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Mindestens 15 Minderjährige wurden vom damaligen Kaplan Heinz Pottbäcker missbraucht

Wie die Pfarrei in Rhede ihre Missbrauchsgeschichte aufarbeitet

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Am 13. Juni wird das Gutachten über sexuellen Missbrauch im Bistum Münster vorgestellt. In einigen Gemeinden und Einrichtungen, in denen Verbrechen dieser Art geschehen sind, haben wir nachgefragt, wie sie das Thema bisher aufarbeiten. In Rhede (Kreis Borken) beispielsweise wurden mindestens 15 Minderjährige von dem 2007 verstorbenen Priester Heinz Pottbäcker missbraucht. Heute tut die Pfarrei St. Gudula viel dafür, um diese Taten aufzuarbeiten – zusammen mit Betroffenen.

Der Pfarrei St. Gudula in Rhede liegt viel daran, dass alle, die von sexueller Gewalt in der Kirche betroffen sind, die Unterstützung bekommen, die sie benötigen. „Die Aufarbeitung ist so lange notwendig, wie es Gesprächsbedarf zu sexuellem Missbrauch in der Kirche gibt“, sagt Stephanie Weidemann.

Die 52-Jährige engagiert sich in der Pfarrei St. Gudula und wirkt seit Dezember 2018 in einer Arbeitsgruppe mit kirchlichen Gremienmitgliedern, Betroffenen und Bistumsvertretern mit, die sich eins zum Ziel gesetzt hat: die dauerhafte Aufarbeitung aller Missbrauchsfälle. „Natürlich müssen die Betroffenen nicht nur gehört werden. Sie sind einzubinden in den Prozess der Aufarbeitung in Form von Information und Mitentscheidung“, sagt Weidemann.

„Versetzung“ der Missbrauchstäter

In Rhede wird offen, schonungslos, engagiert, wütend, nachdenklich, emotional und sachlich darüber gesprochen, was sich Anfang der 1970er Jahre ereignete, als der Kaplan Heinz Pottbäcker im Umfeld der kirchlichen Jugendarbeit auf unterschiedliche Weise Kindern sexuelle Gewalt angetan hat. Trotz dieser Verbrechen hat die damalige Bistumsleitung den Priester versetzt. In anderen Gemeinden konnte Pottbäcker weitere Kinder missbrauchen.

„Was die Kirchenleitungen getan haben, macht mich sprachlos. Die Institution Kirche tut sich immer noch schwer mit der Aufarbeitung“, sagt Peter Tenbusch. Der 57-Jährige ist Mitgründer der „Selbsthilfe Rhede“, in der Betroffene über ihre Missbrauchserfahrungen sprechen und sich gegenseitig stützen.

Späte Anerkennung des Leids

Auch Klaus Gernemann, ebenfalls ein Opfer Pottbäckers und in der Selbsthilfe Rhede engagiert, meint, dass sich die höheren Ebenen der Kirche schwertäten, um Entschuldigung zu bitten und das Leid der Betroffenen anzuerkennen. „Nach wie vor haben wir es schwer, Gehör zu finden“, sagt der 59-Jährige.

Die „Selbsthilfe Rhede“, in der auch Betroffene aus anderen Pfarreien zusammenkommen, in denen Pottbäcker Priester war, schätzt aber das Aufarbeitungs-Leistung der Pfarrei St. Gudula: „Als uns Pfarrer Thorsten Schmölzing 2018 fragte, ob wir zusammen mit der Pfarrei eine Arbeitsgruppe bilden könnten, um die Vorkommnisse in der Pfarrei aufzuarbeiten, waren wir erstaunt und skeptisch. Warum sollten ausgerechnet wir, die Betroffenen, mit kirchlichen Gremien und Kirchenvertretern zusammenarbeiten?“, sagt Tenbusch rückblickend.

Gespräche auf Augenhöhe

Rede und Antwort über den sexuellen Missbrauch standen Kirchenvertreter und Betroffene in Rhede bei einer Ausstellung im öffentlichen Raum.
Rede und Antwort über den sexuellen Missbrauch standen Kirchenvertreter und Betroffene in Rhede bei einer Ausstellung im öffentlichen Raum. | Foto: Johannes Bernard

Bei den Informationstreffen der Pfarrei hatte er aber gemerkt, dass nichts beschönigt wird. „Ich hatte das Gefühl, die Pfarrei ist wirklich daran interessiert, mit uns ins Gespräch zu kommen.“

Die offensive Informationsarbeit und das ehrliche Bemühen, an der Seite der Betroffenen stehen zu wollen, haben schließlich viele Zweifel beseitigt. „Als die Pfarrei die Betroffenen zu persönlichen Gesprächen einlud, bin ich hingegangen. Es konnte ja nicht sein, dass sich niemand meldet. In Rhede gibt es zehn, vielleicht 15 Betroffene“, sagt Gernemann.

Diskussionen in Schulklassen

Aus diesen Gesprächen entstand dann die Bereitschaft, in der Arbeitsgruppe der Pfarrei mitzuarbeiten. Mit Filmabenden und Diskussionsrunden wurde die Aufarbeitung des Missbrauchs immer tiefgehender besprochen. Seit einigen Monaten bieten Mitglieder der Arbeitsgruppe in Rhede an, in Schulklassen zu kommen, um über das Thema „Sexueller Kindesmissbrauch in der Kirche“ im Unterricht zu sprechen.

Auf dem Kirchplatz an der Kirche St. Gudula gab es im September 2021 die Ausstellung im öffentlichen Raum „un_GLAUB_lich“. Sie bot Betroffenen und Kirchenvertretern die Möglichkeit, den Missbrauchsskandal gemeinsam zur Sprache zu bringen.

Vertrauen wächst langsam

Dass die Zusammenarbeit zwischen der Selbsthilfe und der Pfarrei gelungen ist und in den letzten Jahren intensiver geworden ist, empfindet Stephanie Weidemann als positives Zeichen gegenüber vielen Misserfolgen und Missverständnissen, was die Aufarbeitung im Raum der Kirchen anbelangt: „Wir reden viel miteinander. In der Gruppe ist Vertrauen gewachsen, egal wie man zur Kirche und zu den Vorkommnissen auf den höheren Ebenen steht. Das war und ist der Pfarrei wichtig.“ 

Der offene Umgang, der Meinungsaustausch ohne Vorurteile und Verdächtigungen, das Diskutieren auch darüber, in welcher Art und Höhe Entschädigungszahlungen zu leisten sind, all das würde dazu beitragen, die Kirche ein wenig glaubwürdiger werden zu lassen, sagt Weidemann. „Der Prozess der Aufarbeitung wird also weitergehen und hoffentlich auch weiter mit und an der Seite der Betroffenen.“

Missbrauchsstudie wird im Dekanat Bocholt vorgestellt

Unabhängig vom Fall Pottbäcker müsse das Thema Kindesmissbrauch weiter aus den Tabu-Zonen geholt werden. „Wir müssen sensibel bleiben und alles dafür tun, Kindesmissbrauch so weit wie möglich zu verhindern.“

Die für den 13. Juni erwartete Missbrauchsstudie des Bistums Münster wird auch Thema der Arbeitsgruppe und der Selbsthilfe Rhede sein. Am 8. September stellt Thomas Großbölting die Studie im Dekanat Bocholt vor. Großbölting leitet die Historikerkommission der Universität Münster, die im Auftrag des Bistums Münster unabhängig dessen Umgang mit Missbrauch aufklärt.

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