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Wissenschaftlerin erforscht Pilger-Routen des Mittelalters

Wie Ulrike Steinkrüger im Wuppertal den Jakobsweg entdeckte

Ulrike Steinkrüger arbeitet im Auftrag des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL). Sie geht die Routen des Jakobsweg in Deutschland als Wissenschaftlerin, nicht als Pilgerin. Aber begeistert ist sie dennoch.

Es ist 18 Jahre her, dass sie den ersten Fuß auf einen Jakobspilgerweg setzte. „Das war im Wuppertal“, sagt Ulrike Steinkrüger. Sie machte sich auf den Weg nach Schwelm. Jetzt, wo das letzte Teilstück der westfälischen Strecken zwischen Paderborn und Elspe eröffnet wird, erinnert sie sich noch immer genau an ihre erste Feldarbeit als Referentin der Altertumskommission für Westfalen im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). „Denn die Etappe damals ist für mich eine der schönsten geblieben.“

Wenn Steinkrüger erklärt, warum, ist herauszuhören, dass ihre Motivation bis heute wissenschaftlich geblieben ist: „Es gibt dort viele alte Relikte von den historischen Routen, etwa deutlich zu erkennende Hohlwege oder Hinweise auf Richtplätze.“ Sie sagt, dass sie in den vielen Jahren nicht die Seite gewechselt hat – von der Forscherin zur Pilgerin. Sie sagt aber auch, dass sie die Begeisterung immer weiter gepackt hat. Nicht nur für die nüchternen Fakten, sondern auch für die Menschen, die auf den von ihr erforschten Wegen unterwegs sind.

1.000 Kilometer plus Zusatzstrecken

Ihr Stellenumfang wuchs mit ihren Aufgaben. Aus dem Pilotprojekt von Osnabrück nach Wuppertal-Beyenburg wurden nach und nach Folgeaufträge. Ihre Aufgabe dabei war es, jene Routen zu finden, welche die mittelalterlichen Pilger im Westfälischen nahmen, um nach Santiago de Compostela zu gelangen. Sie suchte nach Hinweisen, sowohl in der Natur, als auch in der Literatur und bei Bauwerken. Und sie fand jede Menge. Neue technische Möglichkeiten eröffneten immer neue Erkenntnisse. Zum Beispiel das Geo-Scanning, quasi ein satellitengestütztes Abtasten der Erdoberfläche, brachten viele Dinge zu Tage, die beim Abschreiten der Wege nicht sichtbar waren.

„Etwa 1.000 Kilometer plus einige Zusatzstrecken zur Korrektur“, rechnet sie vor. „Doppelt bin ich ein Stück eigentlich nie gegangen.“ Die Wände in ihrem Büro in Münster haben sich dabei mächtig gefüllt. Die Aktenordner reihen sich meterweise aneinander, gegenüber eine Karte mit den Ergebnissen. Pilger-Requisiten sind dagegen Mangelware. Ein Stock, eine Jakobsmuschel, ein paar Fotos. „Ich war anfangs kein echter Pilger und bin auch nie zu einem geworden.“

Positiver Wildwuchs am Streckenrand


Buchtipp
„Ich bin dann mal hier“
Spiritueller Begleiter auf dem historischen
Jakobsweg von Bielefeld nach Wesel
144 Seiten, 3 €
ISBN 978-3-944974-07-1
Dialogverlag Münster, 2015
www.ich-bin-dann-mal-hier.de
Einfach bestellen beim Dialogversand.

Dennoch scheint durch, dass ihre Arbeit nicht nur wissenschaftliche Spuren bei ihr hinterlassen hat. „Ich konnte Westfalen kennenlernen, wie ich es auf einem Wochenendausflug nie hätte tun können.“ Dazu trugen vor allem die vielen Menschen bei, denen sie begegnete. Und die ihre Arbeit oft begeistert unterstützen. „Herbern“, fällt ihr sofort ein Beispiel von der Route Osnabrück-Wuppertal ein. „Als die Einwohner von unserem Projekt hörten, wurden alle sofort aktiv.“ Private Herbergen wurden angeboten, Stempelstellen organisiert, Rastplätze angelegt. „Alles in Eigeninitiative – sie haben das zu ihrem eigenen Ding gemacht.“

Ein wenig war das ein „Wildwuchs“, sagt Steinkrüger. „Aber in seiner positiven Form.“ Denn Aktivitäten wie diese waren bei fast allen Stationen nie eine Parallel-Veranstaltung, sondern ein wichtiger Baustein der Projekt-Idee. „Die Routen sollen am Leben gehalten werden – es ist wichtig, dass sie nicht nur kartiert und beschildert, sondern auch gelaufen werden.“

Warum sind Pilger unterwegs?

Es geht eben nicht nur um Literatur, um kulturhistorische Fakten oder um Infrastruktur, sondern auch um die Motivation der Pilger. Und in dem Bereich entwickelte sich in den vergangenen Jahren jede Menge, sagt Steinkrüger. „Es entstanden lokale und regionale Gruppen, die sich stark vernetzten.“ Sie boten gegenseitige Unterstützung bei der Herbergssuche, organisierten Informationsveranstaltungen oder trafen sich einfach nur zum Austausch. „Auch die Gemeinden der Kirchen engagierten sich an vielen Orten.“

Kirchen und Kapellen sind ohnehin wichtige Stationspunkte. Nicht nur wissenschaftlich, weil sie für Pilger im Mittelalter natürlich zentrale Anlaufstellen waren. Auch weil die Menschen heute noch gerne Rast dort machen. Heißt das, dass sich immer noch zumeist religiös Motivierte auf den Weg machen? „Nur zum Teil“, sagt die Volkskundlerin. „Die Beweggründe sind unterschiedlich – Abenteuer, körperliche Aktivität, Natur.“ Die Verschnaufpause in der Kirchenbank ist aber für alle eine Option.

Teststrecken für höhere Aufgaben

„Eher ab 50 Jahren, umweltbewusst, kultur-interessiert“, beschreibt Steinkrüger die Kerngruppe der Pilger. Nicht selten nutzen sie die Jakobswege vor der Haustür, um sich auf größere Aufgaben vorzubereiten. „Sie testen ihre Fitness, ihr Schuhwerk und die Größe ihres Gepäcks, um später zum spanischen Camino aufzubrechen.“ Es gibt aber auch die umgekehrte Variante: Jene, die bereits große Strecken im Ausland bewältigt haben und jetzt auf Tages- und Wochen-Etappen im Westfälischen ihre Erinnerungen wachrufen.

Wie viele das sind, kann Steinkrüger nur schwer abschätzen. „Da gibt es keine genauen Zählungen.“ Wenn in ausliegenden Büchern an Stempelstellen aber einige Hundert Einträge im Jahr stehen, ist das ein Hinweis auf die Pilgerzahl. „Schön, dass das alles so angenommen wird.“

Bei aller Begeisterung, „vieles davon ist für mich ein andere Welt geblieben“, sagt Steinkrüger. Sie selbst hat nicht vor, irgendwann nach Santiago de Compostela zu laufen. Denn die Routen sind für sie ein anderer Genuss geblieben als bei den echten Pilgern. Wenn sie sich demnächst auf den Weg macht, um Beschilderungen oder die Begehbarkeit von einzelnen Abschnitten zu überprüfen, dann ist die unter Brombeeren verborgene alte Trasse für sie weiterhin das Spannendste auf den alten Pilgerpfaden.

Lückenschluss im Sauerland
Mit dem „Heerweg“ von Paderborn nach Elspe sind es insgesamt sieben Routen von Jakobus-Pilgern aus dem Mittelalter, die von der LWL-Altertumskommission erforscht wurden. Er bildet den Abschluss des Projektes, das 2002 ins Leben gerufen wurde. Die Strecken wurden nach historischem Vorbild rekonstruiert, kartiert und so beschildert, dass sie von heutigen Pilgern genutzt werden können. Zu jedem Weg gibt es ein Etappenbuch, das Informationen zur Geschichte, Kultur und Natur enthält. Zudem sind Sehenswürdigkeiten, Ansprechpartner und Herbergs-Adressen vermerkt. Auch eine App ermöglicht die Orientierung.
Die mehr als 1000 Kilometer der westfälischen Pilgerwege schließen auch die Lücke zwischen den baltischen Routen und den rheinischen Strecken. Der Aufbruch nach Santiago de Compostela ist hierzulande somit in direkter Nähe möglich. Mit den Routen von Osnabrück nach Wuppertal-Beyenburg und von Bielefeld nach Wesel durchqueren zwei Hauptstrecken das Bistum Münster.
Die gut 100 Kilometer des „Heerweges“ führen von Paderborn über Dalheim, Marsberg, Brilon, Olsberg und Reiste nach Elspe. Die LWL-Altertumskommission konnte bei der Erforschung auf umfangreiche Vorarbeiten der ehrenamtlichen Projektgruppe „Pilgerwege im Sauerland“ zurückgreifen. Das Wegenetz wird künftig weiterhin intensiv betreut werden, etwa bei baulichen Veränderungen oder fehlerhafter Beschilderung. Die Eröffnung des letzten Teilstücks am 27. März um 14 Uhr in Meschede-Remblinghausen ist wegen der Ausbreitung des Coronavirus abgesagt worden und soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.  www.jakobspilger.lwl.org

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