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Interview mit dem Sprecher des Beirats der Historiker-Komission für das Bistum Münster

Betroffener Schmitz: Gutachten macht Missbrauchs-Leugnung unmöglich

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Knapp drei Jahre hat eine Historiker-Kommission der Universität Münster im Auftrag des Bistums unabhängig untersucht, wie die Diözese seit 1945 mit Missbrauch umgegangen ist. Am 13. Juni werden die Ergebnisse vorgestellt. Bevor sie veröffentlicht werden und bevor sich Bischof Felix Genn dazu äußert, wollte „Kirche+Leben“ wissen, wie Betroffene auf diesen Tag zugehen. Martin Schmitz aus Rhede wurde von einem Priester des Bistums Münster missbraucht. Er ist Sprecher des Beirats der Historikerkommission der Universität Münster. Wie sieht er das Vorgehen des Bistums, das sich von dem anderer Bistümer unterscheidet?

Herr Schmitz, welche Aufgabe hat beziehungsweise hatte der Beirat des Gutachtens der His­torikerkommission?

Um zu Anfang eines sofort klarzustellen: Die Arbeit in den Archiven lag ausschließlich in den Händen der Historikerkommission. Beiratsmitglieder hatten dort keinen Zugang. Die einzige Ausnahme stellte der Interventionsbeauftragte Peter Frings dar, der durch seine Arbeit für das Bistum ohnehin Zugang hat. Aufgabe des Beirats war es, Ideen, Anregungen und Beiträge zu liefern und zu diskutieren. Da ging es dann um die Form der Veröffentlichung: Soll das Gutachten ausschließlich digital oder auch als Buch zugänglich sein? Wie muss ein solcher Bericht äußerungsrechtlich geprüft werden, damit er veröffentlicht werden kann? Sollen Täter befragt werden? Wie geht man mit dem Kirche-Justiz-Verhältnis um und vieles mehr.

Was bedeutet die Veröffentlichung der Studie für Sie persönlich?

Die Studie ist ein wichtiger Bestandteil der Vergangenheitsaufklärung. Sie gibt Auskunft über Strukturen im Bistum, die Missbrauch begünstigen, und über Täter und Vertuscher. Nicht mehr die Betroffenen klagen dann an, sondern eine wissenschaftliche Studie. Der Missbrauch, das Schönreden und Vertuschen werden öffentlich gemacht und es wird kaum mehr möglich sein, das zu leugnen.

Was erhoffen Sie sich von der Studie?

Nach der Aufklärung, die die Studie leistet, muss eine Aufarbeitung in Gang kommen. Das heißt konkret, dass die Strukturen, die Missbrauch begünstigen, geändert werden müssen. Das muss schnell geschehen, da sonst immer weitere Kinder der Gefahr ausgesetzt sind, Missbrauch zu erleben. Der Druck zu Veränderung wird mit der Studie wachsen. Darüber hinaus erhoffe ich mir, dass durch die Veröffentlichung Druck von den Betroffenen genommen wird. Wenn durch die Studie Täter benannt werden, muss sich der Betroffene nicht mehr für das rechtfertigen, was ihm angetan wurde. Verbrecher werden Verbrecher genannt, und Betroffene sind nicht länger Nestbeschmutzer.

Anfangs war der Interventionsbeauftragte Peter Frings Mitglied des Beirats und hat sich dann daraus zurückgezogen. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Die Entscheidung halte ich für richtig und nachvollziehbar. Vielleicht wäre es sogar sinnvoll gewesen, von Anfang an Bistumsvertreter außen vor zu lassen. Der Eindruck der Kontrolle und Einflussnahme wäre dann noch deutlicher vermieden worden. Doch immer noch besser spät als nie.

Welche Erwartungen haben Sie an das Bistum Münster und an Bischof Felix Genn, wenn die Studie veröffentlicht ist?

Die wichtigste Erwartung ist die, dass Veränderungen bald umgesetzt werden. Die nötigen Reformen dürfen nicht erst in biblischen Zeiträumen Einzug halten. Bischof Felix Genn hat angekündigt, vier Tage nach Übergabe der Studie ein Statement dazu abzugeben. Das halte ich für sehr ambitioniert, auch wenn die Öffentlichkeit auf eine Stellungnahme wartet.
Was ich mir jedoch ebenfalls erhoffe, ist eine Gesprächsrunde des Bischofs mit den Betroffenen. Sexueller Kindesmissbrauch durch Priester hat eine solche Dimension im Bistum Münster erreicht, dass es Chefsache sein muss. Ich wünsche mir, dass Bischof Felix Genn die Betroffenen zu einem Gespräch einlädt, bei dem er – nicht der Generalvikar oder der Interventionsbeauftragte – Rede und Antwort steht. Das wäre ein Signal der Wertschätzung an all diejenigen, die großes Leid durch die Kirche erfahren mussten.

Welche Rolle spielt es für Sie, dass die Münsteraner Studie keine von Juristen wie etwa in Köln und München ist, sondern eine historische?

Eine Studie durch Juristen gibt das wieder, was justiziabel ist. Gibt es ein Urteil, gibt es aktenkundlich einen Verstoß gegen geltendes staatliches oder kirchliches Recht, hält das Einzug in eine juris­tische Studie. Eine historische Studie schaut da weiter – um nur einige Aspekte zu nennen: Was hat zu einer Versetzung geführt? Was ist in Personalkonferenzen besprochen worden? Wer hat davon gewusst und geschwiegen? Dazu finden die Geschichten der Betroffenen Einzug in diese Studie, auch wenn sie zu keiner Verurteilung geführt haben. Es gibt daher auch eine moralische Bewertung, eine Bewertung, die das ganze System beleuchtet.

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