Schwester Teresa Friese aus Rietberg über die Corona-Zeit

Kloster Varensell: Weniger Hostienproduktion und ein „innerer Gewinn“

Die Benediktinerinnenabtei Varensell bei Rietberg in Ostwestfalen lebt zum größten Teil von der Hostienproduktion. Wie hat sich die gottesdienstlose Corona-Zeit bisher auf das Kloster ausgewirkt? Schwester Teresa Friese hat mit „Kirche-und-Leben.de“ über wirtschaftliche Ausfälle und „innere Reichtümer“ gesprochen.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf Ihr Kloster aus?

Nicht nur die Hostienbäckerei, sondern das ganze Kloster ist natürlich stark betroffen von den Einschränkungen. Auch das Gästehaus ist seit Mitte März komplett geschlossen und hat schon Absagen für das ganze Jahr zu verzeichnen. Was das wirtschaftlich bedeutet, ist noch gar nicht absehbar und eine große Sorge. Wir wissen noch nicht, wann wir wieder öffnen können, das hängt auch von behördlichen Vorgaben ab. 

Welche Auswirkungen hatten die nicht gefeierten Gottesdienste auf die Hostienproduktion?

Die Hostienproduktion ist neben unserem Gästehaus, der Paramentenwerkstatt und dem Buchladen das wesentliche wirtschaftliche Standbein. Bundesweit beliefern wir etwa 1.000 Kunden mit Hostien. Monatlich wurden um die 650.000 Hostien bestellt und versandt. Das ist jetzt völlig eingebrochen: Im ganzen Monat April, in dem ja das Osterfest und sonst auch die Erstkommunionfeiern liegen, wurden nur 30.000 Hostien verschickt. Vier Angestellte sind in Kurzarbeit. Und die nicht gefeierten Gottesdienste werden ja nicht „nachgeholt“, sodass dieses Defizit auch später nicht ausgeglichen werden kann. 

Wie geht es Ihnen und Ihren Mitschwestern?

Wir 32 Schwestern leben hier wie in einer großen Familie. Gott sei Dank haben wir bisher keine Infektion im Haus gehabt – das wäre bei unserem Altersdurchschnitt auch fatal. Im Umgang ist es hier relativ normal. Klar, wir achten auf die Hygiene-Etikette beim Husten und Niesen und verstärkt aufs Händewaschen. Unsere Gemeinschaft hingegen erlebt im Alltag eigentlich recht wenig Veränderung, weil das „Stay-at-home-Dasein“ sozusagen die klösterliche Lebensweise aufgreift. Ein Leben in Klausur führen wir immer – und ganz freiwillig und mit Sinn und Zweck und geistlichem Gewinn. Obwohl der Vergleich ein wenig hinkt, ist es sicher interessant zu fragen, was das eine dem anderen zu sagen hat. 

Wie meinen Sie das?

Unsere benediktinische Lebensform ist ja immer so, wie die Menschen das draußen jetzt auch haben – dass man eben nicht rausgeht. Dass wir in Klausur leben, ist für uns nichts Ungewöhnliches. Dieses Leben hat auch Reichtümer, es macht das innere Leben reicher. All diese Beschränkungen, die von der Corona-Krise kommen, kann man auch mal positiv anschauen: Was kann ich für mich dabei gewinnen? 

Was denn?

Innerer Gewinn dieser äußeren Beschränkung kann sein, mir selbst zu begegnen – ganz anders als meist sonst möglich, wenn ich ständig von Terminen und tausend Möglichkeiten hin- und hergerissen bin. Jetzt habe ich Zeit und Stille und Raum – vielleicht auch mal Langeweile. Das sind die Räume, in denen sich melden kann, was in mir lebendig ist, aber meist keine Aufmerksamkeit findet. Das kann auch mal unangenehm sein, unerwartet, auch dunkle Seiten. Aber es will auch eine gute und wertvolle Begegnung werden mit mir selbst. Wann war ich zuletzt bei mir selbst zu Gast? Und in diesem „Bei-mir-Sein“ bin ich immer schon auch bei Gott – denn er wohnt ja in mir. Das sagen alle christlichen MystikerInnen. Es gibt ein schönes Wort von Teresa von Ávila, meiner Namenspatronin: „Wenn ich gewusst hätte, welch großer Gast in meiner Seele wohnt, hätte ich ihn dort nicht so oft allein gelassen.“ 

Also kann Corona auch eine Chance sein?

Es hat etwas Tragisches, dass wir für diese „Stilllegung“ unseres Getriebes erst ein tödliches Virus brauchen. Das macht die Szenerie düster, bedrohlich und existenzgefährdend in vielerlei Hinsicht. Aber eigentlich hat uns diese Gefahr auch einen guten Dienst erwiesen und eine große Chance eröffnet: mehr zu uns selbst zu kommen! Ich las eine gute Sequenz für die Zeit nach der Krise: „Was ich vermisst habe, genieße ich dann mehr. Und was ich nicht vermisst habe, das lasse ich auch weiter bleiben.“