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Interview mit dem neuen Vorsitzenden des Diözesan-Caritasverbands im Bistum Münster

Christian Schmitt: Caritas ist mehr als Bekenntnis zur Kirche

Christian Schmitt ist zum neuen Vorsitzenden des Diözesan-Caritasverbands im Bistum Münster gewählt worden. Der Priester gehört zur neuen geistlichen Gemeinschaft Emmanuel und war zuletzt Pfarrer in Köln. Was bringt er für seinen neuen Posten mit?

Herzlichen Glückwunsch zur Wahl, Herr Schmitt! Ein Theologe an der Spitze des Caritas-Verbands kann sicherlich nicht schaden. Aber würden Sie als Priester in der Seelsorge nicht mehr gebraucht?

Das ist eine berechtigte Frage, die ich mir auch selber gestellt habe. Der oder die Vorsitzende des Caritasverbands muss den „Markenkern“ der Caritas stärken. Es kann auch um einen seelsorglichen Dienst an allen Mitarbeitenden gehen, die gemeinsam Verantwortung dafür tragen, wie die Caritas wirkt und wie wir mit den Menschen umgehen. Das kann natürlich auch ein Laie. Vielleicht steht ein Priester noch einmal mehr für die Kirche – mit allen Vor- und Nachteilen im Übrigen. 

Sie gehören der Emmanuel-Gemeinschaft an, die sich vor allem der Evangelisierung in den Gemeinden verschrieben hat. Eine große Innenstadtpfarrei mit einem starken Programm für die City-Seelsorge in Köln haben sie für Ihre jetzige Aufgabe zurückgelassen. Warum?

Zur Person
Christian Schmitt (55) wurde in Düsseldorf geboren. Er studierte Jura, Kirchenrecht und Theologie. 1995 trat er in die neue geistliche Gemeinschaft Emmanuel 1998 wurde er in Münster zum Priester geweiht, 2005 promovierte er in Theologie. Bevor er 2018 an die Pfarrei St. Aposteln in Köln wechselte, war er Pfarrer von St. Liudger in Münster. | mn

Ich sehe die Grunddienste der Kirche – Verkündigung, Gottesdienst, Dienst an den Hilfsbedürftigen – sehr stark einander ergänzend. Das entspricht auch dem Charisma der Gemeinschaft, zu der ich gehöre. „Liturgie ohne Caritas ist Götzendienst“, hat der verstorbene Kölner Kardinal Joachim Meisner einmal ziemlich krass und präzise gesagt. Und Verkündigung ohne Caritas hängt in der Luft. In den letzten zwei Jahren als Pfarrer in St. Aposteln in Köln habe ich mich bewusst in der Arbeit mit Obdachlosen engagiert. Zu Beginn war unsere Lebensmittelausgabe kaum mehr als eine Kalorienabwurfstelle: Die Waren wurden aus 1,70 Meter Höhe durchs Fens­ter des Pfarrbüros nach unten zu den Bedürftigen gereicht. Aber das war kaum Begegnung. Also haben wir die Essensausgabe direkt neben der Basilika im Pfarrsaal in ein neues Café verlegt. Caritas muss wie Seelsorge und Verkündigung auf Augenhöhe und als Begegnung geschehen, das ist mir sehr schnell klar geworden.

Sie waren während Ihrer Studienzeit als Pflege-Hilfskraft tätig und später auch als Krankenhausseelsorger. Welche Erfahrung von dort kann Ihnen in Ihrem neuen Posten hilfreich sein?

Ich habe in der Tat drei Monate in der Onkologie als Pflege-Hilfskraft in München mitgearbeitet, als ich mir nicht mehr sicher war, ob ich Priester werden wollte. Eine sehr erfahrene Schwester hat mich damals an die Hand genommen, und ich habe viel von ihr gelernt, wie man schwerkranke, sterbende Menschen begleitet. Das hat mich sehr geprägt. Und als ich dann von 2000 bis 2004 Seelsorger im Alexianer-Krankenhaus in Münster war, habe ich erneut viel gelernt darüber, wie zerbrechlich ein Menschenleben und wie wichtig ein stabiles Lebensumfeld ist. Wir müssen lernen, behutsam miteinander umzugehen.

Sie haben auch Jura studiert, später ein Lizenziat in Kirchenrecht gemacht. Sind SIe mehr Seelsorger oder Verwaltungsmensch?

Es ist mir nie schwergefallen, Struktur zu denken. Diem eisten Priester denken vor allem Beziehung – das ist natürlich für einen Seelsorger sehr gut. Ich glaube, dass ich beides ganz gut verbinden kann. Das war auch wichtig, als ich Pfarrer hier in Münster war, Gemeinden fusionieren musste und 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu führen hatte. 

Die "Zufriedenheitsstudie" des Bistums 2015 hat ergeben, dass die Menschen die Caritas zwar sehr wertschätzen, dass viele sie aber gar nicht mehr mit der Kirche in Verbindung bringen. Was machen Sie mit einer solchen Erkenntnis?

Ich finde das nicht nur schlimm, auch wenn es für uns als Kirche bedauerlich. Aber wenn Menschen unseren Dienst so wahrnehmen, wie er gemeint ist, nämlich primär als ein Angebot, das sie nicht verpflichtet, dann ist das kein Nachteil, sondern ein Qualitätserweis. Zudem: Die Caritas hat immer eine größere Weite als das Bekenntnis zu Gott, zu Jesus Christus, zur Kirche. Das sieht man schon im Evangelium: Der barmherzige Samariter ist im damaligen Sinn kein Mitglied des Volkes Gottes. Auf den Perspektivwechsel, den der Samariter vollzieht, kommt es an: sich vom Leid eines Menschen treffen zu lassen. Das tun zum Glück Katholiken, Christen – aber das tun auch andere. Wenn unsere Caritas-Arbeit zuerst als etwas  zutiefst Menschliches wahrgenommen wird, dann ist das gut. 

Wie katholisch müssen Mitarbeitende der Caritas sein?

Ich bin froh über jeden Mitarbeitenden in der Caritas, der sein Engagement für andere Menschen auch aus dem speist, was Jesus Christus uns vorgelebt und gesagt hat. Das wünsche und gönne ich jedem. Ich weiß aber aus dem Evangelium, dass es Menschen gibt, die karitativ motiviert sind wie der barmherzige Samariter – aber nicht aus dem Glauben, sondern aus der Begegnung mit dem Hilfsbedürftigen heraus. Am Ende ist es wie im Fußball: Was zählt, ist aufm Platz. Und aufm Platz heißt für die Caritas: Begegnung. Ich halte es für wichtig, dass die Caritas in die Gesellschaft hinein für ganz weite Koalitionen offen ist. Wir müssen da sicherlich unser Profil klarer machen. „Nur“ katholisch oder „nur“ christlich ist mir zu wenig. Die Frage muss sein: Wie wollen wir Menschen begegnen und in der Begegnung wahrgenommen werden? Was sind Kriterien für eine qualitätvolle Begegnung?

Die Caritasarbeit steht unter Kos­tendruck – etwa im Pflegebereich. Wie gehen Sie mit dieser Spannung aus christlichem Auftrag und ökonomischen Zwängen um?

Caritasarbeit spielt sich unter den Bedingungen unserer Gesellschaft und unseres Staates ab. Was durch Pflegesätze und den Sozialstaat finanziert wird, kann die Caritas gut tun. Und doch bleibt die Frage: Was ist der Mehrwert, den die Caritas bringen kann? Es gibt keine katholische Hüfte und keinen katholischen Herzschrittmacher – sondern nur einen, der gut oder schlecht, bestenfalls „state of the art“ ist. Aber die Frage ist: Was gibt es mehr oder anders in einem katholischen Krankenhaus, Pflegeheim, Altenzentrum? Ich meine, es ist der andere Spirit. Diesen anderen Spirit würde ich gern auf Flaschen ziehen. Darauf kommt es an, dass wir gut mit den Menschen umgehen – nämlich so, wie Christus mit den Menschen umgegangen ist: den Menschen in seiner ganzen Gebrochenheit anzunehmen und ihn auch dann zu lieben, wenn er selber das nicht mehr kann. Zu lieben und zu helfen, auch wenn es wehtut – das ist unser christlicher Humanismus. 

Wie wollen Sie die ehrenamtliche Arbeit etwa in den Caritaskonferenzen der Gemeinden stärken?

Vor allem ist mir die ehrenamtliche Caritasarbeit sehr wichtig. Wie ich diese Menschen stärken kann, vermag ich jetzt so noch gar nicht zu sagen. Ich will ja auch noch lernen! Aber ein Anliegen habe ich: Ich glaube, dass die meisten Menschen ihr Sterben selber gestalten wollen. Mir geht das auch so. Ich möchte keine lebensverlängernden Maßnahmen, wenn das nicht mehr sinnvoll ist. Ich möchte aber auch nicht in meinen Schmerzen untergehen. Darum wird für mich am Lebensende Palliativmedizin so wichtig sein. Mir wird das Leben aber am Ende auch nicht mehr viel Spaß machen, wenn ich keine Sozialkontakte mehr habe. Auf die Caritas übertragen, bedeutet das: Die professionelle Caritas macht Palliativmedizin. Aber was machen wir gegen Einsamkeit? Da könnte die professionelle mit der ehrenamtlichen Caritas wieder mehr zusammenkommen. Die vielen allein sterbenden Menschen brauchen unsere Begleitung, sonst wird das Leben unerträglich – und das Sterben auch. Ich glaube, das wird ein immer größeres Feld, weil den Sterbenden zunehmend ein tragendes familiäres Umfeld fehlt.

 

Stichwort: Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbands
Der Vorsitzende des Diözesan-Caritasverbands im Bistum Münster repräsentiert den Caritasverband in kirchlichen Gremien sowie gegenüber dem Staat und setzt sich für Rahmenbedingungen karitativen Arbeitens ein. Die Caritas für das Bistum Münster vertritt rund 2600 Dienste und Einrichtungen mit 80 000 hauptamtlichen und 30 000 ehrenamtlichen Mitarbeitenden. | pd

 

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