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Themenwoche Diversität (3) - die neue Referentin für Sexuelle Bildung im Bistum Münster

Sexualität in der Kirche: Ann-Kathrin Kahle wirbt für mehr Offenheit

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Ann-Kathrin Kahle ist seit einigen Monaten Referentin für Sexuelle Bildung im Generalvikariat in Münster. Die halbe Stelle in der Hauptabteilung Seelsorge-Personal des Bistums ist neu. Die Theologin, Sozial- und Sexualpädagogin sagt, was ihr an ihrer Aufgabe besonders wichtig ist.

„Wir waren da schon mal weiter“, sagt sie. Ann-Kathrin Kahle steht auf und geht zum Bücher­regal in ihrem Büro. Sie braucht nicht lange, bis sie den Beleg für ihre Behauptung in der Hand hält. „Arbeitshilfe der Jugendkommission an die Verantwortlichen in der kirchlichen Jugendarbeit zu einigen Fragen der Sexualität und der Sexualpädagogik“, steht sperrig auf einem Heft aus dem Jahr 1999. „Da war ich hoffnungsfroh“, sagt die 57-Jährige. „Das alles ist aber im Sand verlaufen.“

Das soll es nicht noch einmal. Kahle ist seit 1. Juni Referentin für Sexuelle Bildung im Generalvikariat in Münster. Die halbe Stelle in der Hauptabteilung Seelsorge-Personal des Bistums ist neu. „Sie ist sicher eine Reaktion auf die Ergebnisse der Missbrauchsstudien“, sagt die 57-Jährige. „Das Thema ist aber größer, darf nicht nur darauf fokussiert bleiben.“

Kirche muss Menschen begleiten

Denn die Auseinandersetzung mit Sexualität muss aus vielen Gründen einen zentralen Platz im kirchlichen Kontext haben. Kahles Ausgangspunkt: „Jeder Mensch kommt als sexuelles Wesen auf die Welt und entwickelt sich nach und nach mit ihr.“ Es macht für sie also Sinn, „bildend auf sie einzuwirken“. Das tun viele Bereiche automatisch: die Familie, die Medien, die Gesellschaft, die Politik … „Die Kirche hat deshalb nicht weniger die Aufgabe, Menschen im sexuellen Großwerden zu begleiten.“

Kahle spricht von „prägenden Einflüssen“: „Von Impulsen, die in den unterschiedlichen Phasen des Lebens entscheidende Rollen spielen.“ Seelsorge könne genau das, könne bei allen Fragen des Lebens beratend zur Seite stehen, könne helfen, Antworten zu finden, Unsicherheiten und Ängste zu überwinden. „Da dürfen wir nicht vor einem der wichtigsten Themen des menschlichen Daseins zurückweichen.“

Offenheit bei Sexualität wichtig

In Holzbuchstaben stehen die Worte „Liebe“ und „Sex“ auf dem Regal in Kahles Büros. Am Türrahmen hängt die abstrakte Zeichnung einer nackten Frau. Die Theologin, Sozial- und Sexualpädagogin scheut bei dem schambesetzten Thema Sexualität nicht vor Offenheit. Weil sie damit den Kern der problematischen Auseinandersetzung in der Kirche mit diesem Bereich enttarnt, sagt sie: „Die Sprachlosigkeit, die bewusste Verdrängung durch die Moraltheologie hat in der Vergangenheit viel Heilsames verhindert.“

Denn ein solches Schweigen führt zu Unfreiheit, sagt Kahle. „Die Grenzen des Sagbaren waren bei all denen besonders eng, die in ihrem Leben mit der Moral in Konflikt waren – ein unreflektierter Umgang entstand.“ Auch wenn es viele weitere, strukturelle Faktoren gibt, die den Missbrauch im kirchlichen Raum begünstigt haben: „Die fehlende Sprache war ein wichtiger Baustein.“

Selbstbestimmte Sexualität ermöglichen

Durch die Auseinandersetzung mit Missbrauch und den systemischen Ursachen wurde „die Bedeutung von sexueller Bildung wie ein Brennglas in den Fokus gerückt“, sagt Kahle.

Bei ihrer Arbeit geht es aber um weit mehr als allein um diese Thematik. Es geht auch darum, eine selbstbestimmte Sexualität zu ermöglichen, Menschen nicht zu diskriminieren, sondern zu einer „Kultivierung der Sexualität“ beizutragen, wie sie es nennt. „In der Kirche muss die lebensspendende Kraft der Sexualität wirken können und zum Teil des Glaubens von Menschen und Gemeinschaften werden“, betont sie.

Präventive Auswirkungen

Wenn sich eine solche Kultur weiter entwickelt, wird das auch präventive Auswirkungen haben, ist sich Kahle sicher. Die Seelsorgenden sind dafür ihre erste Zielgruppe. In der Aus- und Fortbildung von Priestern, Diakonen und Pastoralreferentinnen und Pastoral­referenten soll das Thema einen festen Platz bekommen. „Verpflichtend!“ Das unterstreicht sie. „Es müssen auch die kommen, die die Auseinandersetzung scheuen – gerade die haben ja ein Problem damit.“

Ein Angebot ist bereits konkret in Planung. „Sind Sie ein sexuell gebildeter Mensch?“ soll ein Seminar heißen. Es geht um einen Bildungsprozess, der nie abgeschlossen ist, nicht nach der Kindheit, nach Pubertät oder irgendwann im Erwachsenenleben. Das gilt fraglos auch für jeden Menschen im Raum der Kirche. Ihre Entwicklung will Kahle nicht allein den vielen anderen Kräften überlassen. Sie will mitwirken, eine vom Glauben geprägte Sexualität mit großer positiver Ausstrahlung zu finden.

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