Ordensschwester im Clemenshospital Münster tätig

Pastoralreferentin Schwester Lucia: „Seelsorge kann mehr als fromm sein“

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Früher waren sie die guten Seelen in vielen Krankenhäusern, heute sind immer weniger Ordensschwestern dort aktiv. Eine von ihnen ist Schwester Lucia Dießel. Als Pastoralreferentin ist sie im Clemenshospital in Münster tätig.

Schwester Lucia Dießel arbeitet hauptamtlich als Seelsorgerin im Clemenshospital in Münster. Sie ist dort über ihren Orden der Clemensschwestern als Pastoralreferentin angestellt. Ihre Arbeit im Krankenhaus verrichtet die Ordensschwester in Zivilkleidung. Und auch sonst pflegt sie ein pragmatisches Verhältnis zu ihrem Glauben.

Lucia Dießel wurde 1956 in Osnabrück geboren. Nach dem Schulabschluss absolvierte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester, mit 23 Jahren trat sie bei den Clemensschwestern ein. Parallel zu ihrer Arbeit als Krankenschwester im Uniklinikum Münster studierte sie Theologie, wurde Pastoralreferentin und spezialisierte sich auf Krankenhausseelsorge. Heute leitet sie als Koordinatorin die Seelsorge im Clemenshospital.

Religion ist ihre „Kraftquelle“ für Schwester Lucia

Der Glaube und die Gemeinschaft im Mutterhaus an der Klosterstraße geben Schwester Lucia Halt und Struktur, erzählt sie. Der Tagesablauf der Clemensschwestern ist ursprünglich auf die Pflege kranker Menschen ausgerichtet, und weil ihr Zeit zum Gebet fehlte, ließ sich Schwester Lucia vor einiger Zeit beurlauben, um im Klarissenorden am Domplatz in Münster zu leben. „Mir ist in diesen zwei Jahren jedoch klar geworden, dass ich alles, was ich gesucht habe, in mir trage. Also bin ich zurückgegangen zu den Clemensschwestern“, resümiert die Ordensfrau.

Ihre Neugier auf andere Menschen und die Lust am Austausch mit ihnen sind Schwester Lucias Antrieb bei ihrer Arbeit im Krankenhaus. Vorrangig gehört die seelsorgliche Begleitung von Patientinnen und Patienten, deren Angehörigen sowie der Mitarbeitenden zu ihren Aufgaben. Außerdem gibt sie Exerzitien und ist zweite Vorsitzende des klinischen Ethikkomitees der Alexianer, der Trägergesellschaft des Clemenshospitals. Darüber hinaus gehört sie zum unterstützenden Team des Darmkrebs-Zentrums und des Palliativ-Teams.

Offen sein für andere als Voraussetzung

In dem katholischen Krankenhaus werden auch Menschen behandelt, die nicht gläubig sind oder einer nicht-christlichen Religion angehören. Ihre seelsorgliche Arbeit mit diesen Patientinnen und Patienten unterscheide sich jedoch nicht, sagt Schwester Lucia. „Wir können ja auch über Fußball sprechen oder über den leider verlorenen dritten Platz bei der Handball-EM“, sagt sie lachend. Als Seelsorgerin trage sie ihren Glauben immer im Herzen, aber begegne ihren Gesprächspartnern als Mensch: „Jesus ist mein Vorbild – er ist auch zu allen gegangen.“ Damit ein Gespräch entstehen kann, müsse die Chemie passen: „Das liegt immer an beiden Seiten“, weiß Schwester Lucia. Und wenn jemand ihr seelsorgliches Angebot ablehne, dränge sie sich nicht auf. Sie lasse ihre Visitenkarte da und gehe wieder.

„Wir sind die einzige Profession im Krankenhaus, die keinen Auftrag hat“, stellt Schwester Lucia fest. Damit meint sie, dass Medizin- und Pflegepersonal immer mit einem bestimmten Ziel an die Kranken herantreten: eine Untersuchung oder Therapie durchführen, bei der morgendlichen Hygiene unterstützen oder ein Medikament verabreichen. Wenn hingegen Schwester Lucia als Seelsorgerin das Zimmer eines Patienten betritt, wolle sie nur eins: „dass mein Besuch dem erkrankten Menschen guttut“.

Besonderes Erlebnis auf der Intensivstation

Ein Erlebnis ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: Sie hatte einen jungen Patienten auf der Intensivstation besucht, der beatmet wurde und nicht bei Bewusstsein war. Dennoch sprach sie mit ihm und erzählte ihm von ihrem Tag. Als ihm am nächsten Morgen die Beatmungsschläuche gezogen werden konnten und er wieder aufwachte, ging sie erneut zu ihm und stellte sich vor. Der Patient, erzählt sie, habe ihr gesagt: „Ich kenne ihre Stimme!“ Diese Erfahrung bestätigte Schwester Lucia darin, auch mit schwerstkranken Menschen, die nicht reagieren können, zu sprechen.