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Nordrhein-Westfalen fördert Religionsdialog in Recklinghausen

Was können Schüler im Garten der Religionen lernen, Frau Brocker?

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Sie ist 34 Jahre jung, katholische Religionslehrerin und sie möchte den „Garten der Religionen“ an der St.-Franziskus-Kirche in Recklinghausen zu einem außerschulischen Lernort weiterentwickeln: Irmin Brocker ist neue Ansprechpartnerin für Lehrerinnen und Lehrer, die mit ihren Schulklassen mehr über die Weltreligionen wissen möchten. Mit einer „halben Stelle“, die vom Land Nordrhein-Westfalen finanziert wird, will Irmin Brocker im „Garten der Religionen“ den Religionsdialog weiterentwickeln. Wie und warum sie das machen will, erklärt sie im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“.

Frau Brocker, was hat Sie bewogen, sich auf die Stelle als pädagogische Mitarbeiterin im „Garten der Religionen“ in Recklinghausen zu bewerben?

Interkulturelle und damit auch interreligiöse Kompetenz sind für mich grundlegende Fähigkeiten für eine mündige Partizipation in unserer heutigen Gesellschaft. Diese Kompetenzen können unter anderem durch Erfahrung erworben werden. Um bereits künftigen Religionslehrerinnen und –lehrern während ihres Studiums bei der Ausbildung ihrer interreligiösen Kompetenzen zu unterstützen, rief ich als Studentin in Münster das so genannte „Crossborder-Projekt“ mit ins Leben, bei dem ich die Studierenden ins Heilige Land begleitete.

Was konnten die Studierenden im Heiligen Land erfahren?

Sie konnten dort zum einen religiöse Erfahrungen sammeln und ihrem Glauben auf die Spur kommen. Zum anderen setzten sie sich mit der Bedeutung des interreligiösen Dialogs und der politisch-historischen Brisanz der Stadt Jerusalem auseinander. Es gab ein Praktikum in einer muslimischen Schule für Kinder mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen. Obgleich ich unglaublich gern unterrichte und den Schulalltag mitgestalte, reizte mich die „Garten-Arbeit“ als neue Herausforderung und als sinnige, praktische Weiterführung meiner persönlichen Überzeugungen.

Was fasziniert Sie an den Weltreligionen?

Alle Weltreligionen – egal wann, wo oder wie sie entstanden sind – versuchen Antworten auf Fragen zu geben, die die Menschheit unbedingt angehen: Warum und wofür lebe ich? Wie soll ich mein Leben gestalten und was kommt nach dem Tod?

Warum halten Sie den Dialog der Religionen für so wichtig?

Dialog der Religionen bedeutet für mich, dass Menschen miteinander im Gespräch bleiben. Wir sind kommunikative Wesen und darauf angewiesen, unser Gegenüber kennen zu lernen. Durch die Offenheit zu echter Begegnung entstehen Freiräume für eine friedliche Gestaltung unserer Gesellschaft und Umwelt. Beim „Miteinander reden“ darf Religion kein Tabu-Thema sein.

Welche Erfahrungen haben Sie als Lehrerin im Hinblick auf ein kulturelles Miteinander im nördlichen Ruhrgebiet gemacht?

Der Ideengeber des „Gartens der Religionen“, Pfarrer Bernhard Lübbering (links), im Gespräch mit Irmin Brocker und Mathias Richter, Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen. | Foto: Johannes Bernard
Der Ideengeber des „Gartens der Religionen“, Pfarrer Bernhard Lübbering (links), im Gespräch mit Irmin Brocker und Mathias Richter, Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen. | Foto: Johannes Bernard

Interkulturalität ist Grundlage eines jeden Miteinanders und oftmals auch interreligiös geprägt. An meinem Schulstandort im Ruhrgebiet erlebe ich täglich, wie bedeutsam interkulturelle sowie interreligiöse Kompetenzen für ein respektvolles Miteinander sind, wie wichtig zumindest religionskundliche Kenntnisse über die eigene und die andere Religion als erste Schritte hin zu einer aufgeschlossenen Begegnungshaltung sind und wie wertvoll und nachhaltig Dialog wirken kann, wenn Vorurteile abgebaut werden und ein „Wir-Gefühl“ entsteht.

Warum braucht es noch außerschulische Lernorte, um über den Frieden unter den Religionen zu sprechen?

Frieden muss gemacht werden. Friede darf nicht nur ein Wort sein. In Zeiten, in denen sich in Deutschland wieder wütende Mobs vor Synagogen aufbäumen und Kippa-Träger misshandelt werden, in denen weltweit Frauen und Männer flüchten, weil sie um ihre Freiheit fürchten, und Menschen Religion missbrauchen und zu Tätern werden, scheint mir, dass es viel zu wenige Orte und Momente wahrer Begegnung gibt.

Sie sind katholische Religionslehrerin und unterrichten an einem Gymnasium in Recklinghausen. Wie kann man den Unterricht so spannend halten, dass die Schülerinnen und Schüler Religion und Kirche als wichtig im Leben betrachten können?

Religionsunterricht ist keine Katechese. Als katholische Religionslehrerin ist es meine Aufgabe, Kinder und Jugendliche zu einer kritischen Glaubensentscheidung zu befähigen. Dazu zählt, dass ich ihre religiösen Kompetenzen schule, damit sie religiöse Symbole erkennen und deuten lernen, damit sie sprachfähig werden und in einer immer komplexeren Welt selbstständige Urteile fällen können. Religion ist Teil unser aller Kultur – ob gläubig oder nicht. Auch wegen zahlreicher Verfehlungen in Kirchen oder Religionsgemeinschaften und im Hinblick auf religiösen Extremismus sind Kirchen- oder Religionskritik – nicht nur aufgrund des Lehrplans – selbstverständliche Themen im Religionsunterricht. Mir ist wichtig, meinen Schülerinnen und Schülern die gesellschaftliche wie persönliche Bedeutung von Religion und Geschichte zu verdeutlichen und ihnen die Chance zur individuellen Reflexion zu geben.

Was können Schülerinnen und Schüler daraus lernen?

Gern knüpfe ich an den Fragehorizont der Schülerinnen und Schüler an oder ermögliche ihnen durch forschend-entdeckendes Zeugnislernen und Dialog – auch mit zum Beispiel mit den „local heroes“ oder lokalen Institutionen – einen erfahrungsbezogenes Lernen. Und ich freue mich, wenn die Kinder und Jugendlichen auf ihr Denken Taten folgen lassen und sich infolge des Unterrichts zum Beispiel in der Recklinghäuser Gastkirche engagieren oder ihren jüngeren Mitschülern mit einer „Corona-Karten-Weihnachtsaktion“ Hoffnung und liebe Grüße in den Lockdown hinein senden. Dann habe ich das Gefühl: „Ja, der Unterricht trägt Früchte.“

„Garten der Relgionen“
Der „Garten der Religionen“ wurde im Oktober 2019 eröffnet. Ein Förderverein um den früheren Gastkirchen-Pfarrer Bernhard Lübbering betreibt die Parkanlage hinter der Kirche St. Franziskus in Recklinghausen-Stuckenbusch. 15 Begleiter, darunter auch zwei Muslime, führen Besuchergruppen über das Areal. Der Garten ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet (außer donnerstagvormittags). Gruppen können sich per E-Mail anmelden unter post(at)garten-der-religionen-recklinghausen.de. Für Schulklassen gibt es die Adresse lernort(at)garten-der-religionen-recklinghausen.de.

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