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Kirchliche Avantgarde in früherer Bergarbeitersiedlung Wehofen

Ein architektonisches Meisterwerk: St. Juliana in Duisburg

  • Juliane Thyssen spendete eine Millionen Mark für Kirchbau, die eigentliche Namenspatronin ist jedoch die heilige Juliana.
  • Ihren einzigartigen Charakter verdankt die Kirche dem Architekten Hel Haparta.
  • Polnische und albanische Katholiken haben St. Juliana für sich entdeckt.

Der Duisburger Stadtteil Wehofen nahe der Grenze zu Oberhausen ist geprägt durch eine Zechensiedlung. Viele alte Häuser und der Siedlungsgrundriss stehen unter Denkmalschutz. Früher arbeiteten die Bergarbeiter auf der 1913 gegründeten Zeche Wehofen. „Ja, hier lebt die Idylle des Ruhrgebiets“, sagt Dinus Tomasi. Er ist ein Wehofener mit Leib und Seele. Seit 62 Jahren lebt er in dem Stadtviertel. In jungen Jahren arbeitete auch der 82-Jährige im Bergbau, später dann bei der Lufthansa in Düsseldorf.

Tomasi wohnt nur wenige Meter von der Kirche St. Juliana entfernt. Täglich hat er das Gotteshaus im Blick, und regelmäßig führt sein Weg zur Kirche. Das engagierte Gemeindemitglied der heutigen Pfarrei St. Dionysius im Duisburger Stadtbezirk Walsum ist so etwas wie ein wichtiger sachkundiger Ansprechpartner der Gemeinde, wenn es um die Kirche St. Juliana geht.

Kirchturm wie eine Rakete

Interessierten Besuchern zeigt er gern das Gotteshaus, das meistens nur zu den Gottesdienstzeiten geöffnet ist. Tomasi kennt die Geschichte der Kirche wie kaum ein zweiter, und er weiß, dass die zwischen 1963 bis 1965 erbaute Kirche besonders ist: „Damals war die Kirche modern, und ich würde sagen, sie ist es noch heute.“

Wer das Gotteshaus betrachtet, staunt: Wie eine Rakete schießt der Turm von St. Juliana in den Himmel. Aus dem Kirchenschiff wächst der Turm als Dreieck im Grundriss bis zur Kreuzspitze in 42 Meter Höhe empor, und seine Konturen fließen wieder mit dem Kirchdach zusammen. Rötlich gefärbte Keramikplatten bedecken die Betonfassade wie ein Mosaik. „Er war damals ein mutiger Bau, eine Avantgarde der Nachkriegszeit. Es war die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils. Neuerungen in der Liturgie nahmen Einfluss auf die Kirchenarchitektur“, erinnert sich Tomasi.

Technische Neuerung der 1960er Jahre: Spannbeton

Der Düsseldorfer Architekt Hel Haparta baute das Gotteshaus. Er war bekannt für innovative Bürohäuser, private Villen  und Fabrikgebäude. St. Juliana war sein erster Sakralbau, nachdem er 1961 nach einem Architektenwettbewerb den Auftrag erhielt, das Gemeindezentrum von St. Juliana mit Kirche, Kapelle, Schwesternheim und Kindergarten zu bauen.

Die Kirche wurde auf dem leeren Marktplatz so geplant, dass sie städtebaulicher Mittelpunkt von Wehofen wurde. Hel Haparta führte eine technische Neuerung der 1960er Jahre ein: den Spannbeton. Die sechs tragenden Pfeiler des sechseckigen Kirchenbaus tragen das durchhängende Zeltdach, ermöglicht durch eine Stahlbeton-Vorspannkonstruktion, die bis dahin noch nie so ausgeführt wurde.

Millionen-Spende einer Unternehmerfamilie

„So haben wir wohl einen der eindrucksvollsten Kirchbauten im Ruhrgebiet erhalten“, sagt Tomasi. Dabei sei es ein Bau, den das Bistum Münster in dieser Größe eigentlich gar nicht haben wollte. „Das Bistum wollte eine kleinere Kirche. Wir hatten bis dahin nur eine so genannt Notkirche. Unser damaliger Pfarrer Josef Ratte hatte sich viele Jahre vergeblich bemüht, einen Neubau vom Bistum Münster genehmigen zu lassen.“

Dass es anders kam, habe die Gemeinde Juliane Thyssen zu verdanken, der Schwester von August Thyssen. „Juliana Thyssen spendete eine Millionen Mark für den Bau. Man könnte denken, sie sei die Patronin der Gemeinde. Die eigentliche Namenspatronin ist jedoch die heilige Juliana“, sagt Tomasi schmunzelnd. Juliane Thyssen wollte ihre Spende nur für den Kirchenentwurf von Hel Haparta geben. Nach langem hin und her mit der Bischöflichen Behörde in Münster habe diese schließlich eingelenkt.

Aufbau eines Gemeindezentrums

In der Pfarrchronik liest sich die Begebenheit so: „Juliane Thyssen überzeugte sich von den bedrückenden kirchlichen Verhältnissen in unserer Gemeinde und erklärte sich bereit, Sankt Juliana für den Bau eines neuen Gemeindezentrums 5000 Quadratmeter Baugelände zum Geschenk zu machen. Sie ließ dem Hochwürdigsten Herrn Generalvikar Böggering sagen, es sei das Vermächtnis ihres Mannes, dass für Wehofen gute kirchliche Verhältnisse geschaffen würden und sie bereit sei, zu helfen, wenn das Generalvikariat mit dem Bau eines Gemeindezentrums begänne.“

Nicht nur der Blick auf die Kirche lohne, sagt Tomasi und verweist auf die Ausstattung, die Hel Haparta weitgehend mit Künstlern aus dem Ruhrgebiet konzipierte. Den Altarraum entwarf die Dortmunder Bildhauerin Liesel Bellmann, die Fenster der Glasmaler Jupp Gesing aus Herne. Die Glasbetonarbeiten führte die Firma Donat aus Gelsenkirchen-Buer durch. Den Sakramentsaltar entwarf Hein Wimmer aus Köln.

Glasmalereien zeigen die sieben Sakramente

Die horizontalen und vertikalen Lichtbänder zieren Glasmalereien, die Symbole des Glaubens darstellen. Dazu gehören Ringe für das Sakrament der Ehe, der Hahn, der zur Umkehr und Buße aufruft, und Brot und Wein für das Sakrament der Eucharistie. Kirchenschätze aus der alten Notkirche wie ein Gemälde von der heiligen Juliana und eine alte Fahne von den katholischen Frauen aus der Anfangszeit der Bergarbeitersiedlung sind ebenfalls zu entdecken. „Auch diese alten Zeugnisse gehören in den Kirchenraum. Sie gehören zur Geschichte von Wehofen“, sagt Tomasi.

Dass die Stadt Duisburg St. Juliana vor zehn Jahren unter Denkmalschutz gestellt hat, findet das Gemeindemitglied richtig und gut: „Diese Kirche ist schützenswert, so wie sie ist.“ Auch wenn das allgemeine kirchliche Leben nicht mehr so angesagt sei wie früher und die Stadt einen sozialen Wandel erlebt, habe man mit der Polnischsprachigen Gemeinde und neuerdings auch mit der Albanischen Gemeinde gute Partner für die Kirche gewonnen.

400 Teilnehmer bei Sonntagsgottesdiensten

„Die polnische Gemeinde feiert – nimmt man die derzeitige Corona-Krise einmal aus - mit bis zu 400 Gläubigen ihren Sonntagsgottesdienst. Da ist richtig was los“, sagt Tomasi, der diese Gottesdienste selbst gern mitfeiert. Schön sei es zu erleben, wenn ganze Familien zur Feier zusammenkämen.

Erfreulich sei es, dass ebenfalls die Albanische Gemeinde für das Rheinland und das Ruhrgebiet St. Juliana für sich entdeckt hat. „So wird die Kirche weiterhin sinnvoll genutzt“, sagt Tomasi und hofft auf weitere Besucher in Wehofen. „Unser 42 Meter hoher Kirchturm ist ja nicht zu übersehen.“

Feste Termine für Kirchenbesucher

Die Polnischsprachige Gemeinde kommt freitags um 18 Uhr und sonntags um 9.30 Uhr zu Gottesdiensten zusammen, die Albanische Gemeinde sonntags um 17 Uhr. Die Gemeinde St. Juliana in der Pfarrei St. Dionysius feiert Gottesdienste dienstags um 9 Uhr und sonntags um 18 Uhr.

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