Rund 80 Gottesdienstbesucher sonntags in St. Aegidii

Die „Alte Messe“ in Münster – ein Besuch

Bis in die 1960er Jahre haben Katholiken ihren „Schott“ mitgenommen, wenn sie die Eucharistiefeier besuchten. Was das ist? Ein lateinisch-deutsches Messbuch, heute sind die meisten Exemplare abgegriffen, die Seiten rissig. Der „Schott“ war hilfreich, weil der Gottesdienst damals ausschließlich in lateinischer Sprache abgehalten wurde. Aber damals?

Wer heute zu Besuch in St. Aegidii in der Münsteraner Innenstadt ist, kann sein altes zweisprachiges Messbuch wieder hervorkramen. Um 9.30 Uhr beginnt dort jeden Sonntag das Hochamt – nach der früheren Ordnung und auf Latein.

„Dominus vobiscum“

Der Priester zieht ein, Orgelspiel, Messdiener, Weihrauch, soweit alles vertraut. Dann setzt einstimmiger Gesang ein, der gregorianische Choral. „Introibo ad altare Dei – „Zum Altar Gottes will ich treten“, kann man mitlesen, was der Priester vorne tief gebeugt und für die Messbesucher unhörbar betet.

Am 10. Februar ist um 11 Uhr ein Vortrag und Gespräch mit der Gemeinde des außerordentlichen Ritus Münster im Hansahof, Aegidiistraße 67. Daran nimmt auch Weihbischof Stefan Zekorn teil.

Zwischendurch mal eine Orgel-Intonation, dann singt die Schola wieder, während der Wandlung flüstert nur der Priester am Altar. Der Ablauf im Altarraum wirkt wie ein unaufhörlich tickendes Uhrwerk. Man könnte denken: „Wann geht es denn endlich los?“

Wie aus einer anderen Zeit

Wer mit dieser Gottesdienstform nicht vertraut ist, fühlt sich schnell überfordert. „Dominus vobiscum“ – „Der Herr sei mit Euch“, schallt es vom Hochaltar gelegentlich durch die Kirche. Fremd, beinahe museal scheint das Geschehen, wie aus einer anderen Zeit.

Während der gesamten Messe spricht der Priester nur einmal das Volk direkt und auf Deutsch an, das ist während der Predigt. „In dieser Messe steht nur Gott im Fokus“, erläutert Guido Gunderloch. Der Gymnasiallehrer aus Münster organisiert seit Jahren die lateinischen Gottesdienste in der Aegidiikirche.

Objektivität des Ritus

„Ich kann hier abschalten, einfach alles auf mich wirken lassen“, fährt Gunderloch fort. Er genießt die meditative Musik und die, wie er sagt, „Objektivität des Ritus“. „Der Priester als Person verschwindet fast, er ist Teil einer genau festgelegten Zeremonie.“

Tatsächlich hat es etwas Besinnliches, Entlastendes, wenn man die Gedanken zwischen Weihrauch und Choralgesang schweifen lassen kann. „Mit dem Herz beten, nicht mit dem Verstand“, nennt es Gunderloch.

Der Zankapfel „Alte Messe“

Seit 21 Jahren kommt ein Kern von 60 bis 80 Messbesuchern aus dem ganzen Münsterland zur Aegidii-Kirche. Was dort jeden Sonntag passiert, ist bei Theologen als „außerordentliche Form des römischen Ritus“ bekannt.

Papst Benedikt XVI. hatte diese Form des Gottesdienstes 2007 wieder allgemein zugelassen. Sie solle „wegen des ehrwürdigen und alten Gebrauchs sich geziemender Ehren erfreuen“, schrieb er dazu. Im Hintergrund stand der Versuch des deutschen Papstes, den Zankapfel „Alte Messe“ aus der Grauzone des Illegalen, Sektiererischen zu holen.

Bistum finanziert den Projektchor

Tatsächlich war diese Messform in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit seinen Reformen geradezu das Erkennungszeichen von Traditionalisten wie der Piusbruderschaft, die sich den Neuerungen nicht öffnen wollten. Dies erklärt wohl auch die Vorbehalte, die viele bis heute hegen. Eine Journalistin der „Zeit“ schuf den treffenden Vergleich, diese Messe wirke wie ein U-Boot, „um altes, autoritäres Gedankengut in die Kirche der Neuzeit einzuschmuggeln“.

Für Guido Gunderloch sind kirchenpolitische Ränkespiele kein Thema: „Die zuständigen Pfarrer und die Bistumsleitung sind uns gegenüber wohlwollend, es gibt nichts zu klagen.“ Für die Offenheit ist er dankbar. „Das Bistum finanziert sogar unseren neuen Projektchor an der Aegidiikirche mit.“ Diese ist übrigens ein guter Ort, um katholische Vielfalt zu demonstrieren: Die „Lateiner“ teilen sich das Gotteshaus seit Jahren mit der portugiesischen Gemeinde – katholisch eben, allumfassend.