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Zwölf Menschen aus der Ukraine kommen im Borromaeum unter

Flüchtlinge im Priesterseminar Münster: Gut umsorgt – die Angst bleibt

  • Im Priesterseminar in Münster leben derzeit zwölf Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine.
  • Sie fühlen sich liebevoll aufgenommen, haben Kleidung und Spielzeug bekommen, erhalten Deutschunterricht.
  • Ängste um ihre Familien in der Heimat bestimmen aber weiter ihren Alltag.
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Allein die Tatsache, dass ihre richtigen Namen nicht veröffentlicht werden sollen, zeigt ihre Gemütsverfassung: unsicher, eingeschüchtert, ängstlich. Anna und Mariya (Namen von der Redaktion geändert) sind mit ihren Kindern vor einigen Wochen aus dem westukrainischen Ternopil nach Deutschland geflüchtet. Mit anderen Flüchtlingen aus ihrem Heimatland leben sie seitdem im Priesterseminar in Münster. „Komfortabel, sicher und liebevoll versorgt“, sagt Anna. Und trotzdem: Von Ruhe und Ausgeglichenheit sind sie weit entfernt.

Zu groß sind die Ängste um die Familien und Freunde, die sie in der Ukraine zurücklassen mussten. Ihre Ehemänner arbeiten im öffentlichen Dienst. Die Sorge ist groß, dass sie irgendwann Repressalien durch russische Besatzer erfahren könnten. Auch im Westen des Landes, weit weg von der derzeitigen Frontlinie. „Es schlagen immer noch Raketen in unserer Stadt ein“, sagt Anna. Wie jene am nahen Flughafen, die ihre Häuser erzittern ließen.

Flucht vor dem Druck des Krieges

„Wir hatten keine andere Wahl“, sagt Mariya. „Der Druck gerade für die Kinder wurde irgendwann zu groß.“ Alarm, Fliegerlärm, Bomben-Explosionen – mehrmals am Tag ging es für die Familien in die Keller, um Schutz zu suchen. Hinzu kam die Angst vor Gräueltaten, die mit jeder Schreckensnachricht wuchs. „Krieg ist unberechenbar und das Grauen kann schnell näher kommen.“

Mehr als 1.500 Kilometer entfernt erlebten sie eine surreale Atmosphäre, als sie in Münster ankamen. „Wir waren erschöpft, unsicher und fremd“, sagt Anna. Was sie emotional zusätzlich aufwühlte: „Hier herrschte Normalität.“ Kein Vergleich zum Chaos des Krieges, vor dem sie vor wenigen Tagen mit dem Bus über Polen geflohen waren. „Es fühlte sich irgendwie falsch an.“

Vermittlung durch ehemaligen Seminar-Bewohner

Ihr eigenes Spielzeug mussten sie in ihrer Heimat lassen – die Flüchtlingskinder aus der Ukraine wurden von der Mitarbeitern des Priesterseminars deshalb mit Spielsachen beschenkt. | Foto: Michael Bönte
Ihr Spielzeug mussten sie in ihrer Heimat lassen – die Flüchtlingskinder aus der Ukraine wurden von Mitarbeitenden des Priesterseminars deshalb mit Spielsachen beschenkt. | Foto: Michael Bönte

Sie haben es gut getroffen mit ihrer Unterkunft. Die Zimmer im Seitenflügel des Priesterseminars sind komfortabel ausgestattet – Schlafzimmer, sanitäre Anlagen, Küche. Nazariy hat das organisiert.

Der griechisch-katholische Priester aus Münster hatte während seines Studiums zwei Jahre im Seminar gewohnt. Er nahm sofort Kontakt zu Regens Hartmut Niehues auf, als er von der Herbergssuche seiner Schwägerin und ihrer befreundeten Nachbarin erfuhr. „Es hat nur ein paar Minuten gedauert, da kam schon die Zusage.“

Insgesamt sind sieben Erwachsene und fünf Kinder im Haus untergekommen. „Alle hier haben uns herzlich willkommen geheißen“, sagt Mariya. Eine Herzlichkeit, die bis heute andauert. Die Mitarbeitenden des Hauses brachten Frühlingskleidung, damit die Familien ihre Wintermäntel aus der Ukraine im Schrank lassen konnten. Spielsachen für die Kinder wurden geschenkt, immer wieder schaute jemand vorbei, um Hilfe anzubieten. Seit einigen Tagen bekommen sie Deutschunterricht, ehrenamtlich, vom Haus organisiert.

Immer wieder schwere Momente

Auch hinter den Corona-Masken, die sie tragen, wenn sie den anderen Bewohnern und Mitarbeitenden im Seminar begegnen, können sie ihre Gefühle kaum verbergen. Ihre Augen füllen sich dann oft mit Tränen, sie atmen dann tief durch.

„Wenn wir abends per Video mit unserer Familie sprechen, ist es besonders schwer“, sagt Anna. „Die Kinder sind dann sehr traurig und wollen zurück zu ihren Vätern und Großeltern.“ Bei diesen Worten steigen ihr wieder Tränen in die Augen. Mariya legt ihr tröstend den Arm auf die Schulter. „Wir müssen sie immer lange beruhigen, bevor sie ins Bett gehen.“

Rückkehr in die Ukraine bleibt der Wunsch

Die deutsche Sprache, die sie lernen, wollen sie am liebsten kaum benutzen müssen. Alle Annehmlichkeiten und Hilfen treten hinter ihrem Wunsch zurück, möglichst bald wieder in die Ukraine zurückkehren zu können. „In unsere Normalität, in unseren Alltag, in unser Leben davor.“

„Davor“ ist die Zeit vor dem Kriegsausbruch, in der sie sich nicht vorstellen konnten, dass sie nachts von Sirenen in den Keller getrieben werden könnten. Dass sie einmal mit einem Jagdgewehr zur Selbstverteidigung in einer Zimmerecke leben müssten. Dass die Angst so groß werden würde, dass sie ihre Lieben und ihr Heimatland zurücklassen mussten.

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