Martin Zumbült zur vierten Synodalversammlung in Frankfurt

Was macht die Herde, wenn die Hirten davonlaufen?

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Die Kirche steckt in der Krise. Die Bischöfe tragen einen großen Teil dazu bei, kommentiert Martin Zumbült nach dem Eklat bei der vierten Synodalversammlung.

Bleiben wir – vielleicht ein letztes Mal – bei der kirchlichen Schäfchen-Metaphorik. „Weide meine Schafe!“, sagt Jesus zu Petrus. Da sieht man vor seinem geistigen Auge den Hirten, der seine Herde auf saftige, grüne Wiesen führt. Allerdings geht ein Hirte, anders als man meinen könnte, der Herde hinterher. Die Schafe wissen, wo grünes Gras ist und was gut für sie ist. Das Gras muss den Schafen schmecken, nicht den Hirten. Die Schafe suchen selbst aus, was sie zu sich nehmen und was für sie ungenießbar ist. Die Hirten achten darauf, dass die Herde beieinander bleibt, und sie wehren Angreifer von außen ab. Darauf muss sich ein Schaf verlassen können, sonst braucht es die Hirten nicht.

Nun haben die Schäfchen den Hirten in Frankfurt klarzumachen versucht, was von den Gewächsen auf der Weide grünes Gras ist und was längst zu ungenießbarem Heu verdorrt ist. Und doch meint mehr als ein Drittel der Hirten, besser zu wissen, was Gras ist und was nicht: Das war doch früher mal grün, das müsst ihr immer noch aufessen! Und die Schafe weigern sich.

Hinter der Lehre verschanzt

Der Autor
Martin Zumbült hat Theologie, Jura und Kirchenrecht studiert und ist seit 2013 Diözesanrichter am Bischöflichen Offizialat Münster sowie Ehebandverteidiger am Bischöflichen Offizialat Aachen. Zuvor war er sieben Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kanonisches Recht der Universität Münster.

Muss die ganze Herde verlorenen Hirten hinterherlaufen? Hat sie nicht das Recht, Hirten in die Richtung zu stupsen, in der die grünen Wiesen liegen? Wenn Hirten diesen Wunsch der Herde immerzu verweigern, droht die Herde zu verhungern. Wenn Hirten in eine Richtung drängen, in der für die Herde keine Nahrung zu finden ist, dann wendet sich die Herde ab und lässt den Hirten zurück.

Für die Herde ist vieles vom anthropologischen, metaphysischen und dogmatischen Überbau nicht relevant. Sie sucht geistliche Heimat, Geborgenheit, einen Platz zum Leben, zum Leben in Fülle. Und wenn die Lehre dem nicht dient, dient sie zu nichts. Viele Hirten merken das und versuchen, „den Geruch der Schafe anzunehmen“, werden dabei aber von über einem Drittel ihrer Kollegen ausgebremst, die sich hinter einer „geltenden Lehre“ verschanzen. Doch Teile dieser „geltende Lehre“ sind es, die uns in die derzeitige Krise geführt haben.

Veränderung braucht Mut

Es ist noch nicht sicher, ob die Kirche diese Krise überstehen wird. Der Katechismus ist nicht unveränderlich und er ist vor allem keine Waffe, um andere in Acht und Bann zu schlagen. Veränderung braucht Mut. Wenn wir gemeinsam auf dem Weg bleiben wollen, dann muss ein mutiger Hirte auch auf die Schafe hören.

Jesus sagt zu Petrus: „Weide meine Schafe!“, und nicht etwa: Die Schafe sind egal, solange ihr ein mächtiger Verein von Hirten seid!

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.