Förderprogramm „Sprach-Kita“ ist bedroht - Beispiele in Herten und Recklinghausen-Hochlarmark

Die Kita – ein guter Ort zum Deutschlernen, doch wie lange noch?

Anzeige

Deutsch sprechen zu können, um als Mensch aus anderen Ländern hier Fuß zu fassen - je früher, desto besser. "Sprach-Kitas" sind genau dafür da. Und sie sind erfolgreich, wie unsere Beispiele in Herten und Recklinghausen-Hochlmarmark zeigen. Doch es ist unsicher, ob das Programm weiter möglich sein wird.

Moses ist jetzt drei, und er hat heute seinen Glückstag, findet seine Stuhlkreis-Nachbarin Sara (5). Denn erstens darf er in der Sternschnuppen-Gruppe Geburtstag feiern. Und zweitens ist er in der Morgenrunde heute der „Wetterfrosch“. Nach einem Blick aus dem Fenster in den sonnigen Sommermorgen sortiert er in der Fotokiste alle Sachen aus, die heute zu warm sind: „Mütze“, „Stiefel“, „Handschuhe“, „Regenjacke“ – lauter Wörter, die Moses auf Deutsch erst noch lernen muss.

Seine Eltern stammen aus Nigeria. Moses ist zwar in Deutschland geboren, in der Familie wird aber Englisch gesprochen. Damit es nicht zu kompliziert wird für Kinder wie Moses, haben die 13 pädagogischen Fachkräfte der Kita sich auf ein gemeinsames Vokabular verständigt: Zunächst heißt es zum Beispiel „Hausschuhe“. Wörter wie „Pantoffeln“ und „Schlappen“ kann man später noch lernen.

Ist Englisch besser als Bosnisch?

Sprachfachkraft Verena Paluch-Möller in der Bibliothek des St. Pius-Kindergartens in Recklinghausen. | Foto: Cordula Spangenberg
Sprachfachkraft Verena Paluch-Möller in der Bibliothek des St. Pius-Kindergartens in Recklinghausen. | Foto: Cordula Spangenberg

Das Familienzentrum im St. Antonius-Haus in Herten beherbergt bis zu 18 Nationen und nimmt seit 2016 am Bundes-Programm „Sprach-Kitas“ teil. Reyhan Cetin, Erzieherin und systemische Beraterin, wird über das Programm mit halber Stelle finanziert: Sie entwickelt für die Kita Ideen, wie Kinder schnell Deutsch lernen können, und setzt das mit dem ganzen Team um. Einerseits sollen die Kinder später in der Grundschule gut mithalten können. Andererseits will man auch die Heimatsprachen würdigen: „Englisch und Französisch wurden immer schon wertgeschätzt, Bosnisch dagegen fiel unter den Tisch. Das wollen wir ändern“, sagt Einrichtungsleiterin Birgit Altegör.

Von den 21 „Sternschnuppen“-Kindern haben lediglich vier Deutsch als Muttersprache. Deshalb fällt die Begrüßung am Morgen vielfältig aus: auf Serbisch, Rumänisch, Englisch, Arabisch, Russisch, Griechisch, Vietnamesisch. Anschließend ist Ben an der Reihe, den richtigen Wochentag und Monat im Kalender zu markieren. Frieda zählt mit etwas Mühe die Kinder in der Runde durch. Nadine darf das nächste Spiel aussuchen: „Ich und du, Müllers Kuh…“ Auch Zahlen und Reimverse helfen beim Deutschlernen, ebenso wie die gut bestückte Kita-Bibliothek, die mehrsprachige Bilderbücher auch nach Hause verleiht.

Manche Eltern können nicht lesen und schreiben

Birgit Altegör und Reyhan Cetin (v.l.) arbeiten im Hertener St. Antonius-Haus mit Kindern aus 18 Nationen. | Foto: Cordula Spangenberg
Birgit Altegör und Reyhan Cetin (v.l.) arbeiten im Hertener St. Antonius-Haus mit Kindern aus 18 Nationen. | Foto: Cordula Spangenberg

Ähnlich wie im St. Antonius-Haus in Herten sieht es im Kindergarten St. Pius in Recklinghausen-Hochlarmark aus. 76 Kinder, elf Nationen, neun Sprachen – 30 Prozent der Familien beziehen hier Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, haben also wenig eigenes Einkommen. Neben allen Tricks, Kinder im Kita-Alltag zum Sprechen zu animieren, hat Sprachfachkraft Verena Paluch-Möller auch die Eltern im Visier. Dolmetscher und erklärende Bildbände zu Alltagssituationen helfen bei der ersten Kommunikation. Gut auch, dass es eine Eltern-App gibt, die Infos aus der Kita mit einem schnellen Klick in andere Sprachen übersetzen kann. Was aber, wenn die Eltern nicht lesen und schreiben können?  

Paluch-Möller hat deshalb ein Kita-Elterncafé gegründet. Dort lernen die Eltern ihre Stadt mit Sportvereinen, Theater und Beratungsstellen kennen, vernetzen sich, werden ihre Fragen los und können sich gegenseitig im Alltag helfen.

Sprach-Kitas werden auch 2024 gebraucht

Die Muttersprachen der Kinder sind im Kita-Alltag immer präsent. | Foto: Cordula Spangenberg
Die Muttersprachen der Kinder sind im Kita-Alltag immer präsent. | Foto: Cordula Spangenberg

So weit, so gut. Allerdings ist die Finanzierung der Sprach-Kitas ab 2024 keineswegs gesichert. Der Bund hatte das Programm 2016 aufgesetzt und sich nun kurzfristig aus der Förderung zurückgezogen. Ab 1. Juli 2023 übernimmt das Land NRW, allerdings vorerst nur bis Jahresende: Das betrifft mehr als 1.300 Kindertageseinrichtungen in NRW, die als „Sprach-Kita“ mit je einer halben Fachkraftstelle gefördert werden. „Ursprünglich war geplant, dass die Sprachfachkraft Ideen entwickelt, später aber die Erzieherinnen einspringen. Das war theoretisches Wunschdenken“, meint Paluch-Möller. Denn Sprachförderung koste Zeit – wo aber angesichts des Fachkräftemangels nicht alle Stellen einer Kita besetzt werden könnten, laufe oft unter hoher Anstrengung dennoch nur der Regelbetrieb.