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„Friede sei mit euch“ – Themenwoche zu Ostern, Teil 6

Friedensschule in Münster: Wo der Frieden auf dem Stundenplan steht

  • An der Friedensschule in Münster steht der friedfertige Umgang miteinander auf dem Stundenplan.
  • Es geht um soziale Kompetenzen und den Umgang mit den eigenen Gefühlen.
  • Die Schüler der bischöflichen Gesamtschule lernen dabei im Kleinen, was im Großen Frieden schafft.
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Es ist ein unübersehbares und unüberhörbares Zeichen, das sie setzen. Die 1500 Schüler der Friedensschule in Münster haben sich auf den Weg um den benachbarten Aasee gemacht. Auf den fünf Kilometern machen sie sich mit Transparenten und Sprechchören für Frieden stark. Nicht allein mit Blick auf den Krieg in der Ukraine, auch auf die anderen Krisenherde der Welt machen sie aufmerksam.

Das kommt nicht aus dem Nichts. „Frieden“ ist ein fester Bestandteil des Miteinanders an der bischöflichen Gesamtschule. Ihr Name ist quasi Programm. Denn ein friedliches Zusammenleben soll dort kein abstrakter Überbegriff sein. „Die Kinder und Jugendlichen können Frieden lernen“, sagt Sozialarbeiter Daniel Daßmann. „In kleinen Schritten und in einzelnen Situationen.“

Viele Kompetenzen sind gefragt

Frieden als „Vielzahl sozialer Kompetenzen“, nennt Daßmann das. „Die Basis ist eine bewusst friedfertige Bewältigung von Konflikten.“ Und die sind alltäglich, gerade im Schulalltag, in dem immer wieder unterschiedliche Vorstellungen und Ideen aufeinanderprallen. „Das ist nicht nur normal, sondern auch gut.“ Denn gerade im Kleinen besteht für ihn die Chance, „wichtige Kompetenzen herauszukitzeln“.

Das tut der 45-Jährige mit seinem Team in unterschiedlichen Angeboten. Jede Klasse ist irgendwann eingeladen, um in der Gruppe jene Dinge zu bearbeiten, die gebraucht werden, um Konflikte ohne Gewalt lösen zu können. Die Schüler bekommen zum Beispiel ein Tau fest in ihre Hände, um gemeinsam eine Schleife um einen Baum zu binden. Oder sie haben unterschiedliche Materialien, aus denen sie einen fünf Meter hohen Turm bauen müssen, auf dem ein rohes Ei gelegt werden muss. Kommunikation ist gefragt.

Friede als Gefühl

Sich für den Frieden stark zu machen, steht auf dem Stundenplan der Friedensschule.
Sich für den Frieden starkzumachen, steht auf dem Stundenplan der Friedensschule. | Foto: Michael Bönte

„Wie sollen sie friedfertig mit anderen Sichtweisen umgehen, wenn sie es nicht einüben?“, ist die Idee dabei. Daßmann weiß, dass es dabei nicht nur um Wissen und praktische Fertigkeiten geht, sondern vor allem um Gefühle. „Das Erleben von Frust, Unverständnis und Wut gehört im Miteinander immer dazu.“ Das zu erleben und Wege zu finden, damit umzugehen, ist für ihn zentrale Voraussetzung für einen friedlichen Schulalltag.

Er wird auch angefragt, wenn es konkrete Konfliktsituationen gibt. Das Thema Mobbing wird von den Lehrern immer wieder an ihn herangetragen. Neben Gesprächen zur Lösung der Einzelsituation geht er mit den Schülern in die grundsätzliche Bearbeitung. Auch hier steht die Gefühlsebene im Mittelpunkt. „Nehmt einmal die Rolle des anderen ein?“, fragt Daßmann dann. Oder: „Wo würde für euch persönlich die Grenze zwischen Spaß und Ernst liegen?“.

Wertschätzung als zentrales Thema

Der Frieden entwickelt nicht nur mit diesen Angeboten eine Art Grundrauschen an der Schule. Er wird auch auf anderen Ebenen behandelt, im politischen und gesellschaftlichen Engagement. Etwa mit dem Thema „Diskriminierung“. Anika Meyer koordiniert das Projekt „Schule mit Courage“. „Da geht es um Wertschätzung und das ist das zentrale Element des Friedens“, sagt die Lehrerin für Mathematik, Chemie und Biologie. „Das ist viel wichtiger als jede naturwissenschaftliche Formel.“

Mitfühlen zu können, Empathie zu besitzen, tolerant mit den Meinungen anderer umgehen zu können – das muss für sie zwingend auf dem Stundenplan stehen. „Es muss immer eine Rolle spielen.“ Meyer selbst sorgt dafür, wenn sie etwa am „Tag der Stille“ oder „Tag der Dankbarkeit“ Angebote macht, die dafür sensibilisieren sollen.

Ausstrahlung ins Leben

Kürzlich wurde auf dem Schulgelände der Platz nach einer ehemaligen Schülerin mit Migrationshintergrund benannt, die mit ihrer traurigen Lebensgeschichte lautstark in die Öffentlichkeit gegangen war. „So etwas bewirkt etwas bei den Schülern – sie fragen mich, wie sie selbst mit dem Thema umgehen können.“ Dann kann sie mit ihnen jene Situationen in den Blick nehmen, in denen Menschen herabgewürdigt werden. „Verbal, psychisch, körperlich – egal in welcher Form.“

Das wirkt, ist Meyer sich sicher. Sie bekommt immer wieder Rückmeldungen von außen, dass die bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema Wertschätzung konkret auf das Verhalten der Schüler ausstrahlt. Etwa bei den Berufspraktika: „Ich höre oft, dass sie gegenüber den Mitarbeitern zurückhaltend und höflich sind.“ Aber auch an der Schule zeugen liebevolle Gesten von diesem Geist, sagt sie. „Wenn etwa die Jugendlichen der Abschlussklasse ins Lehrerzimmer kommen, um auf die Plätze ihrer ehemaligen Klassenlehrer Herzen zu kleben – trotz aller Konflikte, die es sicherlich gab.“

Glaube bringt zusätzliche Dimension

Auch die religiöse Auseinandersetzung mit dem Thema spielt eine wichtige Rolle. „Sie bringt noch einmal eine andere Dimension hinein“, sagt Thomas Laufmöller. Der katholische Schulseelsorger und Religionslehrer blickt mit den Schülern dabei gern auf biblische Situationen und Vorbilder. „Wie gehen sie mit Unfrieden um?“, fragt er dann. „Wie gelingt es ihnen, ihre Aggressionen nicht eskalieren zu lassen.“ Rollenspiele helfen, um sich selbst in den Handlungen und Personen wiederzufinden.

Im Rollenwechsel steckt für ihn die Chance für eine wichtige Erkenntnis, sagt Laufmöller. „Wenn ich selbst nicht im Reinen mit mir bin, werde ich schnell aggressiv. Hass, Neid oder Wut hat mehr mit der eigenen Situation zu tun, als mit dem Standpunkt des anderen.“ Die Schüler erkennen, dass sie dann zu einem friedvollen Umgang nicht in der Lage sein können. Und sie haben die Möglichkeit, daraus ein Gefühl der Barmherzigkeit zu entwickeln: „Ich muss barmherzig sein gegenüber mir und meinen eigenen Schwächen, dann kann ich auch barmherzig gegenüber dem anderen sein.“

Vom Kleinen zum Großen

Das Thema Frieden setzt sich an der Friedensschule aus vielen weiteren Angeboten und Projekten zusammen, auch in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust. „All das hilft, den Frieden im Kleinen zu verstehen“, sagt Sozialarbeit Daßmann. „Wir denken ihn im Kleinen und schaffen ein Gefühl für das Große.“

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