Nicht alles passt zum Auferstehungsglauben

Seebestattungen – Wenn das Meer zum Friedhof wird

Noch liegt die MS Horizont im Hafen von Harlesiel. Möven kreischen, Touristen schlendern die Mole entlang. Erst in zwei Stunden geht es wieder hinaus zu einer Urnen-Seebestattung. Wie mittlerweile an jedem Wochentag, auch sonntags.

Siebeneinhalb Stunden am Tag lässt die Flut Touren in das Gebiet zwischen Wangerooge und Spiekeroog zu. Dort lässt Reeder Dieter Albrecht Urnen beisetzen. Die Zeit reicht für drei Seebestattungen am Tag. Sechs angestellte Kapitäne fahren abwechselnd. Bald kommt ein zweites Bestattungsschiff dazu. Die Nachfrage boomt.

Mehr als 15.000 Beisetzungen auf See

Die MS Horizont ist eines von demnächst zwei Bestattungsschiffen der Reederei Albrecht. | Foto: privat
Die MS Horizont ist eines von demnächst zwei Bestattungsschiffen der Reederei Albrecht. | Foto: privat

Auf jährlich mehr als 15.000 Beisetzungen auf See schätzt Oliver Wirthmann die Zahl derzeit, exakte Statistiken gebe es nicht, so der Pressesprecher des Bundesverbands deutscher Bestatter. In vielen Küstenorten an der Nord- und Ostsee bieten Reeder wie Dieter Albrecht ihre Dienste an.

Früher entschieden sich fast nur Seeleute dafür. Heute hat es Albrecht mit Menschen aus ganz Deutschland zu tun. Urlauber zum Beispiel, die über Jahre ihre Ferien an der Küste verbracht haben.

Es kommt auf den Willen an

Voraussetzung ist eine schriftliche Willenserklärung des Verstorbenen. Sollte sie fehlen, können auch die Hinterbliebenen dessen Wunsch nach einem Grab im Meer bestätigen. Die Bestatter vor Ort kümmern sich dann um die Einäscherung und den Kontakt zu Seebestattern wie Dieter Albrecht.

Für manche ist der Preis ein Argument. „Auf 20 Jahre gerechnet kostet eine Seebestattung etwa die Hälfte einer Erdbestattung“, rechnet Albrecht vor. Weil weder Grab noch Grabstein gekauft werden müssen und die Grabpflege wegfällt.

Ein Grab zum Trauern fehlt

Dieter Albrecht vor der „Brücke der Erinnerung“, die er für Angehörige von auf See Bestatteten gebaut hat. | Foto: Michael Rottmann
Dieter Albrecht vor der „Brücke der Erinnerung“, die er für Angehörige von auf See Bestatteten gebaut hat. | Foto: Michael Rottmann

Aber: Angehörige finden eben auch kein Grab zum Trauern. Als Ersatz haben manche Seebestatter Gedenkstätten errichtet. In Hooksiel dient dazu seit 2010 ein besonderer Findling im Hafen, in Wilhelmshaven 2011 eine Anlage mit Blick auf die Nordsee. Albrecht hat sich für einen Holzsteg entschieden, den er „Brücke der Erinnerungen“ nennt.

Bis Windstärke acht fährt die MS Horizont zu Beisetzungen hinaus. Etwa eine Stunde braucht das Schiff pro Weg. Die Fahne am Heck weht auf Halbmast, und wenn die Maschinen stoppen, beginnt die Zeremonie. „Nach seemännischer Tradition“, wie Albrecht betont. Sein Urgroßvater war Leuchtturmwärter, sein Vater fuhr Fahrgastschiffe.

Nicht alles passt zum Auferstehungsglauben

Je nach Wunsch halten der Kapitän, ein Trauerredner oder ein protestantischer Pastor eine Ansprache – oder ein katholischer Seelsorger. Aber das ist so selbstverständlich nicht. Die Frage lautet: Welche Vorstellung verbinden Menschen mit einem Grab im Meer? Etwa eine anonyme Wiedervereinigung mit der Natur? Und: Ist das überhaupt vereinbar mit dem Glauben an die Auferstehung?

Stille Bestattungen
Die Alternative zur Seebestattung mit Trauergästen ist eine so genannte „stille“ Bestattung. Es ist die günstigste Variante. Für Reeder Albrecht in Harlesiel machen stille Bestattungen derzeit etwa zehn Prozent aus. Er lässt dabei jeweils maximal drei Urnen pro Fahrt zu Wasser. Auch sie, wie er betont, ohne Abstriche streng nach seemännischem Brauch. Die Hinterbliebenen stiller Beisetzungen bekommen anschließend ebenfalls einen Auszug aus dem Schiffstagebuch und die Beisetzungskoordinaten zugeschickt. Dennoch hat Albrecht bei solchen Fahrten manchmal ein ungutes Gefühl. Besonders aus dem Raum Berlin bekomme er in letzter Zeit vermehrt solche Aufträge. Er fragt sich, ob nicht in manchen Fällen eine Art von Entsorgungsmentalität dahintersteckt.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat deshalb beim Thema Seebestattungen grundsätzliche Vorbehalte. In der 2017 aktualisierten Schrift „Tote begraben und Trauernde trösten“ heißt es: „Sofern die Seebestattung aus Gründen gewählt wird, die der christlichen Glaubenslehre widersprechen, ist ein  kirchliches Begräbnis nicht möglich“. Es kommt also auf den Einzelfall an.

Von Pavarotti bis Lindenberg

Pfarrer Lars Bratke, Urlauberseelsorger im nahen Schillig, war selbst schon öfter bei Beisetzungen auf der MS Horizont dabei. „Im Sinne der Barmherzigkeit dem Verstorbenen gegenüber und im Sinne der Seelsorge, was die Angehörigen angeht“, sagt er und zeigt sich beeindruckt vom Bemühen der Reederei um eine würdige Zeremonie.

An deren Ende wird die Urne ins Wasser gelassen, auf Wunsch mit musikalischer Begleitung. Die Reederei hat verschiedene Stücke im Angebot: von Pavarotti bis Lindenberg.

Nach 24 Stunden darf nichts mehr übrig sein

Wenn die Wellen die Urne geschluckt haben, ertönt die Schiffsglocke acht Mal. „Das traditionelle Zeichen für den Wachwechsel an Bord“, erklärt Dieter Albrecht. Anschließend dümpelt meist noch ein Kranz oder ein Blumengebinde über der Stelle, unter der sich die Urne dann zügig auflöst. Nach spätestens 24 Stunden darf nichts mehr übrig sein.

Dafür gebe es heute in Niedersachsen keine Ortsvorgaben mehr, erklärt Albrecht. „Früher ging das nur in vorgegebenen Gebieten wie Steingrund bei Helgoland oder Borkum Riff. Wo nicht mit Schleppnetzen gefischt werden kann, weil da viele Steine liegen. Damit sich keine Urne im Netz verfing.

Venedig liegt im Trend

Nach einer Ehrenrunde tuckert das Schiff zurück in den Hafen. Auf Wunsch serviert die Crew den Beerdigungskaffee, je nach Geschmack und Geldbeutel von Bienenstich bis Lachsschnittchen. Und zum Abschluss bekommen die Angehörigen noch die „Seegrabmappe“ mit einem Auszug aus dem Schiffstagebuch und den genauen Koordinaten.

Albrecht organisiert Seebestattungen weltweit. Egal, ob auf Mallorca, in Thailand oder Amerika. Im Trend liege derzeit Venedig. „Oft genug bei Menschen, die nie zuvor dort waren.“ Die es aber am Ende des Lebens dorthin zieht.

„Nicht alle Anbieter halten Versprechen“
Sich genau informieren – dazu rät Oliver Wirthmann Menschen, die sich für eine Seebestattung interessieren, gerade bei preisgünstigen „stillen“ Beisetzungen ohne Angehörige. Das könne bedeuten, „dass jemand mit einem Sportboot rausfährt und zehn Urnen über Bord kippt“, warnt der Pressesprecher des Bundes Deutscher Bestatter. Rechtlich sei das zwar nicht zu beanstanden, „aber es hat nichts mit einer Bestattung nach seemännischen Gepflogenheiten zu tun und ist das Geld nicht wert“.