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Leitartikel von Chefredakteur Markus Nolte zum Reformprozess der katholischen Kirche

Warum es den Synodalen Weg braucht – trotz aller Kritik

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Drei Wochen vor der nächsten Synodalversammlung ist es offenbar nötig, daran zu erinnern, dass Missbrauch und Verletzungen in der Kirche der Grund waren. Und dass es beim Synodalen Weg nicht als Erstes um die Kirche geht. Natürlich nicht, sagt Markus Nolte, Chefredakteur von „Kirche-und-Leben.de“.

Offenbar muss es drei Wochen vor der nächsten Synodalversammlung wieder einmal in Erinnerung gerufen werden – leider: Den Synodalen Weg gibt es nicht, damit der Zölibat abgeschafft wird, Frauen Pries­terinnen werden und die katholische Sexualmoral modern wird. Den Synodalen Weg gibt es, weil tausende Menschen von Verantwortlichen der Kirche missbraucht wurden. Der Synodale Weg ist die Reaktion der Deutschen Bischofskonferenz auf die grausamen Erkenntnisse über das Ausmaß von Missbrauch und Vertuschung in der katholischen Kirche in Deutschland, die von der sogenannte MHG-Studie zu Tage befördert wurden.

Den Synodalen Weg gibt es auch, weil die katholische Kirche Menschen verletzt hat und weiter verletzt, weil sie Menschen krank gemacht hat und weiter krank macht: Frauen, wiederverheiratete Geschiedene, homosexuelle Menschen etwa.

Das Gegenteil von dem, was die Kirche sein soll

Den Synodalen Weg gibt es zudem, weil eine Kirche, die verletzt und verwundet, das Gegenteil von dem ist, was sie zu sein hat: eine Gemeinschaft und ein Ort, die heilen und Heil erfahren lassen. Dass sie so ihre Glaubwürdigkeit verliert, ist die logische Konsequenz. Dass damit das Evangelium, die Botschaft vom Heil, immer weniger Chancen hat, zu den Menschen zu kommen, zu denen die Kirche gesandt ist, ist ein Skandal. Anders gesagt: eine Sünde.

„Die Kirche muss zum einen Lehren aus der wissenschaftlichen Studie über die systemischen Ursachen des sexuellen Missbrauchs und zahlloser einschlägiger Straftaten ziehen, um Kriminalität, Übergriffigkeit und Vertuschung zu bekämpfen, die unter dem Deckmantel der Heiligkeit begangen werden, und die Kirche braucht zum anderen eine Neubesinnung auf das Evangelium der Freiheit, das dem Glauben Kraft gibt und unter den Bedingungen der heutigen Zeit neu entdeckt werden muss.“ So haben es gerade der in Münster lebende Theo­logieprofessor und Synodale Thomas Söding und Johannes Norpoth, Betroffener sexualisiserter Gewalt und Mitglied im Betroffenenbeirat der Bischofskonferenz, geschrieben.

Die Voderholzer-Initiative

Der Anlass für ihre Äußerung ist die Initiative einer fünfköpfigen Gruppe um den Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, aus Unzufriedenheit mit dem Fortgang des Synodalen Wegs alternative Vorschläge auf einer eigenen Homepage zu veröffentlichen.

Der Grund: Man habe „viele theologische Grundthesen“ nicht teilen können, ihre eigenen Eingaben hätten keine „angemessene Beachtung gefunden“. Überhaupt erschwere „die Zusammensetzung der Foren der Synode und ihre Diskussionskultur einen angemessenen Dialog“. Der erste Alternativ-Text dieser Gruppe beschäftigt sich mit dem Thema Macht in der Kirche.

Warum die Kritik zu weit geht

Voderholzer war von Anfang an einer der größten Kritiker des Synodalen Wegs, hat dessen theologische Kompetenz und Verfahrensregeln immer wieder in Frage gestellt. Das kann er tun, das muss ein solcher Prozess aushalten, will er wirklich synodal sein. Mit diesem erneuten Vorstoß allerdings geht er eindeutig zu weit.

„Diese Zweifel diskreditieren die Prozesskultur des Synodalen Wegs“, erklärt etwa der Bochumer Theologieprofessor und Synodale Matthias Sellmann. Es bestehe zwar das „gute Recht, eine parallele Struktur zum gemeinsamen Synodalen Weg zu errichten“; den Vorwurf struktureller und systemischer Benachteiligung dieser Positionen im „Macht-Forum“ jedoch weise er als dessen Mitglied entschieden zurück. Es könne sogar belegt werden, „dass es Sonderrechte der Befassung mit diesen Argumenten und Befürchtungen gab“.

Arroganz gegenüber den anderen Bischöfen

Auch Thomas Söding und Johannes Norpoth kritisieren weniger das Faktum alternativer Vorschläge als die einmal mehr verletzende Fundamentalkritik: „Dem Grundtext des Forums wird denunziatorisch vorgeworfen, nicht mehr katholisch zu sein, weil angeblich das Weiheamt ausgehöhlt werde, wenn von geteilter Leitungsverantwortung, effektiver Machtkontrolle und notwendiger Rechenschaft gesprochen wird.“ Der Ansatz von Voderholzer und seiner Gruppe folge einem Kirchenbild, „das zwar das Zweite Vatikanische Konzil für sich reklamiert, aber eine klerikalistische Deutung vertritt und dadurch in erhebliche Schieflage gerät“.

Der Text mache deutlich, „wie eine Minderheit denkt, die auch noch in der jetzigen Krise die Deutungshoheit bei denen belassen will, die vom herrschenden System geprägt sind“, schreiben Söding und Norpoth. Der Text zeugt zudem von ziemlicher Arroganz: Wie sonst sollte man diese unerbetene Nachhilfestunde in Theologie auch etwa für die in der Synodalversammlung vertretene, vollständige Bischofskonferenz verstehen? Es spricht Bände, dass sie zu Voderholzers Vorstoß sinnvollerweise beredt schwieg.

Aber kommt es denn nicht auf Gebet und Glauben an?

Dennoch: Sind das alles nicht wieder mal Spezialisten-Fragen, die bes­tenfalls die „Berufs-Katholiken“ beschäftigen? Interessiert die Menschen in den Gemeinden nicht viel mehr, wie es in ihren Pfarreien weitergeht? Ist es nicht viel wichtiger, für Menschen in Not dazu sein, ihnen zu helfen? Kommt es nicht vor allem darauf an, in Gebet und Gottesdienst mit Gott, mit Jesus Christus verbunden zu sein und daraus zu leben?

Ja, selbstverständlich! Natürlich kommt es genau darauf an. Aber eben darum kann es uns nicht kalt lassen, in wie vielen Bereichen die Positionen der Kirche nicht mehr interessieren, und dass inzwischen auch viele „gut katholische“, engagierte Schwestern und Brüder die Kirche verlassen – enttäuscht darüber, wie wenig beweglich sie ist, wenn es darum geht, die Botschaft heute authentisch und heilsam zu leben und zu verkündigen.

Die Kirche hat auf Verletzungen zu reagieren

Vor allem anderen aber: Diese Kirche hat sich gefälligst damit auseinanderzusetzen, dass sie Menschen missbraucht, verletzt, verwundet. Wo ihre Strukturen, ihr Gebaren und auch ihre Lehre Unheil anrichten, gehören sie reformiert. In vielen Punkten kann darüber der Synodale Weg nicht entscheiden, das stimmt. Dennoch war er 2019 und ist er bis heute alternativlos. Alles andere hieße: Festhalten an dem Status, der Missbrauch ermöglicht und Unheil anrichtet.

Der Synodale Weg ist ein Anfang, ja – aber einer mit Wuchtpotenzial, das zeigen die Reaktionen seiner Kritiker. Was auch immer am Ende steht: Die Kirche, Menschen weltweit brauchen diesen Impuls, gern verstärkt durch Papst Franziskus' „Weltsynode“ ab Oktober. Die Welt dreht sich schnell. Es ist Zeit für ein neues Konzil.

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