Caritas kümmert sich um Polinnen in der Altenpflege

„CariFair“ – gerechter Umgang mit Pflegekräften

Der Sonnenhut sitzt, die Sonnenbrille wird zurechtgerückt. Agnieska Pakulska tritt einen Schritt zurück und schaut sich die alte Dame noch einmal an. „Passt alles, Madame ist fertig, es kann losgehen.“ Die Polin lächelt, auch wenn in diesem Moment kein Lächeln zurückkommt. Die 80 Jahre alte Frau, die sie jetzt im Rollstuhl von der Terrasse des Hauses in Geldern-Pont schiebt, ist an Demenz erkrankt und kann ihre Emotionen nur noch selten zeigen. Der Herzlichkeit zwischen der polnischen Betreuerin und der Pflegepatientin tut das aber keinen Abbruch.

„Babcia“, nennt Pakulska ihre Patientin oft. „Das heißt Lieblingsoma“, übersetzt die 49-Jährige. Abends sagt sie auch mal „Mein Stern am Himmel“ zur ihr, bevor sie ihr einen Kuss gibt. „Wie in dem Kinder-Lied, das wir zusammen singen.“ In den vergangenen fünf Jahren ist eine besondere Beziehung gewachsen. Zeit genug war dafür. Die Polin wohnt seit 2012 bei der alten Dame, ist rund um die Uhr in Bereitschaft, sieben Tage die Woche.

Hilfe vom Pflegedienst

Schon am frühen Morgen hilft sie der Patientin bei der Morgenhygiene, reicht danach das Frühstück, gibt Medizin. Am Vormittag gibt es viel Arbeit: Wäsche, Einkauf, Putzen. Um zehn Uhr kommt der ambulante Pflegedienst für die Aufgaben, die sie nicht selbst handhaben kann, weil sie keine Ausbildung dafür hat. Eine Magensonde muss versorgt werden, auch für das Vollbad der Patientin braucht es die Pflegekraft.

Dann das Mittagessen, die wichtige Ruhezeit für die Seniorin und das Nachmittagsprogramm. „Fast immer ein Spaziergang, manchmal zum Grab ihres Mannes, manchmal in die Kirche oder einfach nur durchs Grüne.“ Am Abend wieder Essen, Hygiene und Medikamente.

Kein Knochenjob

Das alles könnten die Eckdaten eines Knochenjobs sein. Pakulska empfindet das nicht so. Sicher liegt das an ihrer Persönlichkeit. Sie passt in diese Situation, strahlt eine intensive Freude aus, liebt den Menschen, für den sie da ist. „Es liegt aber auch an den Voraussetzungen, unter denen ich hier arbeiten darf“, sagt sie. Sie meint nicht nur den guten Kontakt zur Familie der Patientin, die sie immer unterstützt, wenn sie gebraucht wird. Sie meint auch die Strukturen des regionalen Caritas-Pflege-Verbunds, der sie als Betreuerin hierher vermittelt hat. „CariFair“ heißt das bundesweite Programm des Wohlfahrtsverbands, über das sie aus dem polnischen Posen an den Niederrhein kam.

„Fair“ steht dabei für den wertschätzenden Umgang mit den polnischen Frauen, die als Betreuerinnen arbeiten wollen. Weit entfernt von Schwarzarbeit oder Ausbeutung wird ihnen eine Arbeit geboten, bei der sie ihre Rechte als Arbeitskraft gültig machen können. Urlaub steht ihnen zu, sie sind krankenversichert, zahlen in die Renten- und Sozialkassen ein. Auch Ausgleichszeiten unterhalb der Woche werden organisiert. Zudem gibt es organisatorische und administrative Unterstützung durch das Caritas-Pflege-Team in Geldern.

Weniger Geld, aber zufriedener

„Ich fühle mich nicht ausgenutzt“, sagt Pakulska. Zwar hat sie durch die Abgaben am Monatsende weniger im Geldbeutel, als es über andere Vermittler und Anbieter möglich wäre. Aber die Sicherheit, dass sich jemand um sie kümmert und für ihre Rechte als Arbeitnehmerin eintritt, ist ihr wichtiger. „Ich habe jeden Tag Erholungsphasen, kann Kontakt zu anderen polnischen Arbeitskräften in Geldern pflegen.“ In der Mittagszeit übernimmt eine Kollegin die Bereitschaft. „Dann telefoniere ich gerne und lange.“

Töchterliche Liebe ist entstanden

Wichtig ist ihr das vor allem mit Blick auf ihre Familie in Polen. Vier erwachsene Kinder leben dort. Und ihr Ehemann. Keine leichte Situation ist das, gibt sie zu. Die bezahlten Urlaubstage über Ostern und Weihnachten sind ihr deshalb „heilig“. „Dann bin ich für einige Wochen dort und komme gestärkt wieder.“

Was ihr gut tut, tut auch der Betreuungssituation gut. „Ich stand in diesen fünf Jahren noch nie an dem Punkt, an dem mir hier alles zu viel wurde.“ Im Gegenteil, sie ist in eine Beziehung hineingewachsen, die viel von einer töchterlichen Liebe hat. „Wir haben gleiche Interessen, lachen viel miteinander, erleben erfüllte Tage.“ Jetzt, wo die fortschreitende Krankheit der Patientin die Kommunikation immer weiter erschwert, zeigt sich besonders, wie wichtig die gewachsene Nähe ist. Überall dort, wo Worte nicht notwendig sind.

Polnisches Lieblingsessen

Pakulska kocht schon lange nicht mehr nur deutsche Hausmannskost. Die polnische Küche ist fester Bestandteil des Speiseplans. Sie kennt das Lieblinsgericht ihrer „Babcia“: „Pierogi – das sind traditionelle Teigtaschen.“ Sie weiß von vielen weiteren Dingen, mit denen sie ihr etwas Gutes tun kann. Das gemeinsame Gebet gehört dazu, das Hand-Halten am Bett, Singen. „Sie kann Stille Nacht auf Polnisch.“

Das sind Momente, für die sie keinen Dienstausgleich brauche, sagt sie. „Weil ich sie genieße.“ Sie bekommt ihn trotzdem, weil ihre Arbeit auch belastend und stressig sein kann. Wenn man sie danach fragt, überlegt sie lange, ohne ein Beispiel zu finden. Fragt man nach den schönen Seiten, hat sie sofort etwas parat. „Wenn ich sie nach meinem Heimaturlaub aus der Kurzzeitpflege hole, in der sie in dieser Zeit ist,“ sagt sie dann zum Beispiel. „Wir brauchen dann nicht zu sprechen, müssen uns einfach nur in die Augen sehen – und weinen vor Glück.“

Caritas bietet faire Bedingungen
Das Angebot „CariFair“ der Caritas in Deutschland gibt es bundesweit. Es ermöglicht schon seit einigen Jahren, polnische Betreuungskräfte in ein offizielles Arbeitsverhältnis zu vermitteln. Der entscheidende: Die Kräfte werden in eine offiziell geregelte Anstellung vermittelt – inklusive Krankenversicherung, Rentenanspruch, Kindergeld, Urlaubs- und Ausgleichsregelung.

Zudem haben die Arbeitskräfte mit der Caritas eine Organisation hinter sich, die sie umfangreich betreut. Das fängt schon in Polen an, wo mit den örtlichen Caritasverbänden zusammengearbeitert wird. Dort hat man auch die Familiensituation der Arbeitnehmerinnen im Blick. Auch wird geschaut, ob das Profil der Arbeitskraft zum Patienten in Deutschland passt. In der Bundesrepublik werden die Polinnen weiter betreut.

Das alles hat Vorteile für die Arbeitskräfte, die aus finanziellen Gründen nach Deutschland kommen. Sie erleben geregelte Situationen, haben Erholungsphasen und können durch die regelmäßigen Urlaube den Kontakt zur Heimat besser halten. Die Arbeitszufriedenheit ist deshalb höher.

Eine zufriedene Arbeitnehmerin verbessert aber auch für den Patienten die Betreuungssituation. Die Zusammenarbeit wird langfristiger und damit vertrauter. Gerade im Bereich der Pflege ist das zentral wichtig. Und: Wer erholt aus Urlauben und Pausen zurückkehrt, ist leistungsfähiger und umgänglicher.

Das hat allerdings seinen Preis. Während ein Patient für seien Betreuung über „CariFair“ etwa 2.200 Euro zahlen muss, kann über andere Organisationswege bis zur Hälfte eingespart werden. Die rechtliche Grauzone mit Schwarzarbeit aber wird mit „CariFair“ verlassen.