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Mariya Sharko hat ihre Mutter aus Lwiw nach NRW geholt

In Sorge um Verwandte: Ukrainerin erlebt in Münster den Krieg hautnah

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Mariya Sharko hat ihre Mutter aus der Ukraine in Sicherheit zu sich nach Münster geholt. Doch viele Ängste sind geblieben – um die Verwandten, die noch im Kriegsland sind, und um die Gefühle der Kinder hier.

1300 Kilometer. Das klingt erst einmal viel. So weit liegt ihre Geburtsstadt Lwiw (deutsch: Lemberg) im Westen der Ukraine von ihrer jetzigen Heimat Münster entfernt, in die sie 2005 zum Studium kam. Mariya Sharko relativiert das aber: „Wir fahren die Strecke bei unseren Besuchen dorthin immer in eins durch.“ In diesen Wochen wäre es eine Tagesreise in den Krieg. „Kaum vorstellbar.“

Die schrecklichen Ereignisse in der Ukraine sind aber noch viel näher an sie herangerückt – über die Medien, über ihre Arbeit, aber vor allem über ihre Verwandten. Wenige Tage nach Kriegsbeginn holte die Mitarbeiterin der Fachstelle Weltkirche im Bistum Münster ihre Mutter nach Münster. „Ein befreundeter Priester brachte sie über die nahe Grenze nach Polen.“ Von dort holte sie ihr Mann mit dem Auto ab.

Angst um die Verwandten in der Ukraine

Die 80-Jährige wollte nicht aus Lemberg weg. „Wir mussten sie regelrecht überreden“, sagt Sharko. Die Einstellung der Mutter: „Holt die jungen Leute hier raus – ich habe meine Leben doch schon gelebt.“ Die Sharkos in Münster aber hatten Angst um sie. „Weil sie im Ernstfall nicht so schnell die Schutzräume hätte aufsuchen können.“ Diese Angst haben sie nicht mehr. Aber um andere Verwandte, die in Lemberg geblieben sind. „Mein Bruder hat sich freiwillig gemeldet und patrouilliert in den Straßen der Stadt.“

Surreal ist das alles für Mariya Sharko. „Gruselig“, nennt sie es. Und: „Unerträglich.“ Sie, ihr Mann und ihre drei Kinder müssen es aber irgendwie ertragen. Totschweigen oder ignorieren ist nicht möglich. Weil die Geschehnisse allgegenwärtig sind. In ihrer Arbeit ist Sharko schon seit einiger Zeit für Projekte in Osteuropa zuständig. Das hat nun eine besondere Wucht bekommen. „In einer Kommission der Fachstelle organisieren wir die Kontakte für die Spenden und Hilfsgüter.“ Fast 200.000 Euro aus dem Katastrophenfonds des Bistums konnten sie schon vermitteln, auch in das ostukrainische Bistum Donezk und in das Erzbistum Kiew. Die Arbeit hilft, sagt sie. „Weil ich etwas tun kann, weil ich den Ereignissen etwas entgegensetzen kann.“

Kampf gegen Gefühle und für Normalität

Daheim kämpfen sie, ihr Mann und ihre Mutter oft gegen die großen Emotionen. Sie wollen den Kindern etwas Normalität geben, sie abends ohne Angst ins Bett bringen. „Das ist jetzt wichtig“, sagt Sharko. „Kinder sind sehr sensibel und nehmen unsere Gefühle sofort wahr.“ Selbst ihr 15 Monate alter Sohn reagiert schon auf die Emotionen seiner Mama. „Auch wenn er das alles noch gar nicht versteht.“

„Normalität.“ Dieses Wort sagt sie oft. Ein wenig Wunsch steckt darin, etwas Strategie und viel Hoffnung. „Wir müssen als Familie weiter funktionieren.“ Alle anderen Alltagssorgen sind geblieben. Diese wegen des Krieges zu ignorieren, geht nicht. „Es hilft, dass die Kinder die Ukraine nicht als Heimat ansehen, sondern als Urlaubsland, in dem sie ihre Verwandten besuchen.“ Das schafft eine Distanz, die sie selbst nicht aufbauen kann.

Zwei LKW voll Hilfe

Sie muss handeln, sagt sie. Den Menschen in der Ukraine und den Flüchtlingen hier helfen. „Das ist derzeit meine Normalität, die mich ablenkt.“ Auch privat sammelt sie Spenden, packt Hilfspakete, betreut ukrainische Familien in Münster. Mit der katholischen ukrainischen Gemeinde und dem ukrainischen Verein hat sie schon viel auf die Beine gestellt. Zwei LKW mit Hilfsgütern konnten sie bereits losschicken.

Erst abends, wenn die Kinder im Bett sind, traut sie sich, in das hässliche Gesicht des Kriegs zu schauen. Dann schaltet sie den Fernseher an oder sieht im Internet die Nachrichten aus ihrem Geburtsland. Auch ihre Mutter geht sehr behutsam mit den Informationen aus der Heimat um, um die Normalität der Familie zu schützen.

Außerhalb der Vorstellungskraft

„Was in der Ukraine passiert, liegt immer noch außerhalb ihrer Vorstellungskraft“, sagt Sharko. Das habe sie bemerkt, als sie mit ihrer Mutter Kleidung kaufen gehen wollte. „Sie ist ja nur mit dem Nötigsten angereist und nur für den Winter ausgerüstet.“ Die Mutter aber wollte keine Frühlingskleidung, weil sie immer noch davon ausgeht, in ein paar Wochen wieder heimreisen zu können. „Sie möchte im April wieder ihre Kartoffeln im Garten setzen können.“

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