Der Tod ist jung (1): Der Friedhofsgärtner

Wenn der Gärtner auch Seelsorger ist: Auf dem Friedhof ansprechbar

Anzeige

Auf den Friedhöfen der Pfarrei St. Martinus Greven lichten sich die Hecken. Um den Blick freizumachen für Begegnung und neue Orte der Ruhe. Eine Herzensangelegenheit für Friedhofsgärtner Henrik Schlott.

Henrik Schlott hat heute eine außergewöhnliche Aufgabe: Auf einem Friedhof nahe Greven sind zwei Kaninchen in eine ausgehobene Grabstelle gefallen und kommen nicht mehr raus. „Heute Nachmittag ist dort Beerdigung, bis dahin müssen wir sie gerettet haben“, sagt er und greift in seinem Büro auf dem Friedhof an der Saerbecker Straße zum Telefon. Der Jagdaufseher nimmt nicht ab, auch zur Feuerwehr gelingt keine Verbindung. „Ich ahne, dass ich gleich dahin fahren muss, um die Situation selbst zu klären.“

Schlott ist Leiter der Landschaftsgärtnermeister in der Pfarrei, zehn Arbeitskräfte gehören dazu. Sie sind für alle Liegenschaften zuständig, vor allem aber für die sechs Friedhöfe in der und um die Emsstadt. Das sind in erster Linie technische, organisatorische und pflegerische Aufgaben: Hecken schneiden, Gräber ausheben und wieder füllen, Einfassungen reparieren, Wege befestigen. Manchmal eben auch Kaninchen retten.

Friedhöfe sind wertvoll

Seine Arbeitsplatzumschreibung hat der 38-Jährige in den zehn Jahren seiner Anstellungszeit aber bewusst ausgeweitet. Weil ihm eine Sache immer mehr ans Herz gewachsen ist. Er fasst das in einem Satz zusammen, kurz und bündig: „Ich möchte, dass die Menschen gern hierherkommen, nicht erst, wenn sie es müssen.“

Dafür sind ihm die Friedhöfe zu wertvoll. Sie sollen in seinen Augen nicht allein für Beerdigungen und Grabpflege funktionieren. „Sie sollen wie ein Park die Menschen einladen, hier Freizeit zu verbringen, die Natur zu genießen, sich zu begegnen.“

Neue Gestaltung

Dafür hat er die Gesichter der Friedhöfe verändert. Wie etwa das des Friedhofs an der Saerbecker Straße, dem größten in Greven, für den die Pfarrei zuständig ist. Die Hecken sind kürzer geworden, die Sicht über das Gräberfeld offener.

Die Möglichkeiten der Bestattung sind vielseitig geworden und gemischt: Traditionelle Gräber liegen neben Urnenfeldern, Gärten oder Bäume der Erinnerung bringen neue Ruhemöglichkeiten. Viele Bänke und Grünflächen laden ein, eben nicht nur zu einem Grab zu gehen, sondern hier unabhängig von der Grabpflege Zeit zu verbringen.

Schöne Geschichten auf dem Friedhof

„Die Frau, die mit ihrem Buch hierherkam, um auf der Bank ihre Mittagspause zu verbringen“, erzählt er von einer Situation, die ihm besonders in Erinnerung geblieben ist. „Sie ging nicht nur zum Grab ihres Mannes, sondern fühlte sich hier einfach wohl.“ Und kam irgendwann nicht mehr allein, sondern in Begleitung eines neuen Freunds. „Eine schönere Geschichte kann es doch kaum geben.“

Solche Erlebnisse stärken ihn in seinem Engagement. Dabei sind die Veränderungen in den Grünanlagen nur ein Teil. „Ich gehen gern auf die Menschen direkt zu, um sie mit dem Friedhof in Berührung zu bringen.“ Quasi als Türöffner in ein Areal, das viele erst betreten, wenn es nicht mehr anders geht. „Das ist falsch“, sagt Schlott. „Dann ist der Friedhof nur Ort von Trübsinn und Trauer und hat nichts mehr mit Leben zu tun.“

Lebhaft zwischen den Gräbern

Der Friedhofsgärtner mag es, wenn es auf seinem Arbeitsplatz „lebhaft“ ist. Er macht Führungen, stellt verschiedene Formen von Bestattungen vor, erklärt die Natur. „Das geht nur unabhängig von einem Trauerfall – denn dann haben die Betroffenen ganz andere Sorgen.“

Auch auf Kinder und Jugendliche geht er zu. Mit dem Pastoralteam macht er Angebote für Erstkommunion- und Kindergartenkinder. Derzeit plant er einen Bereich speziell für diese Altersgruppe. „Ein Schwebebalken soll ihnen den unsicheren Stand in der Trauer vermitteln – aber auch den festen Halt unter den Füßen, wenn sie am Ende angekommen sind.“ Es soll ein Ort werden, wo Kinder sich spielend zurückziehen können. Auch wenn sie während einer Trauerfeier überfordert sind.

Noch viele Ideen

Er hat viele solcher Ideen. Die Friedhöfe in seiner Zuständigkeit entwickeln er und sein Team ständig weiter. Sein Herz hängt dabei vor allem an den Gesprächen mit den Menschen. „Ich habe mittlerweile sicher mit über 1.000 Angehörigen eine Grabstelle ausgesucht.“

Schott erlebt diesen Moment oft als enorm belastend für seine Gesprächspartner. „Sie sind voll Trauer, nicht selten überfordert mit der Situation. Ich versuche dann, ihren Blick auf das notwendige Organisatorische der Bestattung zu richten. Das hilft manchmal, Normalität und Ruhe zu finden.“

Gärtner und Seelsorger

Begegnet er den Menschen dann wirklich nur als Gärtnermeister? „Nein.“ Die Antwort kommt nach kurzer Überlegung. „Ich bin dann auch irgendwie Seelsorger – im übertragenen Sinn.“ Nicht mit der Bibel in der Hand oder einem Gebet auf den Lippen. „Über 50 Prozent der Menschen haben doch gar keinen religiösen Hintergrund mehr, wenn sie hierherkommen.“

Trotzdem möchte er in der Situation größter Trauer Gedanken ins Spiel bringen, die nicht beim schön gepflegten Grab enden. „Es geht darum, einen Ort zu schaffen, an dem sich der Trauernde wohlfühlt, an dem Erinnerung und Hoffnung Platz haben, an dem das Leben weitergelebt wird.“ Ein urchristlicher Gedanke ist das, das weiß er. „Er steht hier jedem offen, egal mit welcher Religion oder Weltanschauung er kommt.“

Chance für die Kirchen

Schlott sagt, die Kirchen verschenkten eine große Chance, wenn sie diese Ausstrahlung vernachlässigten. „Sie haben mittlerweile viel den Bestattern überlassen und begegnen den Trauernden nur noch punktuell.“

Wer aber auf dem Friedhof präsent ist, ist immer auch Seelsorger, da ist er sicher. „Egal ob ich eine Rede am Grab halte oder die Hecke schere – ich bin da, ich bin ansprechbar.“ Genau das suchen die Menschen, sagt er. Auf seinen Friedhöfen werden sie es weiterhin finden. Dafür wird er mit vielen neuen Ideen sorgen.