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Interview mit Carl Möller, Priester, Psychotherapeut und Leiter von Kloster Vinnenberg

Ostern ohne Gottesdienst: Warum jetzt Rituale wichtig sind

Kloster Vinnenberg ist seit 800 Jahren ein kleiner, feiner Wallfahrtsort im Kreis Warendorf. Carl Möller leitet diesen Ort der Stille. Im Interview sagt der Priester und Psychotherapeut, wie Ostern auch ohne Gottesdienst zu einer tiefen, ganz anderen Erfahrung werden kann.

 

Wo ohnehin schon alles reduziert und stiller geworden ist, wo Gottesdienste ausgerechnet zu Ostern ausfallen, schlägt womöglich die Stunde der ohnehin schon stillen Orte, die sich über Jahrhunderte als Zufluchtsorte bewährt haben. Kloster Vinnenberg im Kreis Warendorf ist seit rund 800 Jahren ein solcher Ort. Bis vor 20 Jahren lebten Benediktinerinnen dort, seitdem hat Carl Möller das Kloster zu einem Zentrum der Spiritualität ausgebaut - und auch die Wallfahrt geht weiter. Im Interview sagt der Priester und Psychotherapeut, warum diese Zeit eine durch und durch österliche ist. Und welche wichtige Rolle Orte wie Vinnenberg dabei spielen können.

Herr Pfarrer Möller, Vinnenberg ist ein besonderer Ort: Er liegt weit weg von der Stadt, auf dem platten Land, an dem seit 800 Jahren und bis heute Pilger die Muttergottes vom Himmelreich verehren, ihr ihre Sorgen anvertrauen … Was geschieht gerade in Vinnenberg?

Dieser Ort, der ja seit 800 Jahren als Kloster immer schon ein Ort der Stille und der Kontemplation war, ist noch einmal stiller. Unser Haus der Stille ist stillgelegt - das fasziniert mich sehr.

Wie reagieren die Menschen, für die Vinnenberg wichtig ist?

Viele schreiben uns, wie sehr sie es schätzen, dass wir stellvertretend für sie da sind und natürlich auch für sie beten. Interessant ist auch, dass sogar Menschen, die sonst nur selten zum Gottesdienst gehen, das Verbot öffentlicher Gottesdienste in dieser Corona-Krise gerade zu Ostern als ein massives Defizit empfinden. Sie wissen nicht, wohin sie sich auch mit ihrer spirituellen Einsamkeit wenden sollen.

Was ist mit den vielen Menschen, die einzeln nach Vinnenberg pilgern?

Carl MöllerCarl Möller ist Priester des Bistums Münster und Psychotherapeut. Zudem ist er Leiter des Fachbereichs Vergleichende Religionswissenschaften am C.G. Jung Institut, Zürich. 2010 gründete er das verlassene Kloster Vinnenberg als einen besonderen Ort geistlicher Erfahrung neu. Möller ist auch Exerzitienleiter, geistlicher Begleiter und Psychoanalytiker in eigener Praxis. | Foto: privat

Die kommen sogar mehr als sonst. Am vergangenen Wochenende war es wie ein Strom, der gar nicht aufhören wollte. Wir kamen gar nicht nach, Kerzen nachzulegen und zusätzliche Kerzenständer aufzubauen. Die Menschen haben sogar Lichter einfach auf die Altarstufen gestellt, übrigens auch viele junge Menschen, Eltern mit ihren kleinen Kindern. Es berührt mich sehr, dass dieser Ort, dessen zehnjähriges Jubiläum des Neuanfangs wir im Juli groß feiern wollten, zwar lahmgelegt ist, die Menschen sich aber dieses Ortes erinnern als eines Ortes der Zuflucht. Jetzt ein solches, bleibendes Ziel zu haben, ist unendlich wichtig. Denn zurzeit fallen ja wegen Corona wo so viele Ziele des Alltags einfach weg - die Arbeit, das Treffen mit Freunden, Freizeitaktiven und Ähnliches. Da erinnern sich viele an unser Kloster, und sie kommen, um eine Kerze an der Wallfahrts-Madonna zu entzünden.

Warum ist dieses Kerze-Anzünden für viele Menschen so wichtig?

Ich denke schon, dass sich viele - bewusst oder unbewusst - verloren und im Dunkel fühlen. Da ist es zum einen wichtig, so ein Licht in die Dunkelheit hinein entzünden zu können. Und zum anderen bleibt die Kerze ja an diesem wichtigen Ort und brennt weiter, auch wenn ich selber diesen Ort wieder in meinen Alltag hinaus verlasse. Das hält Kontakt zu einer anderen Dimension, zu einer transzendenten Dimension, letztlich zu Gott, von wo die Menschen Hilfe und Beistand erhofft, um nicht allein zu sein in dieser Krise.

Also geht es „nur“ um ein gutes Gefühl, um einen alten Brauch?

Selbst dann wäre dieses Ritual für mich legitim. Aber ich glaube schon, dass die meisten der Pilger bei uns nicht nur eine Kerze entzünden, sondern auch ein kleines Gebet sprechen - und sei es noch so unbeholfen. Sie spüren durchaus, dass es dieses Andere doch gibt und sie in diesem Ritual eine Erfahrung von Gott machen können.

Was raten Sie Menschen, denen Ostern und die Gottesdienste in diesem Jahr schrecklich fehlen?

Kloster VinnenberKloster Vinnenberg bei Milte im Kreis Warendorf. | Foto: Christof Haverkamp

Zum einen können sie gut hierher nach Vinnenberg fahren. Wir werden trotz allem die kleine Kirche festlich österlich schmücken wie jede Jahr, mit vielen Blumen, wir werden auch Gebetszettel auslegen. Und auf dem Weg hierher empfehle ich, bewusst durch die Natur zu fahren und die religiöse Dimension zu suchen: die aufbrechende Schöpfung, die wir ja gerade für die Ostertage erwarten! Und dabei spüren, dass es eine positive Kraft der Natur gibt, die mich auch meine eigene Lebensenergie spüren lässt: dass ich Teil dieser Schöpfung bin - und dass es auch da trotz aller Dunkelheit und Krankheit immer heilende Aspekte gibt. Das Heilsame der Schöpfung wahrzunehmen - und das Heilsame im Ritual des Kerzeanzündens: Beides ist sehr österlich.

Was machen die Menschen, die zu Hause bleiben müssen?

Da empfehle ich durchaus die vielen Gottesdienste, die über das Fernsehen oder das Internet übertragen wird. Aber dann ist es wichtig, nicht nebenbei zu essen oder aufzuräumen oder alles Mögliche zu machen. Besser ist es, sich wirklich einen guten Ort dafür zu wählen, eine Kerze zu entzünden, vielleicht eine schöne Blume dazuzustellen - und so für sein eigenes Ritual zu sorgen. Vielleicht mit fünf Minuten Stille vorher und auch nachher, damit die Hürde des Ungewohnten überwunden und wirklich ein innerliches Mitvollziehen gelingen kann.

Was bedeutet es für die Kirche im Ganzen, dass die Gottesdienste in der Karwoche und zu Ostern ausfallen?

"Muttergottes vom Himmelreich"Die kleine Figur der "Muttergottes vom Himmelreich" zieht seit rund 800 Jahren Einzelpilger und Gruppen zum Wallfahrtsort Kloster Vinnenberg. | Foto: Michael Bönte

Diese Leere der fehlenden Gottesdienste durch Aktivitäten und Aktionen zu überdecken, halte ich auf dem Weg der Gottsuche für nicht sinnvoll. Es ist wichtig, dies auszuhalten - so wie Karsamstag, die Grabesstille, die Leere, zu Ostern gehört. Das ist wichtig für den Einzelnen wie für die Kirche, damit sich etwas Tiefes, Neues, Lebendiges entwickeln kann.

Ich finde es erstaunlich, dass in den Medien ja davon kaum die Rede ist, sondern vielmehr davon, dass jetzt die Oster-Ausflüge ausfallen oder zumindest schwieriger möglich sind. Aber ich höre hier in Vinnenberg ebenso stark, dass vielen durch den Wegfall der über Jahrhunderte immer gleich stattfindenden Gottesdienste von Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu klar wird: Ich brauche diese Rituale wirklich zur Bewältigung meines Lebensalltags! Sie jetzt nicht zu haben, sorgt dafür, dass sich eine echte Leere ausbreitet - bewusst oder unbewusst. Ausgerechnet in diesem Jahr auf diese Themen verzichten zu müssen, in der uns Krankheit und Tod kollektiv so nahe kommen - da wird mir eben auch etwas genommen, das mich wieder in die Hoffnung hineineinführt.

Umso wichtiger sind die persönlichen Rituale?

Genau. Besonders dann, wenn ich an einen so alten Ort mit einer 800-jährigen Wallfahrtstradition wie Vinnenberg fahre. Da kann ich mich mit einem kleinen Ritual des Kerzeanzündens in diese Tradition der Pilgerinnen und Pilger durch die Jahrhunderte einreihen und die Erfahrung machen: Zu allen Zeiten sind Menschen in Not hierher gekommen, der Pilgerstrom ist nie ganz abgerissen. Es gab ja immer wieder riesige Krisen in der Geschichte, und immer wieder haben Menschen hier versucht, sich ins Vertrauen einzuüben. Sich bewusst in diese Reihe der Menschen einzugliedern, kann mich erfahren lassen: Ich bin nicht allein mit meiner Not und Sorge. Das gilt ganz konkret auch heute: Wer zurzeit in die Wallfahrtskirche geht, sieht fast immer auch Menschen, die wieder aus der Kirche herauskommen - es ist wie eine Kette.

Gibt es womöglich Anlass, vor einem Osterbesuch in Vinnenberg zu warnen, weil zu viele Pilger nicht mit der Kontaktsperre zu vereinbaren wären?

Das glaube ich nicht. Die Leute kommen oft mit ihren Fahrrädern, stellen sie weit voneinander entfernt ab und achten sehr genau darauf, wo gerade andere Menschen sind, um die Distanz zu wahren. Das gilt auch in der Kirche: Wo immer Menschen Kerzen entzünden oder zur Muttergottes vom Himmelreich gehen, warten andere in den Bänken, bis wieder Platz ist. Das funktioniert wirklich vorbildlich und mit großer Rücksichtnahme. Und viele genießen auch einfach die Stille in unserem großen Garten - mit dem blauen Himmel über sich und den vielen bunten Blumen um sie herum. Beides lässt sich in Vinnenberg gut verbinden: das Äußere und das Innere.

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