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Weil Bücher fehlen, aus denen geflüchtete Mütter Kindern von Hoffnung erzählen können

Oldenburger Pfarrer verschickt seine Vorlese-Geschichten auf Ukrainisch

  • Weil geflüchteten Müttern oft Bücher für ihre Kinder fehlen, hat Pfarrer Uwe Nachwey zehn eigene Vorlese-Geschichten auf Ukrainisch herausgebracht.
  • Sie wurden in einer kleinen Auflage gedruckt, können aber auch digital kostenlos bei ihm angefordert werden.
  • Nachtwey ist Pfarrer in Oldenburg, stammt aus der Ukraine und seit 1984 schon zahlreiche Kinderbücher herausgebracht.
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Ein warmes Bett, Verpflegung – für das Nötigste ist meist gesorgt, wenn Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland ankommen. Für manche Dinge bleibt in all den Wirren aber keine Zeit – und nicht alles kann einfach gekauft werden. Uwe Nachtwey hat das zum Beispiel in den Übergangs-Unterkünften in der Stadt Oldenburg gehört. Weil er selbst aus der Ukraine stammt, bringt er dort ab und zu Kindern Deutsch bei und bekommt die Sorgen der Familien mit - um den Mann im Krieg, die Zukunft, die Kinder.

Dabei hat der Pfarrer aus der Oldenburger St.-Marien-Pfarrei erfahren: Viele würden ihren Kleinen gerne ab und zu etwas Hoffnung und Zuversicht schenken, zum Beispiel mit Geschichten zum Vorlesen. Nur – welche Mutter hat schon im Trubel des Aufbruchs daran gedacht, Kinderbücher einzupacken? Genau die bräuchten sie aber jetzt. „Sie haben mir gesagt: Es gibt überhaupt keine ukrainischen Kinderbücher in Deutschland.“ Zum Beispiel mit Gute-Nacht-Geschichten.

Emsiger Kinderbuchautor

Auch in der St.-Marien-Pfarrei haben sich schon Menschen aus der Gemeinde gemeldet, die Ukrainerinnen mit Kindern bei sich aufgenommen haben: „Wissen sie nicht, wo wir Texte zum Vorlesen für die ukrainischen Mütter bekommen können?“

Uwe Nachtwey lächelt. „Da habe ich mir gedacht: Ich kann helfen!“ Denn der Pfarrer ist nicht nur Seelsorger, sondern auch emsiger Kinderbuchautor. Schon 1984 hat er im Verlag „Butzon und Bercker“ unter dem Titel „Bernie Bärenraupe wagt und gewinnt“ seine erste Sammlung mit Kindergeschichten veröffentlicht.

„In der Ukraine habe ich einen Namen“

Pfarrer Uwe Nachtwey mit seiner Co-Autorin und Übersetzerin Oleksandra Kosovan bei einem Besuch in der Ukraine. | Foto: privat
Pfarrer Uwe Nachtwey mit seiner Co-Autorin und Übersetzerin Oleksandra Kosovan bei einem Besuch in der Ukraine. | Foto: privat

Weitere, seit Jahren nur noch unter Pseudonym veröffentlichte Sammlungen folgten. Hinzu kommt: Viele seiner Bücher sind auch in ukrainischer Übersetzung erschienen. Regelmäßig war der dort in den letzten Jahren auf Lesereisen unterwegs. „In der Ukraine habe ich einen Namen“, sagt Uwe Nachtwey. Zum Teil sind seine Bücher sogar zuerst dort erschienen.

Als Sechsjähriger war er mit seinen Eltern und seinem Bruder zu einem Verwandtenbesuch nach Berlin gefahren. Wohl weil die Mutter sich im Widerstand nach dem Kampf gegen die deutschen Besatzer nun für eine freie Ukraine einsetzte, durfte die Familie anschließend nicht zurück in die Heimat, die damals zur Sowjetunion gehörte. Aus Furcht vor weiteren Repressionen nahm sie damals auch den neuen Namen Nachtwey an.

Neuen alte Heimat Ukraine

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der neuen Selbstständigkeit des Landes fand Pfarrer Nachtwey 1991 durch einen Zufall, den er selbst „Fügung“ nennen, seine Familie wieder. „Die Ukraine ist mir in den letzten Jahren immer mehr zu dem geworden, was sie ursprünglich war: Heimat“, sagt er.

Auch deshalb hat er jetzt eine Auswahl seiner Geschichten speziell für Familien auf der Flucht vor dem Krieg zusammengestellt und um Gedichte seiner Co-Autorin und Dolmetscherin Oleksandra Kosovan ergänzt, die sich an die erwachsenen Vorleser und Vorleserinnen richten.

Brummende Hummel und frierender Pinguin

Ein paar Hundert der Geschichtensammlungen werden seit diesem Wochenende in den Oldenburger Kirchen in gedruckter Version kostenlos verteilt. Zuerst während eines Gottesdienstes der ukrainisch-orthodoxen Gemeinde in der St.-Marien-Kirche. Weil Uwe Nachtwey das Angebot aber nicht regional beschränken will, bietet er die Geschichten auch in als pdf per E-Mail an. Er verschickt sie auf Anforderung kostenlos. Jeder kann sie dann ausdrucken oder direkt vom Tablet oder Smartphone vorlesen.

Seine Geschichten beschreibt Uwe Nachtwey als Mischung zwischen Tiergeschichte und Fabel. Alle hätten eine Botschaft. Zum Beispiel: „Jeder Mensch ist wichtig. Jeder hat seine Fähigkeiten und seine Bedeutung“. Wie in der Geschichte mit der Hummel, von der alle Bienen sagen, sie sei ja nur dick faul und gemütlich. „Und die schafft's dann, weil sie beim Fliegen laut brummen kann, Bienen durch den Nebel zu einem Fest zu führen.“ Oder der Wert von Gemeinschaft, den er an der Geschichte vom frierenden Pinguin deutlich macht, dem es im Eis zu kalt ist. „Und am Ende findet er eine riesige Pinguinkolonie und zwischen all den anderen ist ihm warm.“

Interessierte können die Sammlung ukrainischer Kindergeschichten als Online-PDF-Version unter der Email-Adresse samulynzi12(at)web.de direkt bei Pfarrer Uwe Nachtwey anfordern.

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