464 Bischöfe, Laien-Frauen und -Männer diskutieren über Kirche der Zukunft

Weltsynode in Rom beginnt: Ablauf, Hintergründe, Einschätzungen

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Am Mittwoch nimmt die Weltsynode in Rom ihre Arbeit auf. Die einen sprechen von einer "Super-Synode", andere warnen vor Irrlehren. Streit ist absehbar. Und: Zum ersten Mal dürfen Frauen mit abstimmen.

Das vielleicht wichtigste kirchenpolitische Projekt von Papst Franziskus steuert auf einen ersten Höhepunkt zu: Wenn ab Mittwoch 464 Teilnehmende der Weltsynode ihre Arbeit aufnehmen, geht es um die Kirche der Zukunft - und wohl auch um die Zukunft der Kirche. Vier Wochen werden sie in der vatikanischen Audienzhalle im Vatikan debattieren. Dass es zu Auseinandersetzungen kommt, gilt als ausgemacht.

Im Kern geht es um eine Art neue Verfassung für die Kirche, die dem "Volk Gottes" mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten eröffnen soll. Und dann geht es auch um einige heiße Eisen, etwa den Umgang der Kirche mit Angehörigen sexueller Minderheiten. Eine "offene Kirche für alle" ist das erklärte Ziel des Papstes.

Schon die Zusammensetzung der Synode hat es in sich: Zum ersten Mal darf eine größere Zahl von Laien bei einer Bischofssynode mit abstimmen - darunter auch Frauen. Und Befürworter einer Öffnung für Schwule und Lesben wurden eigens vom Papst als Teilnehmer berufen.

Traditionalisten laufen Sturm

Konservative und traditionalistische Kreise laufen Sturm gegen das Projekt, bevor es überhaupt begonnen hat. Sie sprechen von drohenden Häresien, also Abweichungen von der überlieferten Lehre der Kirche; diese solle scheibchenweise geändert werden. Eine Kirchenspaltung oder gar der Untergang der Kirche werden als mögliche Folge beschworen. Immer wieder zeigen Konservative warnend nach Deutschland: Dort träten auch deshalb so viele Menschen aus der Kirche aus, weil der Reformprozess Synodaler Weg die Lehre radikal verändere.

Solch alarmistische Behauptungen weisen Franziskus und seine Synoden-Beauftragten zurück. Hinter der Warnung, die Kirchenlehre würde angegriffen, steckten in Wahrheit Ideologien, sagte der Papst kürzlich auf dem Rückflug von seiner Mongolei-Reise. Und: "Bei der Synode ist kein Platz für Ideologien." Stattdessen forderte er Dialog und eine lebendige Auseinandersetzung mit der Kirchenlehre.

Wie will eine hierarchische Kirche entscheiden?

Hier tagen die 464 Teilnehmenden der Weltsynode: in der Audienzhalle "Paul VI.", erkennbar am geschwungenen Dach, auf unserem Bild rechts von den Kollonaden des Petersplatzes. | Foto: Markus Nolte

Zur Strategie des Synodensekretariats unter Kardinal Mario Grech gehört, immer wieder das eigentliche Thema der Versammlung in Erinnerung zu rufen: Es handelt sich um eine "Synode über Synodalität". Die hierarchisch aufgebaute Institution Kirche soll sich also darüber Gedanken machen, wie sie in Zukunft debattieren und Entscheidungen treffen will.

Um die neuen Umgangsformen gleich einzuüben, stellte Franziskus der Bischofssynode einen umfassenden Befragungs- und Beratungsprozess in mehreren Etappen voran. Katholikinnen und Katholiken auf der ganzen Welt haben sich beteiligt. Dabei stellte sich heraus, dass Fragen etwa nach der Rolle von Frauen in der Kirche in vielen Teilen der Erde - nicht nur in Deutschland - relevant sind.

Fünf Sprachgruppen - ohne Deutsch

Nach einem ökumenischen Gebetsabend am Samstag auf dem Petersplatz und Exerzitien am Rande Roms läutet eine feierliche Messe heute im Petersdom die Arbeitsphase ein. Die Diskussionen finden mal im Plenum, mal in Kleingruppen statt. Diskutiert wird in fünf Sprachen - aber nicht auf Deutsch und auch nicht auf Polnisch. Die offiziellen Sprachen sind Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch. Das war bei früheren Bischofssynoden anders. Gleichwohl gibt es in der Synodenaula offenbar Simultanübersetzungen, darunter auch auf Deutsch.

Die aus Deutschland teilnehmenden Bischöfe Georg Bätzing (Limburg), Felix Genn (Münster), Bertram Meier (Augsburg), Stefan Oster (Passau) und Franz-Josef Overbeck dürften alle Kenntnisse der englischen Sprache haben. Von Overbeck und Meier ist zudem bekannt, dass sie fließend Italienisch sprechen, Genn Französisch.

Kardinal: 3. Vatikanisches Konzil in Häppchen

Ungewohnte Gestaltung der Audienzhalle Paul VI. im Vatikan: Statt in zahllosen Reihen sitzen die Teilnehmenden der Weltsynode in Stuhlkreisen an Tischen, um so besser diskutieren zu können. | Foto: Matthias Kopp (Deutsche Bischofskonferenz).

Den Überblick über die Debatten behält der vielsprachige Inhalte-Koordinator, Kardinal Jean-Claude Hollerich aus Luxemburg. Am Ende soll es einen zusammenfassenden Bericht geben, der aber nur ein Zwischenschritt ist. Die Synodalen kommen nämlich zu einer zweiten Runde im Oktober 2024 zusammen. Erst dann stimmen sie über konkrete Vorschläge ab, die sie dem Papst zur finalen Entscheidung vorlegen.

Der Prozess ist kompliziert und langwierig. Die italienische Zeitung "Il Messaggero" spricht von einer "Super-Synode". Einen historischen Vergleich zog der thailändische Kardinal Francis Xavier Kriengsak Kovitvanit. "Meiner Ansicht nach ist das ein drittes Vatikanisches Konzil in Häppchen", sagte er der Zeitung.

Am Ende des Zweiten Vatikanums (1962-1965) standen tiefgreifende Reformen und eine Öffnung der Kirche für die Moderne gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Obwohl es sich beim bevorstehenden Treffen "nur" um eine Bischofssynode handelt, lässt die Umschreibung des Erzbischofs von Bangkok aufhorchen. Auch beim legendär gewordenen Zweiten Vatikanum ging es schlussendlich um die Zukunft der Kirche.

Tück: Papst schreckt vor Entscheidungen zurück

Vor allem Teilnehmende aus westlichen Ländern wollen dabei auch umstrittene Themen wie den Umgang mit homosexuellen Paaren, die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch und die Weihe von Frauen ansprechen. Der katholische Theologe Jan-Heiner Tück geht davon aus, dass Papst Franziskus eine breite Debatte über Reformen in der Kirche zulassen wird. "Was manche als Wankelmütigkeit bemängeln, kann gezielte Strategie sein, Gesprächsprozesse anzustoßen", schrieb der Wiener Dogmatik-Professor in der "Neuen Zürcher Zeitung".

Er kritisierte indes, Franziskus deute manchmal Zugeständnisse an, schrecke dann aber vor Entscheidungen zurück. Dies zeige sich etwa bei den Themen Frauenpriestertum und Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Tück warnte in diesem Zusammenhang vor Spaltungen innerhalb der Kirche. "Was in Westeuropa auch unter Katholiken mehrheitlich begrüßt wird, ist in anderen Regionen der Weltkirche tabu."

Jeppesen-Spuhler: Frauen verändern Synode

Die Beteiligung von Frauen an der Weltsynode wird nach Ansicht der Schweizer Teilnehmerin Helena Jeppesen-Spuhler die Kommunikation verändern. "Wenn Frauen als stimmberechtigte Mitglieder dabei sind, werden sich die Bischöfe genauer überlegen, wie sie beispielsweise den Ausschluss der Frauen vom Weiheamt begründen", sagte sie dem Portal katholisch.de (Dienstag).

Es ist das erste Mal, dass Frauen bei einer Bischofssynode Stimmrecht haben. Jeppesen-Spuhler vom Schweizer Hilfswerk "Fastenaktion" gehört zu einer Gruppe von 70 Ordensleuten, Geistlichen und Laien. Sie wolle Positionen aus dem deutschsprachigen Raum in die Synode einbringen, gerade mit Blick auf die Rolle der Frau in der Kirche - "zusammen mit den Bischöfen etwa aus Deutschland, der Schweiz und Österreich".

Der Papst, die Frauen, die Homosexuellen

Internationale Stimmen
auf Kirche-und-Leben.de
Kirche-und-Leben.de begleitet die Synode ab dem 4. Oktober mit täglichen Statements von Gläubigen rund um den Globus: von den USA und Kolumbien über Südafrika und Ägypten, Israel und Japan bis Belarus und die Ukraine, Tschechien, Belgien, die Schweiz und natürlich - sogar zweimal: Italien, einmal aus Bozen, einmal aus einem internationalen Kolleg in Rom. Immer geht es darum, wie diese Persönlichkeiten in ihren Ländern den Blick auf die Weltsynode wahrnehmen, welche Bedeutung dort der Synodale Weg in Deutschland spielt und was ihre persönliche Einschätzung ist. | mn

Am Montag hatte der Vatikan Antworten des Papstes an fünf konservative Kardinäle veröffentlicht, die ihn zu einer Klärung von strittigen Fragen des katholischen Glaubens, sogenannten Dubia, aufgefordert hatten, darunter auch jene nach einer Weihe für Frauen und Segnungen homosexueller Partnerschaften.

Zu einem möglichen Frauenpriestertum stellte Franziskus die Endgültigkeit der Absage zu dem Thema durch Papst Johannes Paul II. infrage. Wie verbindlich diese Aussage sei, könne Gegenstand einer Untersuchung sein, schrieb Franziskus und verwies auf die Anglikaner. Bei der Glaubensgemeinschaft sind seit 1992 Frauen zum Priesteramt zugelassen. Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare lehnt Franziskus nicht gänzlich ab: Wer um einen Segen bitte, drücke damit eine Bitte um Hilfe von Gott aus, eine Bitte um eine bessere Lebensweise.

Hoff: Franziskus' wichtiger Fingerzeig

Homosexualität sei kein "göttlicher Pfusch, schon gar nicht Sünde", schrieb dazu der Wiener Pastoraltheologe Michael Zulehner auf seinem Blog. Sie benötige keine Barmherzigkeit, sondern ähnlich wie bei den Themen Todesstrafe oder gerechter Krieg eine revidierte Kirchenlehre. Der Papst-Appell an das Feingefühl von Seelsorgern zeige aber auch: "Er ist für das Integrieren und nicht das Ausschließen."

Der Salzburger Theologe Gregor Maria Hoff sieht die Papst-Antwort an die konservativen Kardinäle als wichtigen Fingerzeig für die kommenden Beratungen im Vatikan. Mit der Veröffentlichung habe sich Franziskus nicht nur "unmissverständlich von einseitig konservativen Strömungen in der katholischen Kirche abgesetzt", sondern dies in einem dogmatischen Gestus getan, sagte er der Presseagentur Kathpress. Dies sei richtungsweisend und verleihe dem Text "programmatisches Gewicht". Für die Synodalen werde die Antwort eine "wichtige Referenz ihrer Beratungen darstellen".

Stetter-Karp: Zeit zu handeln

Die Präsidentin des Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, wünscht der Versammlung "mutige Debatten und Heiligen Geist". Sie erinnerte an den Synodalen Weg der Kirche in Deutschland, der sich über drei Jahre "den Zeichen der Zeit gestellt" habe. Berechtigte und nötige Auseinandersetzungen über die Zukunft der Kirche wünsche sie sich auch von der Synode in Rom. "Es ist keine Zeit mehr zu zögern. Es ist Zeit zu handeln", betonte Stetter-Karp.

Die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche International" ruft zur Unterstützung des von Papst Franziskus eingeleiteten Reformprozesses auf. Dieser bringe "hoffentlich geistliche, kulturelle und strukturelle Veränderungen in der katholischen Kirche", heißt es in einer Erklärung vom Dienstag. Der synodale Prozess habe auf allen Kontinenten die gleichen Probleme zutage gefördert: "Missbrauch klerikaler Macht, Unterordnung von Frauen und eine überholte Sexualdoktrin." Die Synode müsse plausible Antworten finden, um die Ursachen des geistlichen und sexuellen Missbrauchs zu bekämpfen, der die Glaubwürdigkeit der Kirche so tief zerstört habe. Die Synodenmitglieder müssten den "ambitionierten Synodenprozess" von Papst Franziskus mitgestalten, um wichtige Veränderungen in der katholischen Kirche herbeizuführen.