Maria Mesrian sieht keinen Fortschritt in Missbrauchs-Aufarbeitung

„Reine Schaufensterpolitik“ – die Nennung von Täternamen in Aachen

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Das Bistum Aachen hat 53 Namen von Missbrauchs-Tätern und mutmaßlichen Tätern öffentlich gemacht. Ein bisher einmaliger und weithin bemerkter Vorgang - der aber mit Aufarbeitung wenig zu tun hat, meint Maria Mesrian.

53 Täternamen hat das Bistum Aachen in dieser Woche veröffentlicht. “Wir machen für keinen mutmaßlichen Täter eine Ausnahme, ganz gleich, welchen Rang er zeitlebens einnahm", erklärte Helmut Dieser, Bischof von Aachen und Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz das „bundesweit einzigartige Vorgehen“. Damit stellt er sich an die Spitze einer vermeintlich transparenten Aufklärung.

Fünf Jahre sind seit der MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker in der römisch-katholischen Kirche vergangen. Zwölf Bistümer haben inzwischen Gutachten mit unterschiedlichen Schwerpunkten veröffentlicht. Ans Licht gekommen ist die jahrzehntelange, bis heute stattfindende, massive Vertuschung auf Seiten der Kirchenverantwortlichen. Präsentieren sich die Bischöfe bei jeder Gutachtenveröffentlichung als Aufklärer, so muss man jedoch sagen, dass keiner der Amtsträger Konsequenzen für sich zieht. Bis heute sind die in der MHG-Studie klar benannten systemischen Ursachen, die sexuellen Missbrauch begünstigen, nicht beseitigt.

Aufklärung ist nicht Aufarbeitung

Die Autorin
Die Theologin Maria Mesrian aus Köln engagiert sich in der kirchlichen Reformbewegung Maria 2.0 und ist Vorsitzende des Vereins "Umsteuern! Robin Sisterhood", der eine kirchenunabhängige Beratungsstelle für kirchliche Missbrauchs-Betroffene betreibt.

Dass Aufklärung durch Gutachten nicht schon Aufarbeitung ist, haben die Verantwortlichen bis heute nicht begriffen. Sexualisierte Gewalt und deren Vertuschung geschieht in allen Institutionen, aber in keiner ist die moralische Fallhöhe so hoch wie in der katholischen Kirche. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Diese Maxime, die die kirchlichen Amtsträger leiten sollte, verraten sie mit jedem Tag, an dem sie sich notwendigen Reformen versperren.

Missbrauchsbetroffene tragen schwer an den Verbrechen, die sie als Kinder und Jugendliche erfahren haben. Die Verzögerungs- und Hinhaltetaktiken der Kirchenverantwortlichen steigern dieses Leid um ein Vielfaches.

Noch nicht einmal ansatzweise auf den Weg gebracht

Den Verfahren der „Unabhängigen Kommission zur Anerkennung des Leids“ fehlt die versprochene Rechtsstaatlichkeit: Die Antragstellung ist retraumatisierend, Betroffene werden nicht persönlich angehört, der Umgang mit den Anträgen ist intransparent, über Entscheidungsgründe bei Widerspruchsverfahren werden sie nicht informiert. Die Anerkennungsleistungen werden als willkürlich empfunden. Es liegt in unserer Verantwortung als Katholik:innen, eine Änderung dieser Praxis zu fordern.

Die Nennung der Klarnamen im Bistum Aachen ist reine Schaufensterpolitik, solange Helmut Dieser als Missbrauchsbeauftragter sich nicht für eine Kehrtwende in der Entschädigungspraxis und für die Beseitigung der systemischen Ursachen einsetzt. Ich kenne keinen Betroffenen, der von dieser öffentlichen Nennung profitiert. Aufarbeitung in der römisch-katholischen Kirche ist auch fünf Jahre nach der MHG Studie nicht einmal ansatzweise auf den Weg gebracht.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.