Dorothea Bösing und Barbara Moek-Juppe sind echte Caminio-Fans

Wie sich zwei Frauen aus Münster den Jakobsweg nach Hause holen

Der Esstisch vor ihnen ist voller Erinnerungstücke: Pilgerpässe, Muscheln, Fotos … Nicht weniger dicht sind die Erinnerungen von Dorothea Bösing und Barbara Moek-Juppe. Die Erlebnisse sprudeln nur aus ihnen heraus, wenn sie einen Blick auf ihre Pilger-Karriere werfen. Schnell ist herauszuhören, dass es vor allem die kleinen Dinge und Begegnungen waren, die in ihren Herzen tiefe Spuren hinterlassen haben. Und dass es dafür egal ist, ob sie den Camino in Frankreich, Luxemburg oder Spanien betreten. Oder eben auch im Westfälischen, wo alles begann.

„Ich wolle einfach wissen, ob ich das kann“, erinnert sich Bösing an ihre „Test-Etappe“. „Ich war gerade von einer Krebserkrankung genesen und wusste nicht, was ich mir noch zutrauen konnte.“  Die heute 76-Jährige ging 2005 von Münster nach Telgte, wegen einer orthopädischen Fehlstellung mit großen Schmerzen in den Füßen. „Ich habe dann in der Marienkapelle gesessen und war völlig fertig.“ An den anschließenden Anruf bei ihrem Mann kann sie sich noch gut erinnern. „Ich sagte ihm, dass ich so etwas nie wieder machen könnte.“

Santiago war erst der Anfang

Konnte sie doch – eine Operation später. Entscheidend war aber noch etwas anderes. Im Nachgang zu ihrer schweren Erkrankung nahm sie an einer sportwissenschaftlichen Studie teil. Eine Studentin machte sich mit ihr und einigen anderen Patienten anschließend auf nach Nordspanien, um mit ihnen ein Stück des klassischen Caminos zu laufen. „Nach den ersten Etappen, sagte sie uns, dass wir allein weitergehen könnten, weil es uns wieder gut gehe.“

Eigentlich erreichte sie damals mit Santiago de Compostela bereits das Ziel aller Pilgersehnsüchte. Für Bösing aber war das erst der Anfang. Denn mit den Erlebnissen wuchs auch das Gefühl, wie bereichernd und heilsam das Laufen auf den alten Pfaden sein konnte. Dass in jener Zeit der erste westfälische Jakobsweg von Osnabrück nach Wuppertal eröffnet wurde, passte nur zu gut zu diesem Gefühl. Immer wieder brach sie auf, um Teilstücke zu laufen. Bei der Gründung des Freundeskreises der Jakobspilger in Münster traf sie dann zum ersten Mal Barbara Moek-Juppe. Sie wurden ein Tandem, das in den folgenden Jahren nicht nur alle Strecken Westfalens hinter sich bringen sollte, sondern auch viele Kilometer im Rheinland und in Westeuropa.

„Wunderbare Kleinigkeiten“

„Die Wegstrecken hier vor der Haustür sind nicht zu vergleichen mit den klassischen Etappen durch den Norden Spaniens“, sagt Moek-Juppe. Dort ist die Infrastruktur eine andere, die Pilger internationaler, die Herbergen uriger, die Historie anders. Zwischen Osnabrück, Höxter, Siegen und Wesel ist es in den Augen der 76-Jährigen aber nicht weniger reizvoll: „Es ist anders, aber genauso schön.“

Und dann sprudeln wieder die Geschichten. Die von dem Netzwerk der Jakobspilger, das sich mittlerweile gebildet hat. „Wenn wir unsere Etappen planen, finden wir auf der Suche nach Unterkünften immer Helfer.“ Oder die von „traumhaften Landschaften“ und „wunderbaren Kleinigkeiten“. Das können auch mal nur die ersten Krokusse am Wegrand sein. Vor allem aber sind es Geschichten von Begegnungen.

Beim Abendessen bog sich der Tisch

Von der Herberge im Altenheim etwa, als sie völlig nassgeregnet mitten in den nachmittäglichen Stuhlkreis platzten. „Wir wurden ganz liebevoll begrüßt.“ Es gab ein großes eigenes Zimmer mit bequemen Krankenhausbetten, Duschen und ein Abendessen, „dass sich der Tisch bog“. Das reinste Pilgerglück. Das sie an so vielen Orten fanden, sagte Bösing: „In Klöstern, Pfarrheimen und Privatunterkünften.“

Die Strecken dazwischen sind für sie mehr als eine körperliche Ertüchtigung. „Es geht darum“, sagt Moek-Juppe und klopft sich auf die Brust. Sie meint das Herz, zu dem sie bei jeder Etappe auch aufbrechen. „Auf meinen Wegen habe ich so viel geheult wie sonst nie“, sagt Bösing. Das ist durchaus gewollt. „Weil es die Seele reinigt.“ Alle Gedanken, die im Alltag keinen Platz haben, kommen mit in den Rucksack und werden Schritt für Schritt ausgepackt.

Der heilige Jakobus hilft immer wieder

„Es entwickeln sich andere Sensoren“, sagt Moek-Juppe dazu. Ein Zustand, den sie bewusst unterstützen. In der ersten Kapelle oder Kirche, die sie am Tag passieren, gibt es eine stille Pause und einen Text. Den suchen sie abwechselnd aus. Mal ein Psalm, mal etwa Philosophisches oder eine Liedzeile. „Wir diskutieren nicht darüber, sondern nehmen ihn einfach mit in den Tag.“

Der immer auch etwas bereithält, das sie spirituell stärkt, sagen sie. Ob das die abendliche Vesper in einer Klosterkapelle oder das Orgelkonzert in der großen Kathedrale ist. „Das ist nie geplant, sondern immer ein echtes Geschenk.“ Bei einigen Erlebnissen schauen sie auch schmunzelnd auf den heiligen Jakobus. „Wie oft der uns schon geholfen hat“, sagt Bösing. Ein Beispiel muss sie nicht lange suchen. „Als wir uns im strömenden Regen völlig verlaufen hatten, hielt plötzlich der Bus zum nächsten Etappenziel neben uns.“

Pfadfinderinnen auf letzter Etappe

All diese Erfahrungen machen es ihnen leicht, immer wieder neu aufzubrechen – Teilstück für Teilstück. „Unter 200 Kilometern laufen wir gar nicht erst los“, sagt Bösing. „Aufgeteilt in Tagesetappen von bis zu 25 Kilometern.“ Auch den letzten Teil der westfälischen Jakobswege von Paderborn nach Elspe sind sie schon gelaufen. Lange bevor er ausgeschildert war. „2018 – wir waren echte Pfadfinderinnen.“ Unterstützt von Pilgern aus dem Sauerland konnten sie die Route nachvollziehen. „Und Menschen, bei denen wir für eine Nacht unterkommen konnten, gab es auch schon viele.“