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Gespräch mit Tim Joest, Religionslehrer und Friedens-Pädagoge

So können Eltern mit Grundschulkindern über den Krieg sprechen

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Tim Joest ist Religionslehrer an der Bodelschwinghschule, einer Grundschule in Rheine und hat ein Konzept für eine Unterrichtsreihe zum Thema „Krieg und Frieden“ entwickelt. Mit „Kirche-und-Leben.de“ sprach der 37-Jährige über Ratschläge für Eltern, wie man in der Familie konkret mit dem Thema umgehen kann.

Täglich sind Kinder derzeit mit dem Thema Krieg konfrontiert. Was für Empfehlungen gibt es, mit ihnen in ein Gespräch einzusteigen?

Die Kinder wollen etwas wissen, sie haben viele Fragen. Da kann man im Unterricht noch so gute Konzepte haben, es sind die Kinder, die mit ihren Fragen in ein Gespräch einsteigen. Es geht häufig erst einmal darum, Leitplanken zu geben, worum es eigentlich geht. Kinder haben oft auch ein bruchstückhaftes Vorwissen. Mir wurde zum Beispiel zugetragen, Putin sei ja jetzt in Hannover. Da geht es darum, die Kinder aufzufangen und für sie Dinge einzuordnen und vor allem Ängste zu nehmen. Was Kinder triggert, ist: Hat der Krieg auf uns Auswirkungen?

Sind das Themen, die ich besser vermeide?

Jeder geht mit dem Thema anders um, Authentizität ist wichtig. Manchmal fällt es natürlich schwer, Wissen zu vermitteln oder Kindern Sicherheit zu vermitteln, wenn ich selber Ängste habe. Ich halte es aber für sehr wichtig, Kindern diese Sicherheit zu geben, und ihnen zum Beispiel zu vermitteln, dass es sehr, sehr unwahrscheinlich ist, dass Deutschland direkt in diesen Krieg mit hineingezogen wird. Ich versuche, das Thema inhaltlich für die Kinder herunterzubrechen und zum Beispiel die Aufgabe der NATO zu erklären.

Wie sieht die konkrete Auseinandersetzung aus?

Das Video-Interview mit Tim Joest ist zu finden auf der Facebook-Seite und dem Instagram-Account von „Kirche-und-Leben.de“.

Wenn man die Fragen der Kinder beantwortet hat, geht es in einem zweiten Schritt um eine Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden. Kinder sind da sehr empathisch und möchten auch selbst etwas tun. In der Schule habe ich einen Briefwechsel mit einem fiktiven ukrainischen Mädchen initiiert. Sie berichtet aus ihrem derzeitigen Alltag, wie sie in ihrer Stadt lebt, die von Krieg bedroht ist. Ich lasse die Klasse dann Antworten schreiben. Dabei kommen ganz tolle Briefe heraus. Einige Schüler schreiben "Du kannst bei mir wohnen, ich räume mein Kinderzimmer frei", oder die einfach Mut machen, gut zureden und hoffen, dass der Krieg vorbei ist. Ein Kind russischer Abstammung schrieb: "Ich hoffe, du magst mich noch. Ich komme aus Russland, aber ich finde den Krieg überhaupt nicht gut."

Eine andere Herangehensweise: Wir haben uns Bilder aus der Zeitung angeschaut. Darauf waren zerbombte Häuser und zerstörte Straßen zu sehen, aber eben auch Bilder der Hoffnung, mit Soldaten, die einem Kind einen Teddybären schenken oder ein Kind auf dem Arm tragen. Die Kinder sollten anschließend selbst einen Zeitungsartikel schreiben. Ein Kind rief dazu auf, alle Lebensmittel zu spenden, und dass an einem Tag alles umsonst ist. Wichtig ist es, Kindern in ihrer Lebenswirklichkeit eine Möglichkeit zu geben, sich damit auseinanderzusetzen.

Was sollte als dritter Schritt erfolgen?

Das Entscheidende ist, den Kindern die Wahrheit zu sagen, ohne sie zu überfordern, und im Auge zu behalten, dass Kinder eine Hoffnungsperspektive brauchen und auch bekommen. Im Unterrichtskonzept entfernen wir uns immer weiter vom Thema Krieg und kommen hin zum Thema Frieden, verbunden mit einer Handlungsaufforderung: Was können wir für den Frieden tun?

Was kann man denn für Rituale mit Kindern entwickeln?

Wir haben zum Beispiel mit den Kindern Fußspuren gebastelt unter dem Motto: Schritte zum Frieden gehen. In der Familie kann man miteinander darüber sprechen, was denn jeder tun kann. Die Erwachsenen können Geld spenden oder gut erhaltene Kleidung, die in der Flüchtlingsunterkunft benötigt wird, oder Kinder spenden ihre Spielsachen. Das schreibt man auf die Fußspuren und legt sie um eine Friedenskerze. Ich nutze im Unterricht sonst auch ein Plakat mit dem Wort „Frieden“ oder einem Symbol wie der Friedenstaube, auf das die Kinder zugehen können. Mit jedem Fußabdruck wird so die Entfernung zum „Frieden“ kleiner. Das kann oft schon ein schönes Ritual sein, gemeinsam kleine Schritte zum Frieden zu gehen.

Fortbildung für Grundschullehrkräfte: Am Dienstag, 22. März, von 15 bis 17.30 Uhr findet die Fortbildung „Suche Frieden …“ im Könzgen-Haus in Haltern statt. Eine Anmeldung ist möglich im Internet, unter lepke(at)bistum-muenster.de oder unter Tel. 0251 / 495-410.

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