Mediziner nach Besuch in Unterkunft in Goldenstedt erschüttert

Arzt Florian Kossen: So müssen Arbeitsmigranten leben

Erschüttert von Zuständen in einer Unterkunft für Arbeitsmigranten aus Osteuropa hat sich der Arzt Florian Kossen aus Goldenstedt im Kreis Vechta geäußert. „Es übertraf meine schlimmsten Befürchtungen bei weitem“, schreibt Kossen in einer E-Mail an mehrere Medien, darunter „Kirche+Leben“.

„In den viel zu kleinen, schlecht belüfteten Zimmern sieht man ausgeprägte Schimmelbeläge an den Wänden, direkt neben den als Betten dienenden Pritschen“, berichtet Kossen vom Besuch einer Unterkunft in Goldenstedt-Ellenstedt. Diese Eindrücke würden Erfahrungen verständlich machen, die er mit Patienten mache, die in solchen Häusern untergebracht seien.

Gesundheitsgefahr statt Erholung

Kossen behandelt in seiner Praxis auch Männer und Frauen, die in Schlachthöfen in Südoldenburg arbeiten. Im Gespräch mit „Kirche+Leben“ hatte der Arzt im Dezember 2018 geschätzt, jeder sechste seiner Patienten zähle zur Gruppe dieser Arbeiter. Viele von ihnen litten unter langwierigen und gehäuften Atemwegs-Infekten.

Peter (links) und Florian Kossen. | Foto: privat
Peter (links) und Florian Kossen. | Foto: privat

Prälat Peter Kossen, Bruder des Mediziners, kämpft seit Jahren gegen die Bedingungen, unter denen Schlachtarbeiter und andere Arbeitsmigranten arbeiten müssen. Kossen, Pfarrer in Lengerich im Kreisdekanat Steinfurt, schreibt angesichts der Fotos aus der Unterkunft: „Hier wohnen Menschen, die tagtäglich bei der Arbeit ihre Gesundheit ruinieren im Dienste der Profitgier der Fleischindustrie.“ Nach Feierabend in ihren Unterkünften hätten sie nicht die Chance, sich zu erholen: „Stattdessen ist durch die Wohnverhältnisse eine weitere Gesundheitsgefährdung sicher.“

Menschenwürdige Unterkunft wäre „das Mindeste“

Wer die Arbeitskraft von Migranten nutze, der habe „auch eine Verantwortung für ihre Unversehrtheit und Integration. Menschenwürdige Wohnungen zu bezahlbaren Preisen sind das Mindeste, was Unternehmen und Gesellschaft diesen Menschen schulden“, erklären die Brüder Kossen.

Arzt Florian Kossen schreibt, der im Herbst scheidende langjährige Bürgermeister von Goldenstedt, Willibald Meyer (CDU), habe ihm mitgeteilt, die politische Gemeinde wisse um die Zustände in Ellenstedt. Nach einem Besitzerwechsel habe man schon für bessere Wohnbedingungen gesorgt. „Wenn Meyer von verbesserten Wohnverhältnissen spricht, ist eine solche Aussage an Ignoranz nicht zu übertreffen“, findet Florian Kossen. Es sei nicht nachvollziehbar, dass „ein ehemaliger Bürgermeister sich nicht schämt, diese skandalösen Zustände schönzureden“.