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Jens Joest über die Initiative des Karikaturisten Thomas Plaßmann

Warum wir wegen des Missbrauchs Kreuze verhüllen sollten

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Sollen Pfarreien wegen des Skandals um sexualisierte Gewalt in der Kirche eine Zeitlang ihre Kreuze verhüllen? Für diese Initiative gab es – vor allem in Internet-Diskussionen – nicht nur Zustimmung. Dabei sprechen mindestens drei Gründe dafür, meint Jens Joest.

Der Karikaturist Thomas Plaßmann, der auch für „Kirche+Leben“ zeichnet, ruft Pfarreien dazu auf, als Zeichen der Betroffenheit über die sexualisierte Gewalt in der Kirche ihre Kreuze mit schwarzem Tuch zu verhüllen. Die Idee ist mir auf Anhieb sympathisch – aus drei Gründen.

Sicher lässt sich streiten, ob man Kreuze verhüllen soll, wie es eigentlich nur in den letzten beiden Wochen vor Ostern geschieht. Ob die Aktion nicht Jesus und das Erlösungswerk instrumentalisiert. Ich finde: Das tut sie nicht.

 

Jesus leidet mit den Leidenden

 

Jesus ist allen Leidenden nahe, erst recht den Betroffenen sexualisierter Gewalt. Natürlich auch jenen, die nach ihrer Missbrauchserfahrung mit Gott und Kirche brechen.

Jesus hat selbst unermesslich gelitten – die höchste Form des Mitleidens mit den Leidenden. Auch mit den von Missbrauch Betroffenen. Missbrauch zerstört Körper, Seelen, ja ganze Leben von Menschen. Wer als Kind missbraucht wurde, leidet oft ein Leben lang darunter.

 

Zeichen der Bleibenden

 

Zweitens: Plaßmanns Idee ist auch deswegen passend, weil das Kreuz das zentrale Zeichen des Christentums ist. Gerade dieses Zeichen zeitweise zu verhüllen, macht – für die Menschen in der Kirche wie für die Gesellschaft – sichtbar, wie absolut Missbrauchstaten und Vertuschung allem widersprechen, für das Jesus und seine Botschaft stehen.

Drittens ist die Verhüllung ein Zeichen derer, die trotz allem in der Kirche bleiben. Mich beschämt es, dass sexualisierte Gewalt in einer Kirche möglich war, die die Liebe Gottes verkünden und leben soll. Aber ich möchte von der zugesagten Liebe Gottes nicht lassen. Es ist für mich keine Option, mit dem Glauben und mit der tragenden Gemeinschaft der Glaubenden zu brechen.

 

Weit mehr als "nur" ein Symbol

 

Zugleich müssen jene, die die Kirche nicht verlassen wollen, ausdrücken können, wie sehr sie erschüttert sind. Es mag "nur" ein Symbol sein, ein Kreuz zu verhüllen. Aber zum einen brauchen die Menschen Zeichen. Zum anderen setzt die Kirche wie kaum eine andere Institution auf die Kraft der Symbole, um ihren Glauben auszudrücken. Und dieses Symbol ist stark: Nicht ein Tuch verhüllt das Antlitz Jesu, sondern der Missbrauch.

Darum sollten wir einige Wochen lang Kreuze verhüllen. Angesichts des Leids Jesu und angesichts des Leids der Betroffenen gilt es zu ertragen, bei jedem Blick auf das Kreuz daran erinnert zu werden, wie total eine Kirche versagt, in der Missbrauchstaten den Auftrag Jesu verdunkeln.

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