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Kommentar von Chefredakteur Markus Nolte zur Studie für das Bistum Münster

Missbrauchs-Gutachten: Die klerikale Selbstherrlichkeit muss ein Ende haben

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Nach drei Jahren Untersuchung ist heute das Missbrauchs-Gutachten für das Bistum Münster veröffentlicht worden. Es zeigt einmal mehr einen tiefdunklen Blick in die langjährige klerikale Selbstherrlichkeit und joviale Empathielosigkeit gegenüber Betroffenen, sagt Chefredakteur Markus Nolte in seinem Kommentar. Wie sieht es heute aus? Und in der Zukunft?

„Der sexuelle Missbrauch und der Machtmissbrauch in der katholischen Kirche sind noch lange nicht zu Ende.“ Mit diesem Satz schließt das Missbrauchs-Gutachten, das die Historiker-Kommission der Universität Münster heute für das Bistum Münster vorgestellt hat. Mitleid für die Betroffenen, Geldzahlungen und „ebenso pathetische wie unkonkrete Schuldbekenntnisse“ – wenn das alles wäre an Reaktionen auf 610 missbrauchte Menschen und 196 missbrauchende Geistliche, so die Studie, dann werde der Skandal „auf Dauer gestellt“.

Lange Zeit war der Skandal nicht einmal ein Skandal. Dafür haben noch bis in die 2000er Jahre Bischof Reinhard Lettmann (+ 2013) und seine Getreuen wie Weihbischof Josef Voß (+ 2009), Personalchefs und Generalvikare wie Werner Thissen und Theodor Buckstegen systematisch gesorgt. Indem sie Missbrauch nicht nur vertuschten, sondern in zusätzlich erniedrigender Weise mit Betroffenen umgingen, haben sie mit unerträglich klerikaler Arroganz für einen zweiten Skandal gesorgt.

Betroffener vor Priester-Tribunal samt Täter

Einmal etwa, so berichtet das Gutachten, sah sich ein heranwachsender Betroffener einem „Tribunal“ aus Täter (!), Weihbischof und Personalchef gegenüber. Einen Vertrauten, den der Jugendliche zur Unterstützung mitgebracht hatte, beförderte Weihbischof Voß demnach zum Warten vor die Tür. Der Betroffene erlebte diese Situation als „zweiten Missbrauch“.

Lettmann selber, der wie Meisner in Köln offenbar so etwas wie eine „Brüder im Nebel“-Akte im privaten Safe führte, verharmlos­te sexualisierte Gewalt noch Mitte der 2000er Jahre, wenn er gegenüber dem damaligen Vechtaer Offizial und Weihbischof Heinrich Timmerevers jovial raunte, ein bestimmter Priester sei „nicht ganz pük; der hat’s mit kleinen Jungs. Pass auf!“

Bischöflich-traute Männerrunde

Kaum zu glauben, dass erst Franz-Josef Overbeck 2008 als Diözesan­administrator überhaupt ein Protokoll bei Personalkonferenzen einführte. Bis dahin machten die hohen Herren derlei Schmuddelkram offenbar lieber unter sich aus – in bischöflich-trauter Männerrunde, bevor die eigentliche Personalkonferenz begann.

Eine solche klerikale Selbstherrlichkeit, eine solche Missachtung und völlig fehlende Empathie für schwerst verletzte und traumatisierte Kinder – sie ekelt geradezu an. Und es macht fürchterlich hilflos zu sehen, dass viele auch in der Bistumsleitung schuldig gewordene Priester und Bischöfe entweder längst aus dem Dienst geschieden oder schon verstorben sind und so weiteren Konsequenzen entzogen scheinen. Indes: Dabei kann es nicht bleiben, dabei darf es nicht bleiben. 

Leichtfertiges Vertrauen zu mitbrüderlichen Tätern

Und was ist mit der Zeit nach Lettmann? Auch Franz-Josef Overbeck hat offenbar anfangs in einem Fall die Missbrauchs-Kommission nicht genügend einbezogen; auch da gibt es Anzeichen für Kleriker-Selbstschutz.

Und auch Bischof Felix Genn ist laut Studie nicht frei von Verfehlungen, von zu zaghaftem Durchgreifen, von nicht adäquater Kommunikation, von zu leichtfertigem Vertrauen gegenüber mitbrüderlichen Tätern.

Hochproblematische Doppelrolle

Und doch hat sich zweifellos einiges getan. Genn selber hat inzwischen erkannt, dass seine Doppelrolle als Seelsorger und Vorgesetzter „hochproblematisch“ ist. Er bemüht sich augenscheinlich um eine Sprache, die eben nicht „pathetisch“ gegenüber den Betroffenen ist, sondern erstaunlich empathisch.

Und er scheint zu wissen, dass das noch lange nicht reicht. Heute machte der Bischof den Eindruck, als sei er zu deutlichen Maßnahmen bereit. Genn sagte, er wolle sich an einer „wirklichen Umkehr“ messen lassen. Es dürfte die letzte Chance sein. Ohne eindeutige Konsequenzen bliebe der Skandal in der Tat „auf Dauer gestellt“.

Das gesamte Missbrauchs-Gutachten der Historiker-Kommission der Universität Münster ist hier zu finden.

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