Aufwühlender Gesprächsabend nach Vorwürfen gegen Kaplan G.H.

Weiteres Opfer in Missbrauchs-Skandal von Kevelaer?

Im Rahmen eines Gesprächsabends hat die Pfarrgemeinde St. Marien in Kevelaer über den mutmaßlichen Fall von sexuellem Missbrauch durch Kaplan G.H. informiert. Am Wochenende war im Gottesdienst in Kevelaer der Brief einer Frau verlesen worden, in dem sie dem Geistlichen vorwirft, sie Mitte der 80er Jahre als Mädchen während der Beichte missbraucht zu haben. Das Bistum Münster hatte daraufhin Versäumnisse eingeräumt.

Inzwischen hatte sich nun ein zweites mögliches Opfer beim Bistum Münster gemeldet, das ebenfalls von dem damals in Kevelaer tätigen Kaplan missbraucht worden sein soll. Darüber informierte Peter Frings, Interventionsbeauftragter des Bistums, während der Veranstaltung. Auch sie wolle nicht, dass ihr Fall öffentlich gemacht werde, sagte Frings. Deshalb könne man auch keine weiteren Angaben zu dem Fall machen. Frings räumte ein, dass man seitens des Bistums nicht wisse, ob noch weitere Personen betroffen seien.

Wie weit soll der Opferschutz gehen?

Für die Zuhörer im Saal, die auch aus anderen Gemeinden angereist waren, äußerten ihr Unverständnis, warum Priester ihrer Meinung nach mit anderen Maßstäben gemessen würden als Täter im weltlichen Umfeld. Sie warfen der Kirche vor, sich nicht energisch genug dafür einzusetzen, dass Beschuldigte aus dem Verkehr gezogen würden.

Frings erläuterte, dass ausschließlich bei einem ausdrücklichen Wunsch der Betroffenen zwar Rom, nicht aber die Staatsanwaltschaft informiert werde. Er hob den Opferschutz hervor, dem sich das Bistum sehr verpflichtet fühle. „Wenn es die Betroffenen wollen, dass wir keine Öffentlichkeit herstellen, tun wir das so“, sagte er den Zuhörern.

Eine Aussage, die bei vielen Anwesenden auf völliges Unverständnis stieß. Man dürfe den Opferschutz nicht so überziehen, dass auch die Täter auf diese Weise geschützt würden, entgegneten ihm zahlreiche Zuhörer. Frings räumte ein, dass das Bistum in der Vergangenheit im Umgang mit Beschuldigten Fehler gemacht habe. Früher sei nicht gehandelt worden. „Ich will hier nichts schönreden“, sagte er.

Frings: Anweisungen waren unklar

Peter Frings und Bernadette BaldeauPeter Frings, Interventionsbeauftragter des Bistums Münster, betonte in Kevelaer die Wichtigkeit des Opferschutzes. Neben ihm Bernadette Baldeau, Präventionsfachkraft der Pfarrei St. Marien. | Foto: Jürgen Kappel

Am Beispiel des in Kevelaer tätigen Kaplans sagte Frings, dass Anweisungen und Dekrete nicht klar genug gewesen seien. So habe sich der Beschuldigte auch über das Zelebrationsverbot hinwegsetzen können. Dieses Verhalten habe auch dazu geführt, dass sich die Betroffene schließlich doch an die Öffentlichkeit gewandt habe.

„Wir müssen die Dekrete in Zukunft so fassen, dass alle wissen, wie die Situation überhaupt ist“, sagte Frings. Immer wieder erläuterte er, dass der Opferschutz ihm die Hände binde. Wenn die Betroffenen keine Öffentlichkeit wollten, könne er weder die Staatsanwaltschaft informieren noch eine Versetzung in einen anderen Ort herbeiführen. Denn dort müsste er ja der Grund einer solchen Versetzung genannt werden.

„Wer will schon einen Verbrecher als Priester?“

Ein Betroffener kritisierte den Umgang mit den Beschuldigten. Die Kirche werde immer erst dann tätig, wenn die Opfer sich an die Öffentlichkeit wendeten. Es sei ein Schlag ins Gesicht der Opfer, wenn wie im Falle des Kaplans etwa das Zelebrationsverbot umgangen werde. „Wer will schon, dass ein Verbrecher einem die Messe liest?“, lautete ein empörter Zwischenruf eines Zuhörers.

Für viele waren die Argumente des Missbrauchsbeauftragten nicht verständlich. „Bin ich hier in der Kirche noch zu Hause?“, lautete eine Frage. „Warum sieht so ein Mann, der meine Sünden frei spricht, nicht die moralische Verpflichtung, sich selbst anzuzeigen?“, eine weitere. Die Zuhörer machten deutlich, dass sich das Generalvertrauen in ein Generalmisstrauen verwandelt habe.

Kauling: Ein Abgrund hat sich aufgetan

Immer wieder erläuterten Peter Frings, Bernadette Baldeau, Präventionsfachkraft der Pfarrei St. Marien und Pfarrer Gregor Kauling, dass man bereits viele Schritte gegangen sei, um solche Taten nach Möglichkeit zu verhindern. So gebe es eine Opferschutzanwältin des Bistum und in den Pfarreien seien Schutzkonzepte erarbeitet worden. „Jede Pfarrei weiß, an wen sie sich wenden muss, wenn etwas passiert“, sagte Baldeau.

„Unter uns sind Verbrechen passiert. Ein Abgrund hat sich aufgetan“, schilderte Kauling seine Empfindungen. „Wenn bei ihnen jetzt Zorn aufkommt, bin ich zu 100 Prozent bei ihnen“, sagte der Wallfahrtsrektor.

Hinweis für mögliche weitere Betroffene
Der Interventions-Beauftragte des Bistums Münster, Peter Fring, bittet darum, dass sich möglicherweise andere Betroffene bei den unabhängigen Ansprechpersonen für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs melden: Bernadette Böcker-Kock: 0151-63404738; Bardo Schaffner: 0151-43816695.