Interview zum Pflegenotstand mit Eugen Brysch

Patientenschützer: Pflegern mehr medizinische Verantwortung geben

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, spricht sich für ein Bündel von Maßnahmen zur Bekämpfung des Pflegenotstands aus. Gute Bezahlung alleine reiche nicht, sagt Brysch. Er hat auch eine Forderung an Mitarbeitervertretungen in kirchlichen Einrichtungen.

Herr Brysch, Kritiker behaupten, wegen des Pflegenotstands an Krankenhäusern steige das Risiko von Komplikationen mit tödlichem Ausgang. Halten Sie das für eine übertriebene Dramatisierung oder eine realistische Einschätzung?

Der Personalnotstand in der Pflege kam nicht über Nacht. Aktuelle Zahlen zum Fachkräftemangel überraschen daher nicht. Dafür sind in erster Linie die Arbeitgeber verantwortlich. Es kann nicht sein, dass Krankenhäuser und Pflegeheimbetreiber auf Kosten der Pflegekräfte sparen und sogar ihren Profit steigern.

Trotz drastisch steigender Patientenzahlen ist mit 325.000 Beschäftigten im Pflegedienst erst jetzt das Beschäftigungsniveau von 1991 wieder erreicht. Damit ist die Arbeitsbelastung pro Pflegekraft in den letzten 25 Jahren faktisch um ein Drittel gestiegen. Höherer Druck und mehr Stress erhöhen das Fehlerrisiko. Das geht natürlich zu Lasten der Patienten. Experten reden von gefährlicher Pflege.

Zudem werden in den Krankenhäusern immer mehr alte, demenziell erkrankte und pflegebedürftige Menschen versorgt. Diese Patientengruppe braucht besonders intensive Pflege. Ebenso muss berücksichtigt werden, dass diese Patienten für ihre Heilung mehr Zeit benötigen.

Wie beurteilen Sie die bisherigen Ankündigungen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur Beendigung des Pflegenotstands?

Es ist gut, dass die Personalkosten der Pflegekräfte im Krankenhaus von den Fallpauschalen getrennt werden. So können Krankenhäuser nicht mehr auf Kosten der Pflege sparen. Auch ist es richtig, dass die Bundesregierung jede neue Stelle in der Pflege finanzieren will. Was Gesundheitsminister Jens Spahn aber nicht sagt ist, wie diese Stellen besetzt werden sollen. Nur mit ausländischen Pflegekräften ist das sicher nicht möglich. Daher muss zunächst hierzulande angesetzt werden. Es gilt, die Pflegekräfte zu halten, die im Beruf stehen. Zudem Aussteiger zu motivieren, wieder zurückzukommen und Nachwuchs für die Pflege zu gewinnen. Ein einmaliges Prämiensystem kann hier aber keine Lösung sein.

Die Koalition plant Personaluntergrenzen für Krankenhäuser und will notfalls drastisch eingreifen, wenn diese Untergrenzen nicht eingehalten werden. Ist das hilfreich, um die Probleme zu lösen?

Vorsicht vor Personaluntergrenzen. Eine reine Untergrenze als Mindestmaßstab reicht nicht aus. Deshalb gilt es, endlich ein allgemeinverbindliches Personalbemessungsinstrument für alle Abteilungen in Kliniken einzuführen. Dieses muss an den Bedürfnissen der Patienten und Pflegebedürftigen ausgerichtet sein. Nur wer anständige Arbeitsbedingungen hat, kann Würde wahrend pflegen. Wird auf Kosten der Pflege gespart, leiden besonders die alten, pflegebedürftigen und schwerstkranken Menschen im Krankenhaus.

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. | Foto: Deutsche Stiftung PatientenschutzEugen Brysch. | Foto: Deutsche Stiftung Patientenschutz

Was halten Sie von dem Vorschlag, mit Hilfe ausländischer Krankenschwestern und -pfleger den Pflegenotstand zu beheben? Sind dann nicht Schwierigkeiten aufgrund von Sprachproblemen zu befürchten?

Es ist klar, dass Deutschland dringend Pflegekräfte braucht. Die Bundesregierung spricht von einem Bedarf von insgesamt 50.000 Pflegenden in Krankenhäusern, Pflegeheimen und der ambulanten Versorgung. Dabei können sicher auch qualifizierte und engagierte Fachkräfte aus Mittelost- und Südosteuropa oder Asien helfen. Deshalb ist es sinnvoll, praxistaugliche Visabestimmungen zu erarbeiten.

Aber Professionalität und Empathie allein reichen nicht aus. Klar muss sein, dass Pflegekräfte Deutsch verstehen und sprechen müssen. Ohne ein einheitliches Sprachniveau von B2 wird das nicht funktionieren. Ansonsten sind Anwerbeaktionen im Ausland sinnlos. Die Bundesregierung ist aufgefordert, für ein sicheres und geprüftes Verfahren in den Heimatländern zu sorgen. Die Qualität der Pflege und die Sicherheit der Pflegebedürftigen müssen dabei an oberster Stelle stehen.

Lässt sich das Problem verkleinern, indem Krankenschwestern und -pfleger besser bezahlt werden?

Krankenhäuser müssen den Pflege-Job grundsätzlich attraktiver machen. Dazu zählt auch eine gute Bezahlung. Aber das allein reicht nicht aus. Vielmehr gilt es, den Pflegekräften mehr Verantwortung zu übertragen statt sie nur als Handlanger der Ärzte arbeiten zu lassen.

Hintergrund
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz versteht sich als Fürsprecherin für Ratsuchende und Betroffene. Sie vertritt zudem die Interessen von Patienten auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Die Stiftung beantwortet Fragen zum Patientenschutz für schwerstkranke, schwerstpflegebedürftige und sterbende Menschen. Sie bietet kostenlose Unterstützung und Beratung am bundesweiten Patientenschutztelefon. Ihren Mitgliedern hilft sie kostenlos beim Verfassen verbindlicher und praxistauglicher Patientenverfügungen und betreibt mit dem Bundeszentralregister Willenserklärung ein deutschlandweites Registrierungssystem für Vorsorge-Dokumente.

Es gibt in Deutschland genügend sehr gut qualifizierte Pflegekräfte, die medizinische Aufgaben übernehmen können. Hierzu gehört die Gabe von Standardschmerzmitteln genauso wie das Legen eines Zugangs für Infusionen.

Die rechtliche Schwierigkeit besteht angeblich darin, dass es viele kirchliche Träger gibt, die keinen klassischen Tarifvertrag haben. Sehen Sie das auch so? Müsste in dieser Hinsicht etwas geändert werden?

Der Kirchentariflohn (AVR) muss in allen karitativen Einrichtungen gelten. Hier sind die Mitarbeitervertretungen aufgefordert, Kampfgeist zu beweisen. Wer am Sonntag von Brüderlichkeit predigt, muss das am Montag auch beweisen. Die Schwierigkeit besteht aber nicht nur bei kirchlichen Trägern. Viele private Kliniken und die meisten Pflegeheimbetreiber sind nicht an Tarife gebunden. Daher ist ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag für die gesamte Branche nötig.

Müssen nicht auch die Krankenkassen-Beiträge erhöht werden?

Sicher ist, dass die Krankenkassenbeiträge nicht gesenkt werden dürfen. Denn es gibt genug Baustellen, wo die gesetzliche Krankenversicherung gefordert ist. So muss die Krankenversicherung endlich auch die medizinische Behandlungspflege in der stationären Altenpflege übernehmen. Denn derzeit zahlen die 780.000 betroffenen Pflegebedürftigen im Heim monatlich 300 Euro aus der eigenen Tasche für Wundversorgung, Medikamentengabe oder Blutdruckmessung. Es kann nicht sein, dass Pflegebedürftige in Heimen schlechter gestellt werden als zuhause. Denn hier zahlt die gesetzliche Krankenversicherung die medizinische Behandlungspflege schon immer in vollem Umfang.