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Gastkommentar von Klaus Nelißen

Politisch-korrekte Krippen-Prüderie?

Gehört der Melchior nunmal traditionell zur Krippe oder ist die Darstellung eines dunkelhäutigen Königs rassistisch, allemal diskriminierend? In Ulm soll er aus der Krippe verschwinden, weil er dunkelhäutige Menschen in einer diskriminierenden Weise darstellt. Dazu ein Gastkommentar von Klaus Nelißen, stellvertretender Rundfunkbeauftragter der katholischen Kirche beim WDR und Pastoralreferent des Bistums Münster.

Weniger divers wird an diesem Weihnachten der Besuch beim Jesuskind im Ulmer Münster ausfallen. Der Grund: Die evangelische Gemeinde hat die Heiligen Drei Könige aus der Krippe verbannt. Nach einer Rassismus-Diskussion der Stadtgemeinde um die Ulmer Mohrenstraße empfand die Kirchengemeinde die Darstellung des Melchiors als zu problematisch. Das Foto der Krippenfigur macht gerade medial die Runde, und tatsächlich schaut der Ulmer Melchior mit seinen übergroßen Lippen und dem Federschmuck auf dem Kopf aus wie die Karikatur eines Afrikaners aus dunkelsten Kolonialzeiten. 

Klaus Nelißen ist stellvertretender Rundfunkbeauftragter der NRW-Bistümer beim WDR. Darüber hinaus wirkte der Pastoralreferent des Bistums Münster und ausgebildete Journalist bis Frühjahr 2019 für die katholischen ARD-Beauftragten bei „funk“, dem Online-Medienangebot für Jugendliche und junge Erwachsene.

Nun, die Schnitzfigur entstand in den 1920er Jahren, also kurz nachdem Deutschlands kurze, aber durchaus blutige Kolonialgeschichte beendet war. Nahezu hundert Mal haben die Ulmer ihre Krippe in Deutschlands höchstem Gotteshaus scheinbar fraglos aufgebaut. Aber jetzt wurden die Könige quasi ausgeladen, ihr Erscheinen wurde gecancelt. Wird nun also die Krippe zum Gegenstand der „Cancel-Culture“?

„Cancel-Culture“ zu Weihnachten?

Spätestens seit dem Mord an dem US-Amerikaner George Floyd im Mai dieses Jahres und dem Erstarken der „Black-Lives-Matter“-Bewegung wird allenthalben von „Cancel-Culture“ gesprochen. Hinter dem Begriff, der sich auf Deutsch mit „Absagekultur“ umständlich übersetzen lässt, steht nicht zuletzt auch die Kritik an öffentlichen Darstellungen, die als rassistisch wahrgenommen werden. So wurden seit Sommer zahlreiche Kolumbus-Statuen einen Kopf kürzer gemacht: „Cancel-Culture“ als politisch korrekter Bildersturm. 

Mit Bildersturm kennt sich die Kirche im Allgemeinen aus, und die von Münster im Besonderen. Und bevor nun vorschnell den Königen in der Krippe politisch korrekt der Garaus gemacht wird, sei daran erinnert: Die drei Könige stehen in ihrer Ikonografie nicht für Diskriminierung, sondern für Diversität. Sicher: Die Bibel spricht nur von Sterndeutern. Dass es Könige gewesen sein sollen, das kam ebenso später hinzu, wie die Abbildung in drei verschiedenen Lebensaltern und als Repräsentanten der damals bekannten drei Kontinente. 

Die Aussage war: Alle Völker sind an der Krippe willkommen, jedes Alter – und wenn man die Hirten hinzuzieht: jede soziale Schicht. Dass in dieser klassischen Krippen-Anordnung die Frauen, bis auf Maria, im Sinne der Diversität stark unterrepräsentiert sind, steht auf einem anderen Blatt. Aber eine Krippe ohne Menschen unterschiedlicher Herkunft wäre ein Armutszeugnis intellektueller Prüderie.

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