auch die Tauf-Vorbereitungen und die Taufgottesdienste. Und die ließen Kibwebwe noch einmal emotional in den christlichen Glauben eintauchen. „Da gab es viele schöne Momente.“ Die sie letztlich auf die Idee brachten, selbst einmal im Pfarrbüro von St. Lucia anzufragen, ob auch sie sich noch taufen lassen könne. „Ich fand, dass die Taufen meiner Kinder sonst eine halbe Sache geblieben wären – das hätte sich nicht echt angefühlt.“

Ein Mönch half ihr auf dem Weg

Ihr Entschluss liegt jetzt fast ein Jahr zurück. Er war der Anfang eines Wegs, auf dem sie immer wieder neu bestärkt wurde, die richtigen Schritte zu tun, sagt Kibwebwe. Gemeinsam mit Benediktinerpater Gottfried Meier aus dem Kloster in Marienfeld ging sie diese. „Mit tollen Gebetstexten, Gedichten und Bibelstellen.“

Die Gespräche mit dem Ordensmann waren der Kern der Vorbereitung. „Da ging es mal ums Weltall, mal um die Weihnachtsgeschichte oder um den Blick auf andere Religionen.“ Immer mit Tiefe, immer mit neuen Perspektiven für sie. „Wir sind auch mal vom Thema Gurke und Schokolade zur Frage gekommen, wie unterschiedlich Sichtweisen doch sein können.“

„Ich hatte gehörigen Respekt vor dem Bischof“

Sie lernte Kirche kennen – nicht anders, sondern erstmals. Ihr gutes Gefühl aus der Kirchenbank fand oft Bestätigung. Auch als sie Anfang März zum Zulassungsgottesdienst für erwachsene Taufbewerber in den Paulusdom nach Münster fuhr. „Ich hatte schon gehörigen Respekt vor der Begegnung mit dem Bischof.“ Einen solchen Würdenträger kannte sie vorher nur aus dem Fernsehen. Von der Vesper mit dem persönlichen Segen durch Felix Genn berichtet sie heute aber begeistert. „Als meine Kinder durch die Kirche turnten, lächelte er und sagte, wir bräuchten sie nicht zurechtzuweisen.“ Wohltuend sympathisch war das, sagt Kibwebwe.

Eine Sympathie gegenüber der Kirche, die heute in der Gesellschaft eher die Ausnahme ist. Das weiß sie. Die Kirchenkrisen berühren auch sie. „Natürlich sehe ich einiges kritisch.“ Sie trennt es von ihrem Weg zum Taufsakrament. „Bei mir geht es ja nicht um Kirchenpolitik, sondern um meinen persönlichen Glauben.“

Alle Fragen beantwortet?

Und der hat sich in den vergangenen Monaten weiterentwickelt. Ihr Ausgangspunkt war die eigene Lebensgeschichte. Die neue Kulisse der Volksglaube in Harsewinkel mit seinen Traditionen. Entscheidende Impulse kamen von ihren Kindern.

Bei der Frage, ob sie die existenziellen Fragen beantworten konnte, die sie aus Berlin mit ins Münsterland brachte, überlegt Kibwebwe kurz. Dann lächelt sie wieder mit ihren hellblauen Augen. „Nein“, sagt sie. „Antworten auf alles habe ich nicht gefunden.“ Aber etwas anderes: „Ich habe Frieden mit den Dingen schließen können.“

Erwachsenentaufe
13 Erwachsene aus verschiedenen Pfarreien im Bistum Münster hat Bischof Felix Genn Anfang März im Paulusdom zur Taufe oder Firmung zugelassen. An Ostern werden sie in ihren Heimatgemeinden getauft, gefirmt und die erste heilige Kommunion empfangen. Vor Beginn der Vesper hatten die Pfarreienvertreter die Bewerber im Kreuzgang des Doms dem Bischof vorgestellt und ihm ein Sendschreiben der jeweiligen Pfarrer überreicht. Dabei baten sie den Bischof, ihre Bewerber zur Taufe zuzulassen. Diese Zulassung vollzog Genn während der Vesper, indem er den künftigen Täuflingen die Hand auflegte. Die Bewerber waren zuvor intensiv auf den Empfang der Sakramente vorbereitet worden. Haupt- und Ehrenamtliche aus den Pfarreien hatten sie auf ihrem Weg über mehrere Monate begleitet. (pbm, mib)

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