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So kämpft die Caritas im Bistum Münster gegen Wohnungsnot

„Jeder Mensch braucht ein Zuhause.“ Unter diesem Motto macht die Caritas NRW zurzeit auf die anhaltende Wohnungsnot aufmerksam. Eine Million Wohnungen fehlen nach ihren Angaben deutschlandweit. „Das Prob­lem ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum“, sagt Ludger Schulten, Referent beim Diözesancaritasverband Münster. Darunter litten Alleinerziehende, Benachteiligte und Arme, aber auch Durchschnittsverdiener.

„Die Mieten sind in den letzten Jahren stetig gestiegen“, sagt Schulten. Ebenso die Grundstücks- und Baukosten. „Selbst für Doppelverdiener mit durchschnittlichem Einkommen ist es heute in Städten wie Münster nahezu unmöglich, ein Eigenheim oder eine Eigentumswohnung zu erwerben.“ Viele Familien zögen ins Umland, um überhaupt noch günstigen Wohnraum zu finden.

Wann ist Wohnraum bezahlbar?

Was sich in Großstädten extrem auswirke, gelte in moderaterem Maß für kleine Städte, sagt der Referent. In Rheine, wo Schulten viele Jahre für die Caritas mit dem Thema „Wohnen“ beschäftigt war, sei bezahlbarer Wohnraum seit 20 Jahren knapp.

Ludger Schulten vom Diözesancaritasverband Münster. | Foto: Karin Weglage
Ludger Schulten vom Diözesancaritasverband Münster. | Foto: Karin Weglage

Unter bezahlbarem Wohnraum versteht der Experte: „Wenn die Miete nicht mehr als ein Drittel des Familieneinkommens ausmacht. Mittlerweile bezahlen viele Mieter deutlich mehr fürs Wohnen.“ Die Verantwortung für den Mangel sieht Schulten bei der Politik. Sie habe die Entwicklung fehlerhaft einschätzt.

Falsche Analyse der Politik

„Politiker haben um das Jahr 2000 festgestellt, dass das Wohnungsproblem gelöst ist. Der soziale Wohnungsbau wurde fast völlig eingestellt. Man hat einfach behauptet, dass der Wohnungsmarkt in der Lage ist, sich selbst zu regulieren.“ Dabei sei man von einer überalterten und schrumpfenden Bevölkerung ausgegangen.

„Das war ein Trugschluss. Einige Vorhersagen sind schlichtweg nicht eingetreten“, sagt Schulten. In den Ballungsräumen gebe es überall Zuzug, was die Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt verschärfe. Zudem habe das Netto-Einkommen bei vielen Arbeitnehmern in den letzten Jahren stagniert. „In manchen Familien ist es sogar zurückgegangen. Dadurch haben sie weniger Geld fürs Wohnen zur Verfügung.“

Das lukrative Geschäft von Investoren

Auf der anderen Seite lohne es sich für finanzkräftige Investoren, billig an Geld auf dem Kapitalmarkt zu kommen. Solche Bauherren investierten vor allem in hochwertige und hochpreisige Wohnungen, „weil man mit ihnen die beste Rendite erzielen kann“, sagt Schulten. Für Familien und Durchschnittsverdiener seien solche Objekte kaum erschwinglich. Die verfehlte Wohnungspolitik hat auch Konsequenzen für die Arbeit der Caritas: Für junge Erwachsene, die aus der Jugendhilfe entlassen werden, oder für Wohnungslose, die nach einer Betreuungs-Phase auf eigenen Füßen stehen könnten, ist es besonders schwierig, Wohnungen zu finden.

Christel Grossek, Fachbereichsleiterin der Wohnungslosenhilfe in Marl, beschäftigt das Thema seit mehr als 28 Jahren. „Wir haben bereits Ende der Achtziger-, Anfang der Neuzigerjahre den Trend zu Ein-Personen-Haushalten festgestellt.“ Besonders für Alleinstehende, große Familien sowie ältere und behinderte Menschen fehle preiswerter Wohnraum in der Stadt. Letztere Gruppe sei zudem auf barrierefreie Wohnungen angewiesen.

Nur 14 freie Wohnungen im März

Die Marler Wohnungslosenhilfe ermittelt für Ratsuchende regelmäßig, wie viele preiswerte Wohnobjekte auf dem Markt sind. „Im März standen nur 14 Wohnangebote im Internet und in der Presse“, sagt Grossek.

Um die wenigen Wohnungen konkurrierten Arbeitslose, Alleinstehende und Arme mit Berufsgruppen, die von ihrer Vollzeitarbeit nicht leben können und auf Aufstocker-Leistungen vom Job-Center angewiesen sind: Friseure, Fernfahrer, Paket-Lieferanten.

„Viele schämen sich ihrer Notlage“

Die Arbeitslosen-Quote in Marl liegt bei zwölf Prozent. Deswegen bemüht sich die Caritas nicht nur, Wohnraum zu vermitteln – 56 Mal erfolgreich im Jahr 2017. Sondern sie versucht bei ihren Beratungen (von 533 Menschen 2017), Mieter vor dem Wohnungsverlust zu bewahren. „Etwa, indem wir mit ihnen Sozialleistungen beantragen. Viele schämen sich für ihre Notlage“, sagt Grossek.

Christel Grossek von der Caritas in Marl. | Foto: privat
Christel Grossek von der Caritas in Marl. | Foto: privat

Mit der Kampagne „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“ verfolgt die Caritas mehrere Ziele, sagt Ludger Schulten: „Wir setzen uns dafür ein, dass Wohnen als Grundrecht anerkannt wird. Bezahlbares Wohnen sollte nach Schulten auch verstärkt ein kirchliches Thema werden. „Bistum und Pfarrgemeinden sind Immobilien-Besitzer.“

Die Verantwortung der Kirchen

Frei werdende Pfarrhäuser oder Einrichtungen könne man als Wohnfläche für Durchschnittsverdiener und Benachteiligte nutzen. Das Wohnprojekt für ältere  Obdachlose in der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche in Münster sei ein gutes Beispiel dafür. „Wir wünschen uns, dass sich Gemeinden und ­Kirchen­­vorstände mit dem Thema beschäftigen.“ Die Caritas sei auch mit dem Bistum Münster im Gespräch, so Schulten.

Christel Grossek berichtet in Marl regelmäßig im Sozialausschuss über ihre Arbeit. „Die Stadt hat das Problem erkannt. Sie gehört zu den wenigen Kommunen, die überhaupt noch eine Wohnungsbaugesellschaft haben.“ Um den Wohnungs-Neubau komme man nicht herum. Doch wenn man heute anfängt, Projekte zu planen, brauche das Jahre bis zur Fertigstellung, mahnt sie.

Flüchtlinge sind nicht Ursache der Wohnungsnot

Dass seit 2015 auch Flüchtlinge um  preiswerten Wohnraum mitkonkurrieren, sieht Schulten ebenfalls. Die Flüchtlingskrise habe das Problem verschärft. „Die zugezogenen Menschen sind aber nicht die Ursache. Es ist über Jahre viel zu wenig gemacht worden“, kritisiert Schulten populistische Ansätze.

Zahlen und Fakten:
Laut Caritas fehlen in Deutschland eine Million Wohnungen. Aufgrund steigender Baunormen bei Brandschutz, Schallschutz, energetischen und statischen Anforderungen seien die Gestehungskosten für Neubauprojekte von 2000 bis 2015 um 55 Prozent gestiegen. In NRW ist der Bestand an Sozialwohnungen seit 2000 um 48 Prozent zurückgegangen. 2000 gab es 12 294 neue, öffentlich geförderte Wohnungen, 2016 waren es 3275.Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gibt es in Deutschland rund 52 000 Obdachlose. Die Zahl der Wohnungslosen liegt bei 860 000 und ist in den letzten zwei Jahren um 150 Prozent gestiegen.