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Weihbischof: Glaubenszeugnis sollte mehr Bedeutung bekommen

Zekorn: Wir brauchen Gebetsschulen

Der Glaube hat für das Leben vieler Menschen keine Bedeutung mehr. Weihbischof Stefan Zekorn sagt im Interview, wie eine persönliche Gottesbeziehung wieder geweckt werden kann.

Der Glaube hat für das Leben vieler Menschen keine Bedeutung mehr. Weihbischof Stefan Zekorn sagt im Interview, wie eine persönliche Gottesbeziehung wieder geweckt werden kann.

Herr Weihbischof Zekorn, seit Jahren geht das kirchliche Leben in Deutschland zurück – es gibt weniger Teilnehmer am Sonntagsgottesdienst und weniger Neupriester und Pastoralreferentinnen und -referenten, während gleichzeitig die Kirchenaustritte steigen. Worin sehen Sie die Hauptursache?

Es gibt in der Kirche viele offene Fragen, die Menschen beschäftigen, und die Gräuel des sexuellen Missbrauchs, die Menschen von der Kirche wegbringen. Die Untersuchungen der Soziologen an der Universität Münster zeigen aber: Der entscheidende Hintergrund für Menschen, sich nicht mit Glauben und Kirche zu beschäftigen oder aus der Kirche auszutreten, ist ein anderer. Er liegt darin, dass die Menschen mit dem Glauben und mit der Kirche als religiöser Institution nichts mehr anfangen können.

Es liegt also auch daran, dass viele Menschen gar nichts vermissen, wenn sie keinen Kontakt mehr zu den Kirchen oder keinen Kontakt mehr zu Gott haben?

Tatsächlich, das zeigen die Untersuchungen. Auch, wenn Menschen grundsätzlich an ein göttliches Wesen glauben – der Glaube hat für ihren Alltag keine Relevanz. Der Soziologe Detlef Pollack hat in „Kirche+Leben“ vor einiger Zeit den sehr treffenden Satz geprägt: „Menschen suchen das, was für sie Relevanz hat – und nur das.“ Das kann jeder bei sich selbst entdecken: Was mir nichts bringt, darum kümmere ich mich auch nicht.

Sie gehören zu den Teilnehmern der Synodalversammlungen. Lässt sich der Trend, den Sie gerade beschrieben haben, über den Synodalen Weg ändern?

Stefan ZekornStefan Zekorn ist Weihbischof im Bistum Münster. | Foto: Michael Bönte

Der Synodale Weg beschäftigt sich mit wichtigen Fragen von sehr vielen Gläubigen und Menschen außerhalb der Kirche – aber eine Antwort auf diese Fragen wird nicht eine Zuwendung zum Glauben bringen. Denn der entscheidende Punkt für Menschen ist nicht in erster Linie das Handeln der katholischen Kirche, sondern ob der Glaube für ihr Leben Bedeutung gewinnen kann. Das ist nicht meine Meinung, das sind die Ergebnisse der Forschung. Es entspricht auch den Erfahrungen in meinem Leben, in meiner Familie, im Bekanntenkreis oder mit Firmlingen. Die wichtigen Fragen des synodalen Prozesses beantworten nicht die Fragen: Warum soll ich eigentlich glauben? Was bringt mir das und welche Bedeutung hat der Glaube für mein Leben, für meinen Alltag?

Es gibt Menschen, die sagen, dass ihnen das Gebet schwer fällt, also das persönliche Gespräch mit Gott. Aber sie üben sich in aktiver, tätiger Nächstenliebe. Reicht das eigentlich?

Es kann in der Art und Weise, wie jemand den Glauben lebt, unterschiedliche Akzente geben: Bei dem einen ist es mehr das Gebet, bei dem anderen mehr ein sozial-karitatives Engagement. Aber einen christlichen Glauben, dessen Mitte nicht eine gewisse persönlich gelebte Christusbeziehung ist, den kann es  nicht geben. Schon der Name „Christen“ sagt ja, dass wir auf diesen Christus und ihn als Person hin bezogen sind. Für den christlichen Glauben ist eine persönliche Beziehung zu Gott wichtig, wie sie im Gebet und im Hören auf Gottes Wort zum Ausdruck kommt.

Wie kann man dafür sorgen, dass Menschen die Freude am Glauben oder anders formuliert: die Freundschaft mit Jesus wieder erfahren?

Entscheidend ist, dass Menschen erleben, dass es möglich ist, zu Gott in eine Beziehung zu treten – zu ihm zu sprechen, auf sein Wort zu hören – und dass dieses Lesen oder Hören mit ihrem Alltag zu tun hat. Ein zweites wichtiges Moment: Ich kann nur Freude haben an etwas, das ich ein wenig kenne. Mir ist das aufgegangen, als mir vor ein paar Jahren ein Neffe aus den USA ein Video schickte. Es zeigte, wie er Rugby spielt in der College-Mannschaft der Uni, wo er studiert hat. Ich habe dieses Spiel nicht verstanden. Mir ist da deutlich geworden: Wenn ich sehe, wie Menschen agieren, aber nicht weiß, was das eigentlich soll, ist es letztlich langweilig. Ich glaube deshalb: Es ist wichtig, auch Glauben und Liturgie zu verstehen, aber nicht nur mit dem Kopf, sondern immer in der Dimension: Was hat das mit meinem Leben zu tun?

Welche Rolle können denn da Großereignisse spielen, wie Katholikentage, Weltjugendtage oder auf Bistumsebene Gottesdienste der Jugendkirche Effata?

Meine Erfahrung ist, dass tatsächlich durch solche Ereignisse eine Reihe von Menschen die Erfahrung eines lebendigen Glaubens machen, den sie in ihrem Lebensalltag sonst so nicht finden. Insofern sind solche Tage und Experimente wie etwa Effata wichtige Versuche in diese Richtung.

Welchen Stellenwert hat für das Glaubensleben das Lesen in der Bibel?

Für das Judentum und das Christentum ist es zentral, aus dem zu leben, was Gott uns offenbart. Das ist der Mehrwert des Glaubens. Die Offenbarung, die wir in der Heiligen Schrift und in der Lehre der Kirche finden, schenkt uns eine tiefere Einsicht als das, was wir durch unser eigenes Denken erkennen können. Da spielt die Heilige Schrift die zentrale Rolle. Wenn man versuchen wollte, das Alte Testament zusammenzufassen, könnte man das mit einem Wort tun, das sich quer durch das Alte Testament zieht: „Hört und ihr werdet leben.“ Wir hören in der Liturgie das Wort Gottes. Aber es kommt zu wenig vor, dass Menschen auch die Erfahrung machen, dass dieses Hören zu einem Mehr an Leben führt. Wir müssen in der Verkündigung und in Kreisen, in denen wir über die Heilige Schrift und den Glauben sprechen, mehr danach suchen, wie wir diese Erfahrung machen können: dass das Hören auf Gott wirklich zu mehr Leben führt.

Halten Sie es auch für notwendig, noch viel mehr zu erklären – zum Beispiel, was in der Liturgie geschieht oder was die Eucharistie bedeutet?

Ja. Das Verständnis dessen, was man im Gottesdienst erlebt, ist wirklich wichtig. Wobei es nicht nur darum geht, so vom Katheder her etwas zu erklären im Sinne von: „Jetzt wisst ihr es mal.“ Sondern es geht darum, wie es von der Pastoraltheologie als „Mystagogie“ beschrieben wird: zu verstehen und für das eigene Leben mit Bedeutung zu erfüllen, was da geschieht.

Zum Beispiel?

Mir fällt immer wieder auf, dass in vielen Gottesdiensten das „Lamm Gottes“ durch ein Friedenslied ersetzt wird. Der Friede hat seine Bedeutung, aber die Rede vom Lamm Gottes hat in der Liturgie einen zentralen Stellenwert. Das ist ja ein Bibelzitat. Wenn ich das nur höre, ist das fremd. Was soll das „Lamm Gottes“? Das ist ein kirchlicher Sprachgebrauch, den man dann ablehnen kann. So ein Wort bekommt eine ganz andere Bedeutung, wenn ich verstehe, dass sich hinter dem Konzept des Lammes im Kern der ganze christliche Glaube verbirgt. Jesus als Lamm Gottes kommt nicht mit Macht und Gewalt, sondern verhält sich im Gegenteil gewaltlos. Er lädt mich ein, mich in diese Haltung eines gewaltlosen Lebens im Sinne der Bergpredigt einzustimmen.

Brauchen wir so etwas wie Gebetsschulen?

Ja, tatsächlich. Wir haben in vielen gesellschaftlichen Bereichen Seminare und Fortbildungen für die verschiedensten Fragen. Menschen erleben das als hilfreich. Man kann auch eine säkulare Form von Meditation lernen. Aber in der katholischen Kirche kann man Beten kaum lernen. Es wird irgendwie als selbstverständlich vorausgesetzt. Bischof Joachim Wanke, der emeritierte Bischof von Erfurt, hat schon vor einigen Jahren gesagt: „Wir brauchen Schulen des Gebetes.“ Es lohnt sich, damit zu experimentieren, Menschen, die das möchten, einzuladen und darüber zu sprechen, welche Vielfalt an Gebetsformen es im persönlichen Gebet gibt: vom einfachen persönlichen Sprechen, was das Wichtigste ist, über das hilfreiche Nachsprechen von vorformulierten Gebeten bis zu christlichen Meditationsweisen, wo wir 2000 Jahre Erfahrung haben. Aber es gibt eine Gefahr.

Welche?

Die Gefahr ist, jetzt nur auf so etwas zu setzen. Es kann nicht sein, dass wir ausschließlich auf das Leben aus der Bibel und dem Glauben setzen oder auch auf Gebet und Liturgie. Die Kirche steht auf vier Säulen und letztlich auch das Leben jedes Christen. Wir sind in der Kirche, was die Säulen Gemeinschaft und tätige Nächstenliebe angeht, ganz gut. Aber weil wir da gut sind und bei den anderen beiden genannten Säulen nicht so, hat die kirchliche Wirklichkeit eine Schieflage. Wir müssen noch engagierter werden in tätiger Nächstenliebe. Gleichzeitig sollten die Heilige Schrift und das persönliche Glaubenszeugnis sowie Gottesdienst und persönliches Gebet mehr Bedeutung bekommen, damit die Kirche als ganze und auch jeder Einzelne mehr auf allen vier Säulen und damit mit mehr Gleichgewicht steht. Bei den Gemeinschaften von Taizé und Sant‘ Egidio kann man auf unterschiedliche Weise gut sehen, wie sie alle vier Säulen gleich intensiv erschließen.

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