Kleiner Wallfahrtsort hat großen Zulauf

50.000 Kerzen: Darum zünden Menschen in Eggerode ein Licht an

  • 2022 wurden in der Wallfahrtskapelle Eggerode (Kreis Borken) 50.000 Kerzen angezündet.
  • Im Jahr davor waren es noch 45.000 Lichter.
  • Schwere Operation, kriselnde Ehe oder Dankbarkeit: Ganz unterschiedliche Menschen zieht es nach Eggerode.

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Den drei Jungs war es unangenehm, dass Uwe van de Loo sie gesehen hatte. Verschämt vertraute sich das Trio dann aber dem Wallfahrtsassistenten in Eggerode (Kreis Borken) an und verriet, warum jeder von ihnen vor dem 800 Jahre alten Gnadenbild „Unserer lieben Frau vom Himmelreich“ eine Kerze angemacht hatte. „Es ging ums Abitur, sie hofften, mit besonderem Beistand besser durchzukommen“, erinnert sich van de Loo. Rund 50.000 Kerzen sind im vorigen Jahr in der Wallfahrtskapelle entzündet worden, im Jahr davor waren es knapp 45.000. Tendenz steigend.

Die Anlässe dafür sind unterschiedlich: schwere Operation, drohender Arbeitsplatzverlust, kriselnde Ehe, überstandene Krankheit, Geburt eines Kindes. „In den Kerzen spiegelt sich das ganze Leben wider“, weiß der Wallfahrtsassistent aus unzähligen Gesprächen.

Hoher Zulauf in Eggerode gerade sonntags

Wenn van de Loo morgens seinen Dienst beginnt, schaut er zuerst in der Kapelle nach dem Rechten. Meist muss er dann Kerzen nachfüllen. „Es gibt Tage, vor allem sonntags, da lege ich ein paar hundert Kerzen in die Fächer – und abends sind die Fächer leer.“

Wer möchte, kann seine Kerze beschriften. Der Wallfahrtsassistent hat einen geeigneten Stift dafür ins Regal gelegt. Manche schreiben ein Datum auf eine Kerze und geben sie in einen eigens bereitgestellten Korb. Diese Kerzen zündet van de Loo erst am entsprechenden Tag an.

Kapelle in Ort mit 800 Einwohnern

Solange die Sonne scheint, ist es in Eggerode voll, so die Erfahrung von Uwe van de Loo. Anders als in großen Wallfahrtsorten geht es in dem 800-Seelen-Ort auch dann eher beschaulich zu. „Hier haben die Pilgerinnen und Pilger den Raum für Stille und Gebet.“ Viel Drumherum gibt es nicht. Er selbst genießt es, wenn er für einige Minuten auf der Bank vor der Kapelle den Vögeln lauschen und seine Gedanken kreisen lassen kann.

Manche, die eine Kerze angezündet haben, möchten reden. Der Wallfahrtsassistent nimmt sich trotz vieler Aufgaben Zeit für sie und hört ihnen zu. Deshalb weiß er, dass der Anlass für eine Kerze nicht zwingend traurig, dramatisch oder ernst sein muss. „Einige kommen auch aus Dankbarkeit für das Gute in ihrem Leben.“ Dies beweisen die Einträge im Fürbittbuch, das in der Kapelle ausliegt.

Nach der Fürbitte kommt in Eggerode das Eis

Zwar bestimmen in den Werktagsmessen oft graue und weiße Haare das Bild bei den Gottesdienstteilnehmenden – wobei viele mit ihren Verbänden wie beispielsweise der Kolpingsfamilie da sind. Trotzdem ist Eggerode längst nicht nur ein Ziel für die Generation 60 plus. „Gerade an den Wochenenden sind viele Familien und junge Paare hier“, berichtet der Wallfahrtsassistent von seinen Beobachtungen. Viele von ihnen seien mit dem Fahrrad unterwegs. Sie zünden eine Kerze an – und holen sich danach in der über den Wallfahrtsort hinaus bekannten Eisdiele eine Erfrischung.

Dass entgegen anderer katholischer Trends mehr Menschen die Atmosphäre in der Kapelle für einen Moment der Ruhe und Besinnung nutzen, versteht van de Loo als Auftrag und Chance für die Kirche: „Unsere Herausforderung muss es sein, diese Menschen vor Ort anzusprechen – und uns zu überlegen, was wir ihnen mitgeben können.“ Denn immerhin, sagt er, machten sich diese Menschen auf den Weg und drückten ihren Glauben und ihre Hoffnung durch das Anzünden der Kerzen aus. Unabhängig davon, ob sie sonst etwas mit der Kirche zu tun haben.

Eine Kerze verbindet Menschen

Ähnlich sieht es die Theologin Alexandra Lason. Die Pastoralreferentin ist für die Verkündigung des Bistums in sozialen Netzwerken zuständig. Auf dessen Instagramkanal können Menschen die virtuelle „Montagskerze“ anzünden und dazu ihre Fürbitten formulieren, die im Anschluss anonym veröffentlicht werden. Zwischen 100 und 150 Menschen nutzen jeden Montag dieses Angebot. Alexandra Lason sagt: „Die Kerze ist ein Zeichen der Anteilnahme, der Solidarität, der Verbundenheit, auch dann, wenn Worte fehlen oder längst verhallt sind.“ Das Licht der Kerze sei ein Symbol für Glauben an und Hoffnung auf Hilfe und Segen durch Gott.

Kerzenlicht schaffe eine ruhige, friedliche Atmosphäre der Wärme und Geborgenheit. „Dies ist wohl der Grund, warum auch Menschen, die sich selbst nicht als religiös bezeichnen, Kerzen in Kirchen entzünden“, erklärt Alexandra Lason. „Diese Handlung verbindet in Situationen, in denen wir nichts anderes zu tun vermögen.“