Prior Nikodemus Schnabel: Keine Stimmung für dritte Intifada

Benediktiner in Jerusalem warnen vor religiösem Disneyland

Was denken Christen in Jerusalem über die Entscheidung der USA, ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen und Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen? „Kirche+Leben“ hat mit Nikodemus Schnabel (38), Prior der Abtei Dormitio gesprochen.

Kirche+Leben: Pater Nikodemus, wie ist die Stimmung in Jerusalem?

Pater Nikodemus SchnabelPater Nikodemus Schnabel (38) wurde in Stuttgart geboren. Er studierte unter anderem in Münster und Jerusalem Theologie. 2003 trat er in die Benediktinerabtei Dormitio auf dem Zion in Jerusalem ein, der er seit 2016 als Prior-Administrator vorsteht. | Foto: pd

Pater Nikodemus Schnabel: Gestern war es unglaublich verregnet und es blies ein eiskalter Wind. Das unglaublich miese Wetter hat wohl dazu beigetragen, dass es gestern ziemlich ruhig war. Heute ist das Wetter besser, aber dass es hier in der Stadt zu großem Aufruhr kam, wie es gestern prognostiziert wurde, sehen wir nicht. Es gibt wohl einen Generalstreik, alle Geschäfte sind zu.

Was mich persönlich sehr erschüttert hat, sind Reaktionen von nationalreligiös-jüdischer Seite: Ich wurde heute zweimal von extremistischen Anhängern dieser Richtung angespuckt und angepöbelt. Und einer Freundin wurde in einem jüdischen Geschäft vorgehalten: „Wenn du nicht für die Entscheidung von Trump bist, kannst du meinen Laden gleich wieder verlassen.“ Das alles kenne ich, aber so heftig war es schon lange nicht mehr.

Die radikal-islamische Palästinenser-Organisation Hamas ruft nach der Entscheidung von Trump zur Intifada auf. Wie ernst nehmen Sie diesen Aufruf?

Die Hamas ist total am Ende. Ich war vor ein paar Wochen noch im Gazastreifen. Die Hamas ringt ums Überleben. Die Palästinenser insgesamt scheinen komplett resigniert zu haben. Ich sehe keine Stimmung für eine dritte Intifada.

Wie bewerten Sie die Entscheidung von Trump?

Jerusalem ist eine hoch komplizierte Stadt, die eine wirklich bewegte Geschichte hat. Eine Stadt mit lauter Verwundungen und Vernarbungen. Die lebendigen Steine dieser Stadt, die Menschen, sind ein feinst gegliedertes Mosaik. Hier leben 50 christliche Konfessionen, von denen 13 alteingesessen sind. Wir haben verschiedene Formen des Judentums, verschiedene Formen des Islams – diese Stadt ist denkbar bunt. Diese Stadt braucht ganz, ganz viel Sensibilität, um das Gesamtkunstwerk Jerusalem nicht noch mehr zu ramponieren.

Die Benediktinerabtei DormitioDie Benediktinerabtei Dormitio auf dem Zion in Jerusalem wird von Pater Nikodemus Schnabel geleitet. Das Kloster liegt völkerrechtlich im „Niemandsland“ zwischen West- und Ost-Jerusalem.

Allerdings: Diese Stadt ist unfähig, ihre Geschichte gemeinsam zu erzählen. Jerusalem ist ein Erinnerungsort, aber auch ein Verdrängungsort. Zwei Beispiele: Viele jüdische Israelis sagen, Jerusalem sei 3000 Jahre alt und die ewig ungeteilte Hauptstadt. Aber das ist falsch. Jerusalem ist mindestens 4000 Jahre, wenn nicht 5000 oder 6000 Jahre alt  – das zeigen archäologische Funde aus der Bronzezeit. Dort war Jerusalem eine kanaanäische Stadt, die von den Jebusitern bewohnt wurde. Wo der jüdische Tempel stand, war ein kanaanäisches Heiligtum, in dem Mutter- und Wettergottheiten verehrt wurden. Das passt natürlich nicht in die Erzähltradition über die jüdische, davidische Hauptstadt – also wird es verdrängt.

Genauso aber sagen viele Muslime: Da wo die Al-Aksa-Moschee und der Felsendom stehen, also der al-haram asch-scharif, gab es nie einen jüdischen Tempel. Dabei ist völlig klar: Wenn man die Westmauer anschaut, sieht man die herodianischen Steine – also stand natürlich ein jüdischer Tempel dort.

Diese Stadt, die geschichtlich und religiös so aufgeladen ist, braucht eigentlich jemanden – und da finde ich den Papst ideal – der fragt: Was dient dieser Stadt zum Frieden? Das ist wirklich die Frage! Was dient zur Versöhnung, zur Gerechtigkeit? Darum müssen sich alle politischen Führer fragen lassen, ob sie den Zauber Jerusalems vermehren und die Stadt zu einer Stadt des Friedens machen oder sie kleinkariert national verengen. Es wäre ein Horror für mich, wenn Jerusalem eine rein jüdische oder eine rein muslimische oder eine rein christliche Stadt wäre. Darum finde ich die Perspektive des Heiligen Stuhls am visionärsten, die auch die Uno 1947 beschlossen hat, nämlich Jerusalem als „corpus separatum“, also als „separierten Körper“, als internationalisierte Stadt zu verstehen.

Was verändert sich durch die Entscheidung von Trump für die Christen im Heiligen Land, in Jerusalem, für Sie im Kloster?

Die Christen haben immer mehr das Gefühl, dass sie zwischen den Fronten zermalmt werden, dass sich für sie keiner interessiert. Über die zwei Prozent Christen hier redet keiner. „Muslime und Juden haben sich in der Wolle“: Das sagt man immer, das ist das große Thema, so wird Jerusalem auch medial von außen gesehen. Die Christen fühlen sich mal wieder vergessen. Und was mir große Sorgen macht: Die Religion mit der größten Abwanderungsrate sind die Christen. Ich habe die Sorge, dass Jerusalem ein religiöses Disneyland wird, in dem keine Christen mehr wohnen.

Ich lebe freiwillig hier, um zu zeigen: Jerusalem ist auch eine christliche Stadt. Wir Mönche in der Abtei leben völkerrechtlich im Niemandsland – zwischen West- und Ost-Jerusalem. Darum ist es unsere Aufgabe, die Türen und Herzen für alle offen zu halten – für Muslime, Juden, Christen, Atheisten, Israelis, Palästinenser und Pilger aus aller Welt. Wir bleiben dabei: Wir beten täglich für den Frieden. Wir sind weder pro-israelisch noch pro-palästinenisch, wir sind pro Mensch.