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Roadstory (1): Die Geschichte hinter der Autobahnabfahrt

Schwester Theodore ist Herbergsmutter in Telgte

Wie ein Gitternetz liegen die Autobahnen über dem Bistum Münster. Hinter jeder Abfahrt warten spannende Geschichten. Heute nehmen wir auf der A1 die Ausfahrt 76 nach Greven und gelangen zu einer Herbergsmutter in Telgte.

Wie ein Gitternetz liegen die Autobahnen über dem Bistum Münster. Hinter jeder Abfahrt warten spannende Geschichten. Heute nehmen wir auf der A1 die Ausfahrt 76 nach Greven und gelangen zu einer Herbergsmutter in Telgte.

Manchmal klingelt das Handy von Schwester Theodore Hofschen erst am Mittag. Es kann sein, dass der Anrufer dann schon wenige Stunden später vor der Tür ihres Konvents in Telgte steht. „Lieber ist es mir natürlich, wenn sich die Pilger ein paar Tage früher melden“, sagt die Mauritzer Franziskanerin. „Denn es muss ja einiges für ihre Übernachtung vorbereitet werden.“ Der Kühlschrank fürs Frühstück bestückt und die Betten hergerichtet werden.

Das hat bisher noch immer geklappt, auch wenn die Ordensfrau alles andere als terminfrei lebt. Nicht nur, dass sie für ihren Konvent allein zuständig ist, ist sie dort doch die einzige Schwester. Mit 81 Jahren übernimmt sie auch noch viele Aufgaben in der Seelsorge der Wallfahrtskirche St. Clemens, bringt sich in die Kindergartenarbeit ein und ist für die Laienbewegung innerhalb ihres Ordens zuständig. Die Pilger, die zumeist auf dem Westfälischen Jakobwegs von Bielefeld nach Wesel bei ihr Station machen, würde sie aber nie abweisen.

Westfälischer Charme

Die stehen meist gegen 17 Uhr vor dem Fachwerkhaus mit dem Namen St. Klara in unmittelbarer Nähe zur Wallfahrtskapelle. Nicht allein von außen strahlt das Gebäude den westfälischen Charme alter Zeiten aus. Auch in den vielen Winkeln, Zwischenebenen und kleinen Räumen im Innern gibt es davon viel zu entdecken. Die Franziskanerin kennt aber keinen Zweifel, welches das herausragende Ereignis in der Geschichte des Hauses war: „Pater Christoph Bernsmeier, hat hier gewohnt und unseren Orden gegründet.“

Das Zimmer, von dem gesagt wird, dass er darin gewohnt hat, ist heute eine Pilgerunterkunft. Gerade wenn ausländische Schwestern aus dem mittlerweile weltweit aktiven Orden die Keimzelle der Gemeinschaft besuchen, wollen sie diesen Raum sehen. „Sie sind dann immer ganz aufgeregt und fragen, ob das noch das originale Bett ist“, sagt Schwester Theodore. Zu sehen bekommen sie aber eines jener drei funktional eingerichteten Schlafzimmer, in dem erschöpfte Pilger für eine Nacht Ruhe suchen.

Begegnungen am Frühstückstisch

„Viele Gäste legen sich erst einmal hin“, sagt die Ordensfrau. „Sie haben ja die lange Etappe von Warendorf bis hierher in den Knochen.“ Einige besuchen noch die Vesper in der Wallfahrtkapelle oder verbringen Zeit in der Propsteikirche. Zum Abendessen gehen die Pilger in der Regel aus. Bis zum Frühstück am nächsten Morgen hält sich der Kontakt mit Schwester Theodore damit in Grenzen. Dann aber setzt sie sich zusammen mit ihnen auf die Eckbank hinterm Küchentisch. Vor den Anstrengungen der kommenden Etappe nach Münster gibt es dort ein westfälisches und reichhaltiges Frühstück. Und viele Worte. „Das ist die Zeit für intensive Gespräche.“

Denn die Pilger bringen immer etwas mit, weiß die Ordensfrau. „Lebensbrüche, Krankheiten, Trennungen – sie haben sich aufgemacht, um etwas zu bearbeiten und zu verarbeiten.“ Schwester Theodore macht dann vor allem eins: „Zuhören – das kommt alles von allein aus ihnen heraus.“ Sie will dann keine Ratschläge geben, sagt sie, keine Missionarin sein. Wohl aber jemand, dem der Gast alles erzählen kann. „Da hilft es vielen auch, dass sie mich nicht kennen und mich wahrscheinlich nie wieder sehen.“

Mit den Pilgern kommt Gott

Diese Momente passen ziemlich genau zu ihrer franziskanischen Berufung. „Darin steckt meine Intuition“, sagt sie. „Christi heilende Gegenwart in jedem Menschen.“ Egal mit welcher Lebensgeschichte ein Pilger kommt, er wird gewürdigt, „weil ich in ihm auch Gott erkenne.“ Eine spirituelle Atmosphäre, die von den Gästen durchaus wahrgenommen wird. Nicht selten verabschieden sie sich von der Schwester mit dem Satz „Das hat mir gut getan“. „Und das tut mir dann wiederum gut.“

Das Haus unterstützt diese Atmosphäre, auch wenn auf dem ersten Blick nicht unbedingt wahrnehmbar ist, dass es sich hier um ein Schwesternhaus handelt. Kreuze an den Wänden und die vielen Heiligenfiguren lassen es erahnen. Es gibt aber einen Raum, in dem deutlich wird, dass die ehemalige Vikarie heute ein Konvent ist: der ehemalige Kartoffelkeller. Dort hat sich Schwester Theodore ihre Hauskapelle eingerichtet. Fünf Kniebänke, ein Kreuz, eine Kerze, eine Ikone und der Tabernakel, in dem sie den Leib Christi für die Krankenkommunion aufbewahrt, zu der sie regelmäßig aufbricht.

Wohltuende Unruhe am idyllischen Ort

Seit 2013 sitzt sie jeden Morgen dort und startet ihren Tag mit der Laudes. Zu den weiteren Gebetszeiten geht sie in der Regel die wenigen hundert Meter in die Wallfahrtskirche. Dazwischen könnte sie sich Ruhe antun. In ihrem Alter wäre das nachvollziehbar. Und der beschauliche Wallfahrtsort wäre wie gemacht dafür. „Die Begegnung mit den Menschen hier ist keine Belastung“, antwortet sie darauf. „Sondern eine Bereicherung.“

Als Pilgerherbergsmutter öffnet sie regelmäßig ihre Tür, damit die Lebenswege anderer hineinkommen. „Das sind immer wieder neue Impulse für mich und meinen Glauben.“ Wenn die junge Lehrerin direkt nach ihrem Examen von den Erfahrungen ihrer Etappen auf dem westfälischen Jakobsweg erzählt, steckt darin auch viel für Schwester Theodore. „Sie hatte schon auf den ersten Kilometern aufgeben wollen, weil die Strecke hinter Bielefeld so hügelig war.“ Die Frau aber hatte sich durchgekämpft und saß stolz bei Kaffee und Brötchen mit ihr auf der Eckbank. „Ihre Geschichte machte auch mir Mut für meine Aufgaben.“

Etappe am Küchentisch

Und so fühlt sich auch die Franziskanerin immer ein wenig wie ein Pilgerin, sagt sie. Auch wenn sie selbst noch nie aufgebrochen ist, um eine länger Strecke hinter sich zu bringen. „Wohl früher einmal für einen Tag mit Mitschwestern im Rheinland – aber das zählt nicht.“ Was zählt ist ein anderer Weg. Jener, für den sie sich am Morgen mit den Jakobspilgern am Küchentisch aufbricht. Nicht um mit ihnen zu laufen, sondern um ihnen zuzuhören.

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