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„Sie haben die Priester, wir haben das Geld“

Wenn Weltkirche an Grenzen stößt

2010 veröffentlichte der Münsteraner Religionssoziologe und Theologe Karl Gabriel eine vielbeachtete Studie zu ausländischen Priestern in Deutschland. Im Interview mit Kirche+Leben verrät Gabriel, was sich seitdem geändert hat.

Hier fehlt es an Priestern – in Polen, Indien und afrikanischen Ländern gibt es mehr als genug. Als „global player“ holt die Kirche Geistliche aus anderen Nationen und Kulturen hierher. Doch der Preis ist hoch. Für die Gemeinden, für die „Priester der Weltkirche“ – und im buchstäblichen Sinn. 2010 veröffentlichte der Münsteraner Religionssoziologe und Theologe Karl Gabriel eine vielbeachtete Studie zu ausländischen Priestern in Deutschland. Im Interview mit Kirche+Leben verrät Gabriel, was sich seitdem geändert hat.

Kirche+Leben: Wie kam es überhaupt zu der Studie?

Karl Gabriel: Wir hatten den Auftrag dazu aus der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Der damalige Vorsitzende, der Limburger Bischof Franz Kamphaus, wollte untersuchen lassen, welche Chance und welches weltkirchliche Potenzial ausländische Priester für die deutsche Seelsorge bieten. Wir haben dann in der Vorbereitung intensiv mit den Bistümern und ihren Personal- und Seelsorgeverantwortlichen zusammengearbeitet. Alle waren mit den Fragebögen einverstanden, die wir verschickt haben, und haben uns für die qualitative Studie Gemeinden genannt, wo es gut funktioniert. Am Schluss gab es aber massive Schwierigkeiten mit der Veröffentlichung der Ergebnisse.

Kirche+Leben: Warum?

Gabriel: Allen Beteiligten war vorher klar, dass es Probleme mit ausländischen Priestern gibt. Aber die Studie hat gezeigt, wie groß die Probleme sind, auch zum Beispiel in den angeblichen „Vorzeigegemeinden“. Da gab es am Ende dann eine gewisse Angst, das so deutlich darzustellen.

Kirche+Leben: Was sind die wesentlichen Probleme?

Karl Gabriel, Senior-Professor am Exzellenzcluster Religion und Politik in Münster.
Karl Gabriel, Senior-Professor am Exzellenzcluster Religion und Politik in Münster. | Foto: Johannes Bernard

Gabriel: Als Erstes natürlich die Sprache, und das wurde seitdem auch angegangen, etwa dadurch, dass die grundlegenden Sprachkurse heute viel intensiver und länger sind und das Deutschlernen auch weitergeht, wenn der Priester schon in der Gemeinde angekommen ist.

Dann aber gibt es einfach einen Unterschied in der pastoralen Grundhaltung. Den meisten ausländischen Priestern ist nicht klar, wie intensiv man hier auf die Menschen zugehen muss. Dass Priester nicht von sich aus eine Autorität haben oder sind, sondern dass man sich Autorität verdienen muss. Dass es nicht nur um Rituale geht. Dass es eine sensible Sprache braucht.

Und schließlich bringt der bei vielen übliche Leitungsstil genauso Probleme mit sich wie der gleichberechtigte Umgang mit Frauen, etwa im Pastoralteam.

Kirche+Leben: Hat sich seit Ihrer Studie viel geändert?

Gabriel: Zumindest haben die meisten Bistümer versucht, die Probleme anzugehen, etwa, indem viel größerer Wert auf die Auswahl der Kandidaten gelegt wird. Es gibt in aller Welt hochqualifizierte, sprachbegabte, geistig flexible Priester – wir haben sie den Typus „globale Priester“ genannt –, die kommen gern, und die kommen hier gut zurecht. Aber das sind leider die Wenigsten. Die meisten ausländischen Priester kommen, weil ihr Bischof oder ihr Ordensoberer sie entsendet, meist vertraglich verpflichtet für zunächst fünf Jahre.

Kirche+Leben: Was versprechen sich beide Seiten davon?

Gabriel: Für die Bistümer und Orden aus aller Welt ist die Entsendung eine wichtige Einnahmequelle: Sie haben die Priester, wir haben das Geld. Und das ist erstmal für beide Seiten gut. Ursprünglich hat man ja auch an weltweiten Austausch gedacht, an Geben und Nehmen, an neue Impulse durch interkulturelle Zusammenarbeit. Inzwischen ist es aber so, dass Inder oder Polen oder Afrikaner unseren Priestermangel ausgleichen sollen. Und das kann nicht funktionieren. Man kann nicht unsere deutsche Priesterkirche mit ausländischen Seelsorgern retten.

Kirche+Leben: Sind Sie also gegen den Einsatz ausländischer Priester?

Gabriel: Überhaupt nicht. Ich bin sehr dafür, dass man die interkulturelle und weltkirchliche Dimension ausbaut, zum Beispiel auch in der Zusammenarbeit mit den großen Hilfswerken, die ja vielfältige Kontakte in andere Kontinente haben. Gerade in der heutigen Zeit mit den großen Migrationsbewegungen könnte das helfen, aufeinander zuzugehen, auch vor Ort in unseren Gemeinden.

Aber es ist ja nicht der weltkirchliche Blick, der beide Seiten motiviert. Es ist das Geld auf der einen und die Personalnot auf der anderen Seite. Und da sage ich: Wenn es beim Löcherstopfen bleibt, ist es nicht zu verantworten. Nicht aus Sicht der Priester, die oft gegen ihren Willen hierhergeschickt werden, und nicht für die Zukunft der Kirche und der Gemeinden in Deutschland.

Hintergrund
Laut Statistik waren es 2.338  im Jahr 2015: Priester aus anderen Ländern, die in deutschen Gemeinden als Seelsorger arbeiten. Das sind rund 20 Prozent aller Priester in der Pastoral.
Um das Jahr 2000 herum begann der Versuch, Priester aus anderen Ländern flächendeckend in die deutsche Gemeindepastoral zu integrieren. Inzwischen sind sie in fast allen Diözesen Alltag: die Priester, die schwerpunktmäßig aus Indien und Polen, aber auch aus Südosteuropa und Afrika kommen.
Eines ist klar: Ohne die ausländischen Priester würden Gemeindeverbünde und Großpfarreien noch wesentlich größer ausfallen, würde an wesentlich weniger Orten sonntags die Eucharistie gefeiert. In manchen Bistümern machen sie ein Viertel aller Priester in der Pastoral aus. Man stelle sich vor, sie würden auf einen Schlag in ihr Land zurückgehen.
Die Priester aus der Weltkirche halten zurzeit die sakramentale Struktur der Kirche in Deutschland aufrecht. Und so ist es eher Schönfärberei, wenn etwa das Bistum Rottenburg-Stuttgart auf seiner Homepage schreibt, es setze ausländische Priester keineswegs als „Antwort auf den Priestermangel“ ein; stattdessen sollten sie helfen, „Fremdheit als Bereicherung zu erfahren“.
Richtig ist aber: Die katholische Kirche ist Weltkirche, kulturelle Vielfalt ihre Stärke. Und so wie einst europäische Priester auf anderen Kontinenten den Glauben entfachten, so möchten nun Priester der Weltkirche in Deutschland den Glauben neu entfachen. Begeisterung, Gottvertrauen, Hingabe – das alles bringen sie mit.
Doch wenn in früheren Zeiten europäische Missionare Afrikanern oder Asiaten die europäische Kultur überstülpten, wird heute eine umgekehrte Anpassung erwartet – und das fällt verständlicherweise oft schwer. Konflikte zwischen Priestern und Gemeinden sind mitunter die Folge, das kulturelle Miteinander ist nicht immer einfach. „Manche meiner Mitbrüder können sich wirklich nicht anpassen und scheitern“, gibt der Inder Pater Jose Kuzhichalil zu. Aber er sagt auch: „Manche Gemeinde will einfach keinen Ausländer. Es gibt auch in Kirchengemeinden verdeckten Rassismus.“
Das Bistum Magdeburg geht deshalb einen anderen Weg. „Wir sagen nicht prinzipiell 'Nein' zu ausländischen Priestern“, betont der Leiter des Bereichs Personal, Thomas Kriesel. „Aber wir nehmen sie nur in Einzelfällen, zum Beispiel polnische Abiturienten, die sich hier auf das Priesteramt vorbereiten, aber nicht flächendeckend.“ Die extreme Diaspora sei ein Grund für die Zurückhaltung. Es geht aber auch ums Grundsätzliche. „Wir müssen hier vor Ort selber schauen, wie wir als Gemeinden leben und den Glauben weitergeben können.“ Und auch Kardinal Gerhard Ludwig Müller ist skeptisch und betont in einem gerade erschienenen Buch, das „Umschichten“ von Priestern in andere Kontinente sei „keine grundsätzliche Lösung“.

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