Pater Daniel Hörnemann OSB: Ich bin der Herr, dein Arzt

Auslegung der Lesungen vom 6. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B

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Wer krank ist, wurde zu Zeiten Jesu ausgegrenzt, insbesondere wer an „Aussatz“ litt. Dies kann auch heute noch passieren, denke man an die Pandemie zurück. Genau dann, so sagt Jesus es selbst, ist die Kirche besonders gefragt, erklärt Pater Daniel Hörnemann OSB und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

„Aussatz“ – das schreckliche Wort nennt nicht nur ein Krankheitsphänomen, sondern zugleich dessen grausame Folge, die Ausgrenzung. Der Krankheit gegenüber war man in biblischen Zeiten ziemlich hilflos; so suchte man wenigstens der Ansteckung vorzubeugen und Erkrankte von den Gesunden fernzuhalten. Lepra ist eine chronische Infektionskrankheit mit langer Inkubationszeit.

Die Weltgesundheitsorganisation wollte sie eigentlich bis 2005 ausgerottet haben, aber sie ist in Entwicklungsländern noch immer ein gravierendes Problem. Es ist wie mit Klimakonferenzen oder Kirchenkonferenzen, auf denen nur äußerst mühsam Schritte in die richtige Richtung gelenkt und Entwicklungen in Gang gesetzt werden.

Aussatz als sozialer Tod

Die Lesungen vom 6. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B zum Hören finden Sie hier.

Von Aussatz spricht besonders das Buch Leviticus. Dieses 3. Buch Moses stellt für viele Leser eine ziemlich unersprießliche und befremdliche Lektüre dar. Es handelt in weiten Teilen vom priesterlichen Gottesdienst im Judentum und enthält zahlreiche Vorschriften und Regeln vor allem zu sittlicher und kultischer Reinheit, das heißt zur Teilnahmefähigkeit am Gottesdienst oder eben zum Ausschluss.

„Aussätzig werden“ wird gleichgesetzt mit „(von Gott) geschlagen werden“. Aussatz ist sozialer Tod und wird von manchen als Gottesstrafe gedeutet, obwohl sie kein Schicksal ist und gar nichts mit Schuld zu tun hat. Die Infizierten müssen selbst mitwirken, vor sich selbst und jeglicher Berührung warnen und die anderen Menschen vor Ansteckung schützen.

Priester stellte die Diagnose

Das Wort Pandemie hat damals niemand gekannt, aber das Phänomen ist das gleiche wie heute. Die Krankheit breitet sich durch sonst völlig normale Sozialkontakte aus. Anders als heute gibt es kein Gegenmittel. Strenge Isolation ist das Gebot der Stunde, damit wenigstens andere verschont bleiben. Hinter der Quarantänevorschrift steht ein hohes Maß an Verantwortung und notwendiger Vorsicht. Allem voran steht der Schutz der Gemeinschaft.

Damals stellte der Priester die Diagnose und verfügte die notwendigen Maßnahmen. Gesundete mussten sich beim Priester melden zur Inspektion und ihr Opfer bringen als Zeichen für die Wiedererlangung der Reinheit, das heißt der körperlichen Gesundung, der sozialen Reintegration, zugleich der religiösen Erneuerung, als Zeichen des Dankes für die größte Gottesgabe: die Gesundheit.

Heilung aus Empathie

Auch in neutestamentlicher Zeit ist Aussatz weitverbreitet. Aussätzige stehen immer wieder im Rampenlicht der Evangelien. Sie werden von Jesus geheilt, aus seiner Empathie heraus wendet er sich ihnen zu, überschreitet Verbotsgrenzen und berührt sie sogar als Heiland ohne Scheu vor Ansteckung.

Dazu ermutigt er auch die Seinen: dass sie – ohne sich selbst und andere in Gefahr zu bringen – Mitgefühl und persönliche Präsenz zeigen, zuhören und zu rechter Zeit das gute Wort sagen, mit den Einschränkungen zurechtzukommen helfen. Sie müssen klar differenzieren, dass die Pandemie eine Seuche ist, aber kein göttliches Strafgericht.

Wo bleibt die Kirche in dieser Zeit?

Sie müssen die im Blick haben, die heilend und helfend in den Pflegeberufen handeln, die sich um intensive Forschung bemühen, die Eltern, die ihre Kinder zu Hause schulen, die Betreuungskräfte, die sich für Kinder und Menschen mit Behinderung einsetzen, die Lehrkräfte, die sich an anstrengendem Videounterricht beteiligen, die Menschen, die notwendige Reparaturen, Transporte und Versorgung durchführen. Soziale Isolation wirkt lebensgefährdend, wenn Menschen die Kontakte versagt werden, die sie zum Leben brauchen.

Wo bleibt die Kirche in dieser Zeit beziehungsweise die Menschen, die besonders für sie stehen? Was immer Menschen tun und wie sie sich verhalten, es gilt die Devise des 1. Korintherbriefes (10,31): „Tut alles zur Verherrlichung Gottes!“

Krisenzeiten als Herausforderung

Für Seelsorger und Seelsorgerinnen sind Krisenzeiten eine eigene Herausforderung, mehr noch als von allen anderen Christen wird von ihnen gefordert, das Glaubenszeugnis in Wort und Dasein zu überbringen, das nur ein einziges Mal im Ersten Testament so zum Ausdruck gebracht wird: „Ich bin der Herr, dein Heilender, dein Arzt“ (Ex 15,26).

Im Namen „Jesus“ und in seinem Wirken wird genau das zum Ausdruck gebracht. Eine alte Übertragung des Namens lautet „Heiland“. Weil der Name „Jesus“ einen kompletten und zudem bedeutungsschweren Satz darstellt, gilt der Ausspruch „Jesus“ auch als kürzestes Gebet der Christenheit: „Gott möge erlösen, retten und heilen!“

Sämtliche Texte der Lesungen vom 6. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B finden Sie hier.