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Die wichtigsten Ergebnisse und Nachfragen aus der Pressekonferenz

Ticker zum Nachlesen: Missbrauchsstudie für Bistum Münster vorgestellt

  • Forschende der Universität Münster haben die unabhängige Studie zu sexuellem Missbrauch im Bistum Münster vorgestellt.
  • Thomas Großbölting, Klaus Große Kracht und ihr Team haben den Zeitraum von 1945 bis 2020 aufgearbeitet.
  • Hier können Sie den Live-Ticker von "Kirche-und-Leben.de" nachlesen.
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+++ Live-Ticker +++ Live-Ticker +++ Live-Ticker +++

11.48 Uhr: Die Pressekonferenz endet. Auf der Internetseite der Universität Münster wird im Lauf des Tages das Gutachten zum Download bereitstehen. In wenigen Minuten wird das Gutachten an Bischof Felix Genn übergeben. Kirche-und-Leben.de wird anschließend darüber berichten.

11.47 Uhr: Frage: Können Sie die Zahl der Missbrauchsfälle innerhalb des Bistums regionalisieren. Konkret: Können Sie sagen, wie viele Missbrauchsfälle es im Kreis und Kreisdekanat Recklinghausen gab?

Bernhard Frings: Eine genaue Zahl kann ich Ihnen nicht nennen, wir haben sie nicht einzeln nach Dekanaten erhoben. Es gibt in der Studie aber eine Karte, anhand derer zumindest eine gewisse Größenordnung abzulesen ist.

11.43 Uhr: Antenne Münster: In wie vielen Pfarreien dürften neue Fälle auftauchen? 

Große Kracht: In dem Fall, bei dem Bischof Overbeck eine Rolle spielte, könnte ich mir vorstellen, dass in der Gemeinde des Beschuldigten Diskussionen geführt werden könnten. Der betroffene Priester lebt noch und hat die Anschuldigungen abgestritten.  Daher kann ich mehr nicht dazu sagen. Aber es stellt sich natürlich die Frage, was Gemeinden gewusst haben - etwa in Scharrel bei Friesoythe, wo bekanntermaßen Kinder und auch Frauen belästigt wurden. Das hat lange gedauert, bis da etwas gemacht wurde - etwa eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft.

Großbölting: Die Gruppe der Betroffenen sind die vorrangig Leidtragenden, aber der Missbrauchsskandal zieht eben auch bis in die Gemeinden seine Kreise. Das wird die Katholikinnen und Katholiken im Land noch lange beschäftigen. Das Bistum Münster hat dafür ja eigens eine Hotline eingerichtet.

11.42 Uhr: "Bild": Welche Rolle spielte Bischof Overbeck in der Personalkonferenz?

Große Kracht: Hans Döink berichtet, der Fall sei eigentlich abgeschlossen, die Familie habe kein Interesse an einer Wiederaufnahme. Man kann die Argumente nachvollziehen, warum da nicht weiter gearbeitet wurde. Meine Kritik ist aber: Warum wurden die anderen beiden Kolleginnen in der Missbrauchs-Kommission nicht involviert? Das halte ich für kritikwürdig.

11.41 Uhr: Frage: Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass international tätige Hilfswerke über "Caritas Internationalis" hinaus an der „Vertuschung durch internationale Versetzung“ beteiligt waren? Wenn ja, sind das eher Zufallsbefunde der Studie oder gibt es Anhaltspunkte dafür, dass diese Hilfswerke ein Gestaltungselement der Vertuschungsstrategien waren?

Großbölting: Wir haben in unseren Studien keine Hinweise auf kirchliche HIlfswerke gefunden.

11.38 Uhr: Daniel Deckers (Frankfurter Allgemeine Zeitung): Ist in den 2000er Jahren eine Gruppe überdiözesaner Therapeuten wie Lütz und Leygraf tätig geworden? Unterscheiden diese Herren sich in ihrer Objektivität von denen der früheren Therapeuten?

Antwort: Leygraf wird häufig und prominent tätig. Lütz ist mir nicht vorgekommen. Ich glaube, dass sie sehr professionell damit umgehen. Es stellt sich aber die Frage, ob sie mit ihrer Expertise die richtigen Ansprechpartner sind. Nur in 50 Prozent des Missbrauchs an Kindern ist der Täter streng pädophil, die anderen vergehen sich situativ an Kindern und Jugendlichen. Ob die forensiche Psychiatrie, die nach der strengen Pädophilie vorgeht, richtig ist, dürfte fraglich sein.

11.36 Uhr: Johannes Loy (Westfälische Nachrichten): Was ist über die Rolle der Therapeuten damals zu sagen?

Große Kracht: Es ist von drei, vier Therapeuten die Rede, die Priester entsprechend behandelt haben. Die Therapeuten standen zumeist in einem engen Verhältnis zur Kirche, waren selber Angestellte der Kirche. Dass man externe Expertise herangezogen hat, hat erst in den 1990er Jahren angefangen hat. Gegenwärtig spielt die Kirchenbindung keine Rolle mehr.

11.35 Uhr: Dirk Weber (Rheinische Post): Gibt es Hinweise darauf, dass Heinrich Maria Janssen, Bischof von Hildesheim, dem selbst sexueller Missbrauch in Hildesheim vorgeworfen wird, schon in seiner Zeit als Pfarrer in Kevelaer und als Spiritual am Collegium Augustinanium Gaesdonk auffällig geworden ist?

Bernhard Frings: Die Überlieferung hierzu ist relativ dünn, weil die Akten vermutlich bis auf wenige kleine Karteikarten mit nach Hildesheim gekommen sind. Wir haben keine Hinweise darauf, dass er selber als Täter in Erscheinung getreten ist. Ein Betroffener geht aber davon aus, dass Janssen von seinem Fall gewusst haben muss.

11.34 Uhr: epd: Wird nach Ihrer Studie staatsanwaltschaftlich ermittelt werden?

Großbölting: Tendenziell eher nicht. Die Fälle wurden an die Staatsanwaltschaft gemeldet. Wir haben auch unsererseits entsprechend mutmaßliche Fälle weitergeleitet. Aber ich bin kein Jurist.

11.33 Uhr: Florian Breitmeier (NDR): Wie bewerten Sie mit Blick auf die Verfolgung von Missbrauchsfällen die Rolle des späteren Hamburger Erzbischofs Werner Thissen, der ja lange Zeit Personalverantwortung im Bistum Münster als Personalchef, Generalvikar und Weihbischof trug?

Bernhard Frings: Thissen taucht in unseren Akten nicht in vielen Fällen auf, wohl beim Pfarrer A. und im Fall Pottbäcker. In die meisten Fälle wird er in irgendeiner Weise involviert gewesen sein, aktenmäßig lässt sich das nicht darstellen.

Großbölting: Thissen war ein wichtiger Gesprächspartner für uns, der unsere Aufarbeitung so mit ermöglicht hat.

11.31 Uhr: Johannes Norpoth: Zirka 40 Prozent der Beschuldigten sind als Mehrfachtäter identifiziert worden. Können Sie eine Aussage darüber treffen, wie hoch der Prozentsatz der Missbrauchsfälle ist, die mit konsequenter Strafverfolgung und konsequenter Haltung der Bistumsleitung hätten verhindert werden können?

Großbölting: Die Frage formuliert schon die Schwierigkeit. Wir können bei Serientätern feststellen, von denen wir ja fünf Prozent benannt haben, dass die Anwendung des Kirchenrechts Taten hätte stoppen können. 

11.29 Uhr: Ingo Brüggenjürgen (Domradio): Durch die speziellen katholischen Ermöglichungsbedingungen wurde die Kirche zur „Täterorganisation" - gilt Ihre Aussage bis heute? Reichen die Aufklärungs-Bemühungen der Kirche seit 2010 Ihrer Ansicht nach da aus?

Großbölting: Die katholische Kirche ist Täterorganisation, indem sie Ermöglichungsstrukturen hatte. Es gibt seit den 2010er Jahren viele Maßnahmen zur Eindämmung und Prävention. In vielem scheint sich das aber zu beschränken auf Prävention und polizeiliche Maßnahmen. Die Diskussion über Pastoralmacht et cetera hat meines Erachtens so noch nicht eingesetzt, bestenfalls wäre auf den Synodalen Weg zu verweisen.

11.24 Uhr: Joachim Frank (Kölner Stadt-Anzeiger): Wo ist der Mehrwert zum Gutachten des Erzbistums Köln?

Großbölting: Die juristischen Gutachten möchte ich nicht abqualifizieren, sie waren wichtige Grundlagen auch für uns. Aber wir hoffen, dass wir durch unsere historischen und kirchenhistorischen Untersuchungen in die Lebenswelten von Katholik:innen, pastoralen Vollzüge und theologischen Selbstbeschreibungen hineingehen können. Wir wollen so klarmachen, wo in den katholischen Glaubensvollzügen ein besonderes negatives Potenzial für Missbrauch und Vertuschung liegt.

Große Kracht: Wir haben einen großen Teil über die Akteursgruppen aller Beteiligten. Das betrifft nicht nur die Personalverantwortlichen, sondern etwa auch Therapeuten und "Bystander" in den Gemeinden, die also etwas gewusst haben. Vertuschung geschieht also nicht erst im Generalvikariat.

(Frage fehlt.)

Große Kracht: Wir haben Bischöfe gleich behandelt mit anderen Beschuldigten. Vor einigen Monaten hat sich ein Priester gemeldet, er sei von Lettmann begrüßt worden, indem der Bischof ihm in den Schritt gefasst habe. Das haben wir uns natürlich angesehen. Wir haben dazu aber nichts gefunden. 

11.22 Uhr: Theo Dierkes (WDR): Über welche Wege sind Täter aus dem Bistum herausgebracht worden? Sollten sie damit der Staatsanwaltschaft entzogen werden?

Große Kracht: Nehmen wir den Fall Wielewski: Er geht zunächst nach Schweden, wird dann angezeigt. Kommt zurück nach Münster, geht erneut über Schweden nach Lateinamerika. Münster aber bleibt dran und versucht trotz Strafanzeige gegen ihn, ihm in Lateinamerika eine Zukunft zu ermöglichen. Joseph Höffner hat dazu das Zweite Vatikanische Konzil genutzt - für Gespräche. So kam Wielewski nach Österreich, durch kirchliche Netzwerke wie Caritas Internationalis unterstützt. Als er zu einem Urlaub in Deutschland war, wurde er verhaftet und ihm der Prozess gemacht. Dort wurde die Hilfe kirchlicher Stellen bestätigt.

11.20 Uhr: Annette Zoch (Süddeutsche Zeitung): Könnten Sie die Verurteilungen von Tätern in der NS-Zeit, die später wieder auffällig wurden, nochmal präzisieren - vielleicht anhand eines Beispiels?

Rüschenschmidt: Es gibt keine Akten von vor 1945. Es gibt Zufallsfunde aus der Zeit 1943/44 über einen Priester, der danach aber nicht mehr auffällig wurde. In einem weiteren Fall ist ein Täter schon vor 1945 auffällig geworden. Galen hat ihn suspendiert; nach Galens Tod ist er wieder eingesetzt worden; er wurde in den 1950er Jahren erneut verurteilt.

11.18 Uhr: Ansgar Zender (SWR): Es gab also keine Vertuschung durch den früheren Generalvikar und Weihbischof Spital? Aber er dürfte Kenntnis gehabt haben...

Bernhard Frings: Erst seit 2008 wurden Protokolle in der Personalkonferenz geführt. Der Austausch davor ist also schwer nachzuvollziehen. Spital taucht davor drei- bis fünfmal auf. Das heißt nicht, dass er nicht informiert war.

11.13 Uhr: Daniel Deckers (FAZ): Wie erklären Sie sich die hohe Differenz - etwa ein Drittel - zwischen der Zahl "Ihrer" Beschuldigten und derjenigen Zahl, die aus Münster den MHG-Forschern gemeldet wurde? Welche Rolle spielt der unterschiedliche Untersuchungszeitraum? Was bedeutet diese "Untererfassung" für die Validität der MHG-Studie? Und was für die Vertrauenswürdigkeit der Bistumsverantwortlichen, die der MHG-Studie zugearbeitet haben?

Große Kracht: Die Differenzen liegen an den unterschiedlichen Erhebungsverfahren. Das Bistum Münster wurde nicht vollständig gescreent. Trotzdem: Das Bistum Münster hat eigene Akten noch recherchiert, die sie gefunden haben. Ich habe nicht den Eindruck, dass die MHG-Studie oder die Verantwortlichen im Bistum etwas verschwiegen haben. Sie haben uns die gemeldete Liste gezeigt. Wir hatten sogar den Eindruck, dass auch leichte oder unklare Beschuldigungen in diese Liste an die MHG-Studie genannt wurden.

Die Differenz hat auch mit dem Zeitpunkt der Untersuchung zu tun. Die MHG-Studie begann 2014, es gab aber nach der Veröffentlichung noch massive Meldungen von Betroffenen. Wir wurden auch von Journalist:innen angefragt, ob wir etwas zu bestimmten Fällen sagen können. In einem Fall im Oldenburger Münsterland, wo ein Pfarrer in den 1950er und 1960er Jahren massiv missbraucht hat. Danach haben sich mehrere, inzwischen betagte Herren, bei uns gemeldet. Eine bewusste Bagattellisierung der MHG-Studie durch Mitarbeiter des Bistums Münster können wir nicht feststellen.

11.09 Uhr: Christiane Florin (DLF): Wie erklären Sie sich, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen für die moraltheologisch geschulten Hochwürdigsten Herren, die in Personalkonferenzen versammelt waren, keine Rolle spielten und sehenden Auges weitere Kinder und Jugendliche in Gefahr gebracht wurden?

Großbölting: In vielem ist die Kirche eingebunden in das, was kulturgeschichtlich in Deutschland da ist. Es gab auch kein Bewusstsein für Opfer anderer Bereiche. Bis in die 1970er Jahre dürfen Eltern oder Lehrer ihre Kinder schlagen. Insofern ist die Kirche eingebunden in die Zeitläufte und ein Kind ihrer Zeit. Ich habe mir lange den Kopf darüber zerbrochen - und ich bin genauso fassungslos, wie Sie es in ihrer Frage formulieren.

Rüschenschmidt: Das ist die Kernfrage hinter allen Forschungsbemühungen und Aufarbeitungsbemühungen. Wir haben zwei Komplexe feststellen können: Das eine ist eine sehr starke Kirchenzentrik. Es galt in den 1950er bis 1970er Jahren, die Kirche um jeden Preis zu schützen. Das war ein Selbstzweck. Die geweihten Herren waren überzeugt, dass sie den Menschen das Heil stiften. Als Vertreter einer Heilsinstitution musste die Kirche vor Menschen bewahrt werden. Es gab eine ausgeprägte Wertschätzung für den Priesterstand. Das ist eine wesensmäßig bedeutsame Angelegenheit. Den Stand galt es zu wahren. Bischof Keller schreibt einem Kollegen: "Vielleicht kannst du einen Priester zu einem ordentlichen Priesterleben zurückhelfen." Um sein Verhalten gegenüber Kindern ging es nicht.

11.05 Uhr: ARD/WDR: Können Sie den Komplex Heinz Pottbäcker noch einmal beschreiben?

Großbölting: Pottbäcker ist einer von mehreren Serientätern, der immer wieder versetzt wurde, obwohl die Bistumsleitung darum wusste und Pottbäcker sich an das Bistum vertraulich gewandt hatte. Dennoch wurden ihm "immer wieder Kinder zugeführt".

Bernhard Frings: Erstmals auffällig für das Bistum wurde er 1967, als er angeklagt und 1968 verurteilt wurde. Zwischenzeitlich war er in einem Kloster. Es gab eine positive Prognose seitens des Gerichts. Er wurde wieder in der Pfarrei eingesetzt und ist 1973 erneut auffällig geworden. Pottbäcker wurde an einer Berufsschule und zur Aushilfe in einer Pfarrei tätig. Er machte eine intensive Therapie, kam 1978 mit Hilfe des Therapeuten als Pfarrer in die Seelsorge. 1983 wurde er wieder angeklagt, danach Strafbefehl. Danach war er nicht mehr als Pfarrer in der Seelsorge, sondern zunächst im Bistumsarchiv und in der Krankenseelsorge. Aktenkundig wurden danach keine Fälle mehr, wohl solche des distanzlosen Verhaltens. Er kam dann als Ruhestandsgeistlicher in eine Pfarrei in Münster.

11.04 Uhr: Frage: Wie viele der 196 Täter leben noch?

David Rüschenschmidt: Das können wir nicht ganz genau sagen. 2019 war seitens des Bistums die Rede von 58 lebenden Priestern, gegen die Vorwürfe vorliegen. Wie stark diese Priester belastet sind, lässt sich nicht sagen.

Große Kracht: In drei oder vier der zwölf Fallbeispiele geht es um lebende Beschuldigte, was äußerungsrechtlich sehr brisant ist. Es wurde vom Bistum nie gesagt, dass wir uns nur um verstorbene Täter kümmern sollen.

11.01 Uhr: dpa: Mit welchen Bereichen der Kooperation mit dem Bistum waren sie zufrieden?

Großbölting: In diesem klitzekleinen Teil der Aufarbeitung - unserer Studie - kann ich sagen: das Bistum hat konstruktiv zusammengearbeitet, es gibt ein echtes Interesse der Aufarbeitung.

11.00 Uhr: SWR: Welche Rolle spielte der frühere Generalvikar Hermann-Josef Spital?

Frings: Spital taucht in unseren Akten relativ selten auf. Es gibt den Fall des Pfarrers Theo Wehren, der im Amt bleiben durfte trotz Verurteilung. Spital dankte dem Staatsanwalt für eine relative kooperative Bearbeitung.

10.58 Uhr: Frage: Kommt die Kirche allen mit der Aufarbeitung zurecht oder braucht sie Unterstützung von außen?

Großbölting: Die Politik muss sich stärker in diesem Prozess engagieren. Die hinkende Trennung von Kirche und Staat hat hier ganz fatale Auswirkungen. Die Zurückhaltung des Staates ist nicht nachvollziehbar.

David Rüschenschmidt: Seit 2010 werden alle Fälle erst an die Staatsanwaltschaften übermittelt. Das Bistum hat da weitgehend konsequent gehandelt. Meist aber waren die Taten verjährt. Mitunter gab es die Möglichkeit für kirchenrechtliche Maßnahmen.

10.54 Uhr: Theo Dierkes (WDR): Warum taucht Kardinal von Galen nicht auf? Welche Beschuldigungen erheben Sie?

Großbölting: In der Studie ist er thematisiert.

Bernhard Frings: Zehn Monate seiner Amtszeit fallen noch in unseren Untersuchungszeitraum. Es gab Vorwürfe gegen einen Kaplan aus den 40er Jahren. Galen nahm ihn zunächst aus dem Dienst, setzte ihn aber wieder ein. Der Priester beging danach weitere Taten.

Großbölting: Es gab einen Fast-Totalschaden im Bistumsarchiv nach der Bombardierung Münsters. Wir wissen aber auch aus anderen Unterschungen, dass es im Nationalsozialismus viele Taten von Priestern gab, die später dafür genutzt wurden, sie als Märtyrer des Nationalsozialismus zu stilisieren. Diese Namen tauchen wieder auf, weil sie wieder übergriffig wurden. Dann erst zeigen sich die richtigen Zusammenhänge.

10.45 Uhr: Thomas Großbölting: Wir wollten die Binnenstrukturen der katholischen Kirche erforschen - was hat Missbrauch begünstigt? Missbrauch von Minderjährigen ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Ob die katholische Kirche ein Hotspot ist, wissen wir schlichtweg nicht, weil es an Parallelunternsuchungen fehlt. Missbrauch durch Priester zeigt aber ein katholische Gepräge dieses Verbrechens: Betroffene werden zu Opfern, weil sie katholisch sind. Missbrauchstäter missbrauchen Glauben für eigene Interessen und zur Ausübung von Macht. Stärker kann man Gottes- und Nächstenliebe nicht pervertieren. Die Pastoralmacht des Priesters ist Grundlage für Missbrauch. Er vertritt Christus in persona - das ist die aufgeladene Macht des Priesters.

Daraus leitet sich auch das Leitungsversagen in der Bistumsleitung ab. Der Oberhirte tritt den Tätern als Richter, Vorgesetzter, Seelsorger und geistlicher Vater gegenüber. Diese Selbstbeschreibung hilft zu erklären, warum die bischöfliche Fürsorge groß war, sich aber vor allem auf die Priestertäter richtete und die heilige Kirche im Blick hatte. Der Priester war "ein heiliger Mann". Deswegen gab es die Maxime: Trotz aller Vergehen musste die priesterliche Existenz erhalten werden. Insbesondere gegenüber dem pädosexuell-fixierten Priester war das fatal: "Im Zweifel, lieber Mitbruder, hauen wir dich da raus." Die Kirche wurde zur Täterorganisation.

Die Regulierung von Sexualität war Markenkern der Kirche: Sexualität nur zur Fortpflanzung. Norm und Lebenspraxis passten bei vielen Menschen nicht zusammen. Das ergab Schweigen, Bigotterie, Doppelbödigkeit, Scham. Betroffenen war es damit unglaublich schwer, über ihre Taten zu sprechen. Das Klima begünstigte die Verbrechen.

Das ist auch die Grundlage dafür, dass Vertuschung auch unter den Gläubigen weit verbreitet ist. Viele wussten Bescheid: Klerikalisierung durch Laien deckt Missbrauch. Es geht um viel mehr als um ein weiteres Glied der Verbrechen in der katholischen Kirche, sondern eine Anfrage an die Kirche, ihre Seelsorge und ihre Kommunikation.

Vier bis fünf Prozent des Klerus wird Missbrauch vorgeworfen - 95 bis 96 Prozent aber auch nicht. Allerdings untersuchten wir nur den strafrechtlich relevanten Teil der Missbrauchstaten. Wenn sich etwa ein Domkapitular an einem rangniedrigeren Seelsorger vergeht - all das taucht bei uns und anderen Studien nicht auf. Das Problem ist größer als wir es Ihnen vorgestellt haben. 

Unsere Studien sind begrenzt, sie ersetzen keine Aufarbeitung und die Beseitigung systemischer Ursachen. Wo wir als Forschende jetzt unsere Arbeit beenden, hoffen wir, dass es im Bistum Münster einen weiteren und entschiedeneren Impuls gibt, mit Laien und Politik in der Aufarbeitung voranzukommen.

(Damit endet die Vorstellung der Studie. Journalist:innen können nun Fragen stellen.)

10.40 Uhr: David Rüschenschmidt zeichnet die letzten Jahrzehnte nach:

Ab 2002/03 gab es erstmals die Ernennung eines Beauftragten für sexuellen Missbrauch, den Moraltheologen Bernhard Fraling, mit einem zweiköpfigen Arbeitsstab. Seitdem gab es eine formale Zuständigkeit. 2008 wird Hans Döink Leiter der Kommission.

2010 meldeten sich über 60 Betroffene. Zugleich kündigte die Kommission ihren Rücktritt an, wegen Differenzen mit der Bistumsleitung. 2011 werden Präventionsschulungen verpflichtend implementiert.

2016 kommt es zu Konflikt und Auflösung der Kommission. Bis heute scheint der Fall mangelbehaftet gewesen zu sein. Es werden Ansprechpartner für Fälle sexuellen Missbrauchs ernannt. 2019 wird Peter Frings hauptamtlicher Interventionsbeauftragter.

Zweifellos sind diese Veränderungen eine strukturelle Verbesserung. Triebkräfte dazu ergaben sich aber vornehmlich aus dem Druck der Betroffenen, der Medien und der Öffentlichkeit. Die Lernprozesse waren also von außen erzwungen. Die Fälle sind dennoch zahlreich, in denen das Bistum Münster den Bedürfnissen der Betroffenen nicht gerecht wurde.

10.38 Uhr: Natalie Powroznik: Für Betroffenen bestanden hohe Hürden, Missbrauchserfahrungen zu artikulieren. Vielen Betroffenen gelingt es erst im Erwachsenenalter, ihre Missbrauchserfahrungen öffentlich zu machen. Seit dem Schlüsseljahr 2010 haben viele Betroffene ihre Sprachlosigkeit überwunden und sind zu wichtigen Akteuren der Aufarbeitung geworden. Ein Beirat kam im Bistum Münster nicht zustande, weil die Betroffenen sich nicht einem Auswahlverfahren stellen wollten. 

10.34 Uhr: Große Kracht: Bischof Felix Genn (seit 2009): Seitdem wurden wichtige Schritte unternommen, um die neuen Vorgaben umzusetzen.

Weihbischof Overbeck entschied 2009, den Fall des Offizialatsmitarbeiters M. nicht der Missbrauchskommission des Bistums vorzulegen. Damit folgte er dem Rat des Missbrauchs-Beauftragten Hans Döink. Die anderen Missbrauchs-Beauftragten, zwei Frauen, erfuhren davon nicht.

Auch Bischof Genn brauchte eine längere Phase, um seiner Verantwortung bei Prävention und Intervention gerecht zu werden - etwa im Umgang mit der Missbrauchskommission. Diese bewertete den Fall eines Diakons im Umgang mit Pornographie nicht mit der nötigen Strenge, der Reue zeigte. In zwei anderen Fällen wurde laut Aktenlage versäumt, Rom in Kenntnis zu setzen. Genn habe eingeräumt, zu sehr als Seelsorger und zu wenig als Dienstvorgesetzter gehandelt zu haben.

Wir fragen uns, warum Weihbsichof Stefan Zekorn es zuließ, dass mit ihm ein beschuldigter Priester zelebrierte. Dass er damit die Betroffene schützen wollte, überzeugt uns nicht.

Es gibt einen klaren Fortschritt. Dennoch gibt es offenbar weiterhin Kommunikationsschwierigkeiten, tiefe Verletzungen und Retraumatisierungen durch das Verhalten von Bistumsverantwortlichen.

10.32 Uhr: Bernhard Frings: Bischof Reinhard Lettmann (1980-2008)

Mehrfachtäter Heinz Pottbäcker: Lettmann nahm ihn nicht konsequent aus der Seelsorge. 

Lettmann nahm Ende der 1980er Jahre den wegen Missbrauchs exkommunizierten Pfarrer M. im Bistum Münster auf. Er wurde sogar mit Eheannulierungsverfahren am Offizialat beauftragt. Weihbischof Josef Voß erwirkte eine Verschwiegensheitserklärung von Betroffenen nach neuen Vorwürfen. 

Voß und Personalchef Theodor Buckstegen waren auch im Fall Alfred Ahlbeck tätig. 

10.29 Uhr: Bernhard Frings: Bischof Heinrich Tenhumberg (1969-1979)

Pfarrer A. aus dem Erzbistum Köln gehörte wie Tenhumberg zur Schönstatt-Bewegung. 1973 ermöglichte ihm Tenhumberg einen Einsatz im Bistum - trotz eines psychiatrischen Gutachtens. A. beging weitere Missbrauchstaten.

Gleiches gilt für Heinz Pottbäcker. Auch er erhielt eine neue Aufgabe trotz Verurteilung. Als 1979 neue Vorwürfe bekannt wurden, wurde er weiter versetzt.

Ein anderer Priester wurde von Generalvikar Lettmann nach Argentinien versetzt - wo er weitere Missbrauchstaten beging.

10.24 Uhr: Die Hauptverantwortung liegt bei Bischöfen, Weihbischöfen, Generalvikaren und anderen Personalverantwortlichen.

Bischof Michael Keller (1947-1961): Der Strafprozess gegen Propst Joseph Hermes in Vechta wurde nicht in Oldenburg, sondern in Kleve verhandelt. Das Ziel war eindeutig: Der Prozess gegen einen Geistlichen sollte der Öffentlichkeit entzogen werden. Er wurde freigesprochen und wieder in der Seelsorge eingesetzt. Ein Betroffener nannte das 2010 "eine Farce".

Ein anderer Priester, Anton Ingenhaag, wurde 1952 lediglich versetzt. Als die Staatsanwaltschaft ermittelte, flüchtete der Priester ins Ausland. Generalvikar Böggering vereitelte die Strafverfolgung.

Bischof Joseph Höffner (1962-1969): Priester Kurt-Josef Wielewski wurde 1969 verurteilt, entzog sich zuvor mit Wissen und Billigung der Bistumsleitung der Strafverfolgung. Höffner empfahl den Priester einem österreichischen Bischof.

Priester und Studienrat Heinrich Waerder wurde auf Bitte Höffners ins Erzbistum Freiburg versetzt. Höffner erwähnte lediglich einen Verstoß wegen Homosexualität, verschwieg aber die Verurteilung des Priesters wegen Missbrauchs.

Priester Alwin Bokern wurde in einem anderen Bistum eingesetzt. 1967 wieder von Höffner eingesetzt, 1969 zum Pfarrer im Bistum ernannt - ohne jede weitere Sanktionen.

10.22 Uhr: Bernhard Frings: Von 46 versetzten Priestern wurden 26 im Bistum versetzt, zehn in andere Bischöfe. Sexueller Missbrauch trat flächendeckend im Bistum auf. Es handelt sich ganz klar nicht um Einzelfälle. Es gab kaum ein Dekanat, in dem es seit 1945 nicht zu Fällen sexuellen Missbrauchs kam. 

10.20 Uhr: David Rüschenschmidt: Bischöfe waren über Vorkommnisse breit informiert. 145 Belege zeigen, dass Bischöfe persönlich in Kenntnis waren. Das spiegelt aber nicht den realen Kenntnisstand wider - es gab eine ausgesprochene Präferenz für mündliche Absprachen. Die Bischöfe dürften summarisch informiert gewesen sein. Bischöfe gelten uns als Letztverantwortliche für den Missbrauch.

10.16 Uhr: Natalie Powroznik: Das Dunkelfeld wird um das Acht- bis Zehnfache höher sein. Wir schätzen, dass die 610 Betroffenen 5.100 Taten sexuellen Missbrauchs erleiden mussten. In den 1960er und 1970er Jahren dürften im Durchschnitt zwei Einzeltaten pro Woche im Bistum Münster geschehen sein. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Zwei Drittel dürften männlichen Geschlechts sein. Der Großteil war zwischen zehn und 14 Jahre alt. In 50 Prozent der Fälle war die Bindung der Betroffenen an die Kirche sehr eng - etwa als Messdiener oder in der Jugendarbeit. In zehn Prozent der bekannten Fälle war es die konkrete seelsorgliche Situation - etwa der Empfang des Bußsakraments - als Anbahnung. Bei 296 Betroffenen, das sind mehr als 80 Prozent, kam es zu "Hands-on"-Handlungen.

10.13 Uhr: Große-Kracht: Wir haben 196 beschuldigte Kleriker ausfindig gemacht, es gibt 610 Betroffene. Das ist über ein Drittel mehr als die MHG-Studie sagt. Wir sind Hinweisen auf 275 Kleriker nachgegangen. 210 Beschuldigte waren Priester, das sind 4,49 Prozent aller Prieser im Untersuchungszeitraum von 1945 bis 2020. Es ging keineswegs nur um Einzeltaten. Es gab in 40 Fällen mehr als eine betroffene Person. Über 90 Prozent der Beschuldigten erfuhren keine strafrechtlichen Konsequenzen. Der Schwerpunkt lag zwischen den 1950er und den 1970er Jahren. Ein Einfluss der sexuellen Revolution in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre lässt sich nicht feststellen - im Gegenteil: Die Zahl geht in dieser Zeit zurück. Aber auch in den letzten zwei Jahrzehnten gab es mutmaßliche Missbrauchsfälle.

10.11 Uhr: Es hat eine kleine Panne gegeben: Ein Buch zur Veröffentlichung des Gutachtens wurde versehentlich vom Verlag bereits vorab an eine Person verschickt und von diesem Fotos des Inhaltsverzeichnisses an Verantwortliche des Bistums weitergeleitet. Diese beiden Verantwortlichen haben sich direkt bei Thomas Großbölting gemeldet und mitgeteilt, dass sie diese Fotos gelöscht hätten und nicht verwenden würden. "Das ist nur eine Randnotiz", sagt Großbölting, will aber darauf hinweisen - aus Transparenzgründen.

10.05 Uhr: Professor Großbölting begrüßt. Er berichtet, dass er gestern bereits mit 70 Betroffenen zusammengekommen ist und intensiv mit ihnen gesprochen hat. Großbölting weist darauf hin, dass sich Anthropologen und Zeithistoriker mit dem Umgang mit Missbrauch beschäftigt haben. Er hofft, dass sie "mehr bieten können", nämlich pastorale, kirchenrechtliche, theologische und strukturelle Aspekte des Umfelds. Sie haben eine Hellfeldstudie betrieben - also nur jene Fälle betrachtet, die empirisch nachweisbar sind. Quellengrundlagen sind die Überlieferungen des bischöflichen Archivs und der bischöflichen Verwaltung.

2019 war es ein ganz wichtiges Anliegen, auch des Bistums, dass eine Unabhängigkeit der Forschung gewährleistet wird und zweitens ein uneingeschränkter Zugang zu den Materialien des Bistums gewährleistet wird. "Wir können ein solides Urteil abliefern. Das Bistum Münster ist in diesem Segment seiner Verpflichtung vollumfänglich nachgekommen." Die Forscher sind damit sehr zufrieden.

Es gab zudem Interviews mit 60 betroffenen Frauen und Männern. Das war eine große Lernerfahrung auch für das Team, sagt Großbölting. Ihnen kommt eine besondere Bedeutung zu. Daher beginnt die Studie mit zwölf Fallstudien.

10 Uhr: Der Pressesprecher der Universität Münster, Norbert Robers, eröffnet die Pressekonferenz. Er stellt das Team noch einmal vor und weist darauf hin, dass Kommissions-Mitglied Bernhard Frings weder mit Peter Frings, dem Interventionsbeauftragten des Bistums Münster, noch mit dem ehemaligen Kölner Kardinal Josef Frings (1887-1976) verwandt ist.

Robers weist darauf hin, dass Bischof Felix Genn erst nach der Pressekonferenz dabei sein wird, um die Studie in Empfang zu nehmen. Der Bischof habe die Studie bislang noch nicht gesehen und werde sich am 17. Juni dazu äußern.

9.45 Uhr: Auf dem Podium in der Aula des Schlosses in Münster hat bereits das Team der Historiker-Kommission der Universität Münster Platz genommen. Neben dem Leiter Thomas Großbölting sind das Klaus Große Kracht, Bernhard Frings, Natalie Powroznik und David Rüschenschmidt. Sie werden in 15 Minuten ihre Erkenntnisse aus rund drei Jahren Forschung präsentieren.

9.30 Uhr: Rund drei Jahre nach der Vergabe des Auftrags für eine Missbrauchs-Studie durch das Bistum Münster stellt am heutigen Montag eine unabhängige Historiker-Kommission der Universität Münster ihre Erkenntnisse vor. Anders als die Gutachten der Erzbistümer München-Freising und Köln handelt es sich dabei nicht um eine juristische, sondern um eine historische Untersuchung dessen, wie von 1945 bis 2018 mit Missbrauch durch Geistliche der Diözese umgegangen wurde.

Die mit Spannung erwarteten Ergebnisse werden zunächst einer Gruppe von Betroffenen, dann mittels einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit und schließlich Bischof Felix Genn mitgeteilt. Er will sich nach einigen Lektüre­tagen am Freitag, 17. Juni, zu den Befunden der Studie äußern.

Im Dezember 2020 waren bereits Zwischergebnisse der Studie vorgestellt worden. Studienleiter Thomas Großbölting hatte von einem „Netzwerk der Missbrauchs-Vertuschung“ während der Amtszeit von Bischof Reinhard Lettmann (1980-2008) gesprochen.

Neben Erkenntnissen über die Amtszeit anderer Bischöfe von Münster dürfte von besonderem Interesse sein, was die Studie jetzt über das Verhalten von Lettmanns engsten Mitarbeitenden zu Tage fördert. Und welche Konsequenzen diese Erkenntnisse haben werden.

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