„Friede sei mit euch“ – Themenwoche zu Ostern, Teil 10

Wie strittige Situationen überwunden werden – dank gewaltfreier Sprache

  • Das Konzept der gewaltfreien Kommunikation kann im Alltag helfen, hitzige Situationen zu beruhigen.
  • Wir haben bei drei Expertinnen nachgefragt, wie wir dieses Konzept erlernen könnten.
  • Dahinter steckt der Entwurf des US-amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg.

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Der Krieg in der Ukraine führt uns vor Augen, wie instabil Frieden sein kann. Dabei brauchen wir nicht auf die fern wirkende Weltpolitik schauen, auch in unserem Alltag gibt es immer wieder Situationen des Unfriedens, ob in der Familie, Partnerschaft oder in Vereinen. Das Konzept der gewaltfreien Sprache kann helfen, hitzige Situationen zu beruhigen oder sie erst gar nicht entstehen zu lassen.

Dahinter steht nicht die Idee, bestimmte Wörter aus dem eigenen Wortschatz zu verbannen, sondern in erster Linie geht eine solche Kommunikation mit einer bestimmten „inneren Haltung“ einher, weiß Magdalene Küppers. Sie ist Lehrerin an der Förderschule St. Vincenzhaus in Cloppenburg und beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit gewaltfreier Sprache. Aus ihrem Schulalltag hat sie schon viele Situationen wieder befriedet.

Wertschätzende Kommunikation ist erlernbar

„Es geht um die Bedürfnisse und Gefühle von einem selbst und dem Gegenüber“, so Küppers. Statt zu polarisieren, gelte es, eine Verbindung untereinander herzustellen. Sie erzählt von einer kniffligen Situation in der Streitschlichter-AG. Ein Schüler kam aufgebracht aus der Pause zurück und „wollte die Veranstaltung sprengen“, erzählt Küppers. Sie hätte ihn rausschicken können, stattdessen erzählte sie in der Runde vom besonderen Engagement des Schülers in einem Altenheim, wo er sich regelmäßig mit Demenzkranken beschäftigte. Diese Geschichte beruhigte den Schüler. „Es geht um wertschätzende Kommunikation“, sagt die Lehrerin.

Diese Art des Kommunizierens ist erlernbar, sagt Heike Appel, Lehrkraft am Centrum für Rhetorik, Kommunikation und Theaterpraxis der Universität Münster. Dahinter steckt der US-amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg (1934-2015), der sich zum Beispiel in weltpolitische Konflikten wie zwischen Israel und Palästina um Frieden bemüht hat. Appel besuchte 2007 ein Seminar zum Konzept und ist seitdem davon überzeugt, es sei „wahnsinnig elegant“.

Die vier Schritte nach Rosenberg

Die Kommunikation wird in vier Schritte aufgeteilt. Im ersten Schritt werden Beobachtungen unter den Sprechenden formuliert. Wichtig sei, das Beobachtete zu beschreiben, ohne zu bewerten, erklärt Heike Appel. Im zweiten Schritt werden Gefühle benannt. Dies sei für ihre Studenten ein großer Schritt, weiß die Lehrkräfte aus zahlreichen Übungen. Dabei können Frustration, Wut und Enttäuschung zum Ausdruck gebracht werden. Schuldzuweisungen seien allerdings zu vermeiden. „Die andere Person ist nicht für meine Gefühle verantwortlich“, verdeutlicht die Dozentin.

Im dritten Schritt wird das Gefühl mit einem eigenen Bedürfnis begründet: Warum ist jemand enttäuscht oder wütend? So könne jemand enttäuscht sein, wenn jemand nicht bei einem Umzug helfen möchte. Daraus folgt der vierte Schritt, indem eine Bitte formuliert wird, keine Forderung. In Bezug auf den Umzug könnte sie laut Appel lauten: „Kannst du mir bitte beim Umzug helfen?“ Eine Forderung, wie „du musst mir beim Umzug helfen“, stoße deutlich öfter auf Ablehnung. Wenn außerdem ein „Nein“ als Antwort auf eine formulierte Bitte nicht akzeptiert werden kann, war sie im Grunde doch eine versteckte Forderung.

Scheitern gehört dazu

Ein Versuch, gewaltfreie Kommunikation anzuwenden, darf immer wieder scheitern, weiß Yvette Völschow, Professorin für Sozial- und Erziehungswissenschaften an der Universität Vechta. Sie beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit humanistischen Ansätzen von Marshall B. Rosenberg und dessen Lehrer Carl Rogers. Sie betont die herausragende Bedeutung der stimmigen „inneren Haltung“, von Wertschätzung und Empathie und deren „Echt sein“.

Völschow schult unter anderem Mitarbeitende der Sozialen Arbeit, Justiz und Polizei, die sich immer wieder in schwierigen Situationen wiederfinden. Im Idealfall werde ein Vertrauensverhältnis zum Gesprächspartner aufgebaut. „Verständnis für jemanden aufzubringen, heißt dabei nicht, destruktives Verhalten zu billigen“, betont die Wissenschaftlerin. Es dürfe auch mal die „Hutschnur“ über ein Handeln des Gegenübers platzen, doch sollten trotzdem Respekt und Wertschätzung der Person zur Befriedung der Situation führen.

Zur Person: Marshall B. Rosenberg
Rosenberg wurde 1934 in Canton, Ohio (USA) geboren. 1943 zog seine Familie nach Detroit, wo der Neunjährige gewaltsame Rassenkonflikte miterlebte. Aufgrund seines jüdischen Nachnamens wurde er in der Schule rassistisch beleidigt und verprügelt. Zugleich erlebte er seinen Onkel, der seine Großmutter immer mit einem Lächeln pflegte. Er fragte sich früh, ob der Mensch gut oder böse sei. Ist Vertrauen möglich oder nicht? Dank der eigenen Erfahrungen entwickelte Marshall B. Rosenberg die Gewaltfreie Kommunikation als Mittel der Konfliktklärung. | Quelle: fachverband-gfk.org