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In der Pfarrei von Thorsten Schmölzing wirkte in den 1970er Jahren der Täter Heinz Pottbäcker

Pfarrer von Rhede: Missbrauch muss ins kollektive Gedächtnis der Kirche

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Der Fall Pottbäcker steht wie ein Synonym für Missbrauch im Bistum Münster. Der frühere Kaplan Heinz Pottbäcker hat in Rhede in den 1970er Jahren zahlreiche Kinder sexuell missbraucht, der Fall wird ausführlich im Missbrauchsgutachten für das Bistum dargestellt. Im Vorfeld einer Veranstaltung am 8. September in Bocholt, bei der Professor Thomas Großbölting den Fall Pottbäcker behandeln wird, spricht der Pfarrer von St. Gudula Rhede, Thorsten Schmölzing, über Erwartungen an die Veranstaltung und das Bedürfnis, nicht nur über die historischen Fakten zu sprechen.

Herr Schmölzing, das Missbrauchsgutachten für das Bistum Münster wird in Bocholt vorgestellt. Auch Sie als Pfarrer von St. Gudula Rhede gehören zu den Einladenden. Wie schätzen Sie den Gesprächsbedarf über die Missbrauchsfälle in der Kirche ein?

Durch die Missbrauchsstudie ist wissenschaftlich belegt, was viele in Rhede durch Darstellungen des Bistums und aus Erzählungen von Betroffenen bereits wussten. Gleichzeitig hat eine wissenschaftliche Studie ein besonderes Gewicht, weil seit ihrer Veröffentlichung offiziell von Fakten im Bereich des sexuellen Kindesmissbrauchs im Bistum Münster auszugehen ist. Ich weiß von nicht wenigen Gemeindemitgliedern, dass sie die Studie selbst gelesen oder die Berichterstattung darüber verfolgt haben, weil sie Interesse an mehr Faktenwissen haben. Vermutlich werden zu unserer Veranstaltung mit Professor Thomas Großbölting von der Historikerkommission der Universität Münster, die das Missbrauchsgutachten erstellte, auch Personen mit dieser Intention kommen.

Warum ist der Austausch in einer Gruppe wichtig?

KunstprojektIm vergangenen Jahr hatte die Pfarrei in Rhede mit einem Kunstprojekt den Fall Pottbäcker in den öffentlichen Raum gebracht. | Foto: Johannes Bernard

Es geht beim sexuellen Kindesmissbrauch nie ausschließlich um Fakten, weil der Missbrauch von Kindern Betroffenheit auslöst – und das nicht nur bei denen, die selbst Missbrauch erfahren. Ich nehme bei vielen Gemeindemitgliedern das Bedürfnis wahr, gemeinsam mit anderen und im kirchlichen Kontext über das zu sprechen, was sie in dieser Hinsicht bewegt. Wenn wir zum Beispiel durch den Vortrags- und Gesprächsabend mit Thomas Großbölting einen Resonanzraum schaffen, möchten wir dazu beitragen, dass die historischen Fakten Teil eines gemeinsamen Bearbeitungsprozesses werden.

In Rhede und in Bocholt ist in den vergangenen Jahren intensiv über die dortigen Missbrauchsfälle gesprochen worden. Welche Art der Aufarbeitung braucht es jetzt noch?

Im Rahmen der Aufarbeitung treten wir regelmäßig in die Öffentlichkeit und bieten damit einen Anlass, dass Menschen sich zusammen mit anderen darüber austauschen können, was es für sie bedeutet, dass es Missbrauch in der Kirche gab und weiterhin gibt. Nach jeder Veranstaltung reflektieren wir, welche Hinweise wir im Rahmen unseres Angebotes bekommen haben, was ein nächster guter Schritt sein kann. Insofern sind wir gespannt, welchen Impuls uns der Vortrags- und Gesprächsabend mit Professor Großbölting gibt. Grundsätzlich denke ich, dass der Dialog über den sexuellen Kindesmissbrauch in der Kirche sehr viel weitere Kreise ziehen müsste als dies bisher der Fall ist. Als Kirche stehen wir vor der Herausforderung, dass wir das Faktenwissen um den Missbrauch durch Kleriker in unser kollektives Gedächtnis integrieren – ähnlich, wie wir es in Deutschland mit den Verbrechen der Nazi-Zeit getan haben. Das gelingt nur kommunikativ, indem wir darüber sprechen, was Missbrauch durch Priester bewirkt.

Was braucht es an Aufarbeitung?

Die Zahlen der Missbrauchsstudie legen die Vermutung nahe, dass in sehr vielen fusionierten Pfarreien des Bistums Münster in den vergangenen Jahrzehnten Priester tätig waren, die des Missbrauchs beschuldigt wurden. Entsprechend wahrscheinlich ist es, dass in zahlreichen Pfarreien auch unmittelbar oder indirekt Betroffene von Missbrauch leben. Es wäre schön, wenn diese Menschen ein Beziehungsangebot bekommen – von hauptberuflichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern, aber auch von anderen Gemeindemitgliedern. In dieser Hinsicht wünsche ich mir mehr von einer gemeinsamen Motivation, dies im Bistum flächendeckend sicherzustellen.

Das Missbrauchsgutachten stellt den Fall Pottbäcker, der in den 1970er Jahren als Kaplan in Rhede wirkte, ausführlich vor. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die Schilderungen im Gutachten lesen und das Versagen der damaligen Bistumsleitung schwarz auf weiß bestätigt bekommen?

Die Missbrauchsstudie belegt wissenschaftlich, was mir in Gesprächen mit den unterschiedlich Betroffenen in unserer Pfarrei begegnet. Insofern bestätigt sich mein Bild davon, was dazu geführt hat, dass der besagte Heinz Pottbäcker als Intensivtäter immer wieder Kinder missbraucht hat. Für mich bleibt es eine offene Frage, warum sich Verantwortliche der Bistumsleitung so einseitig darauf konzentriert haben, den beschuldigten Priester, seine Sendung durch die Weihe und die Kirche insgesamt zu schützen. Und warum niemand gefragt hat, was der Missbrauch eigentlich bei den betroffenen Kindern bewirkt. Offenbar hat man keine Spannung wahrgenommen zu dem Auftrag, der sich nach meiner Überzeugung von Jesus her ableiten lässt – nämlich an der Seite von Bedrängten zu stehen und Kinder zu schützen.

Veranstaltungen zum Missbrauchsgutachten
Im Juni 2022 ist eine unabhängige wissenschaftliche Studie über den sexuellen Kindesmissbrauch durch Priester im Bistum Münster in der Zeit von 1945 bis 2020 veröffentlicht worden. Studienleiter Thomas Großbölting kommt nach Bocholt, um die Ergebnisse vorzustellen. Die Veranstaltung ist am Donnerstag, 8. September, in der Aula des St.-Josef-Gymnasiums. Einladende sind die Pfarreien St. Gudula Rhede und Liebfrauen Bocholt gemeinsam mit der Selbsthilfegruppe Rhede.

Am Dienstag, 13. September, stellt Großbölting die Studie in der Landvolkshochschule in Warendorf-Freckenhorst vor. Die Veranstaltung des Kreisdekanats Warendorf beginnt um 19.30 Uhr.

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