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Caritas und ehrenamtliche Helfer erleben eine „verlorene Zeit“

Corona unterbricht die Integration von Migranten

  • Die Corona-Pandemie verhindert viele Angebote für die Integration von Migranten.
  • Insbesondere die Sprachkurse und der Kontakt zur übrigen Bevölkerung werden vermisst.
  • Elisabeth Wiengarten hilft Flüchtlingen in Beelen, die Situation zu meistern.
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Die Situation von Flüchtlingen in Erstaufnahmelagern in der Corona-Pandemie ist oft ein Thema. Es geht dann meist um Infektions-Schwerpunkte oder um fehlende räumliche Möglichkeiten für ausreichend Hygiene- und Abstandsmaßnahmen. Doch auch jene Migranten, die bereits in den Kommunen und Städten leben, trifft die derzeitige Situation hart. Die Voraussetzungen für eine gelingende Integration brechen weg.

„Wichtige Angebote sind derzeit einfach nicht möglich“, sagt Maike Krumm vom Diözesancaritasverband Münster. „Gerade der Spracherwerb, Ausbildungsmöglichkeiten und der Kontakt zu anderen Menschen leiden unter der Pandemie.“ Die Referentin für Flüchtlingsarbeit, Migration und Integration sieht darin „eine verlorene Zeit“ für die Geflüchteten. „Ein großen Rückschlag auf dem Weg zu einem eigenständigen Leben in Deutschland.“ Für die Behörden und Helfer bilde sich zudem langsam ein Stau in der Organisation, Arbeit und Hilfe.

Viele Angebote brechen weg

Maike Krumm ist Referentin für Flüchtlingsarbeit, Migration und Integration im Diözesancaritasverband Münster. | Foto: pd
Maike Krumm ist Referentin für Flüchtlingsarbeit, Migration und Integration im Diözesancaritasverband Münster. | Foto: pd

Elisabeth Wiengarten erlebt das bei ihrem ehrenamtlichen Einsatz für geflüchtete Menschen in Beelen. Die 66-Jährige war viele Jahre Integrationsbeauftrage der dortigen Gemeindeverwaltung und kümmert sich nun im Auftrag der Pfarrgemeinde St. Johannes Baptist um die Migranten. „Es ist schlimm, was ich derzeit erlebe“, sagt sie. „Aus den viele guten Angeboten und Hilfen in unserem Ort ist durch Corona ein schwerer Kampf geworden.“

Das Problem fängt schon beim Wissen über die Pandemie und die Maßnahmen dagegen an, sagt Wiengarten. „Wie sollen diese Menschen verstehen, was passiert, wenn Quarantäne-Maßnahmen und Hygiene-Verordnungen nicht in ihrer Landessprache kommuniziert werden?“ Der traditionelle Besuch der einen Familie bei der anderen sei durch den verschärften Lockdown zum Beispiel nicht mehr möglich. „Das wissen viele schlichtweg nicht.“

Hürden sind oft zu hoch

Viele weitere Dinge bereiten Wiengarten Sorgen. „Die für die Migranten immer schon schwere Bewältigung bürokratischer Herausforderungen wird noch schwieriger.“ Behörden sind geschlossen, Online-Formulare zu kompliziert. Ähnliches gilt für die Sprachvermittlung. Präsenzunterricht ist nicht möglich, Lernen via Internet eine hohe Hürde.

Auch sind Arbeits- und Ausbildungsplätze der Geflüchteten in dieser Zeit besonders gefährdet, sagt Wiengarten. „Bei pandemiebedingten Entlassungen stehen sie oft als Erste auf der Liste.“ Zudem brechen derzeit viele Hilfsangebote wie Sozialkaufhäuser oder Tafeln weg.

Kontaktmöglichkeiten brechen weg

Die größte Not sieht sie aber in den ausfallenden Kontaktmöglichkeiten zu den Menschen in Beelen. „Denn das Treffen mit anderen ist das wichtigste Lernfeld für die Sprache und das Leben in Deutschland.“

Das gelte besonders auch für die Kinder, die derzeit nicht in die Kindergärten und Schulen könnten. An die regelmäßigen Integrationsveranstaltungen in Beelen wie gemeinsame Kochabende, Film-Angebote oder das Frauenfrühstück sei ebenso wenig zu denken.

Hilfe durchs offene Autofenster

Elisabeth Wiengarten setzt sich in der Pfarrgemeinde St. Johannes Baptist in Beelen für die Integration von Migranten ein. | Foto: privat
Elisabeth Wiengarten setzt sich in der Pfarrgemeinde St. Johannes Baptist in Beelen für die Integration von Migranten ein. | Foto: privat

Wiengarten stellt sich diesen Herausforderungen. „So gut es geht“, sagt sie. Formulare, Schulaufgaben und Dokumente lässt sie sich von den Migranten über das Internet zusenden oder bekommt sie in den Briefkasten. „Ich überarbeite sie, korrigiere und schicke sie zurück.“ Manchmal fährt sie mit dem Auto zu den Familien und gibt durch das offene Fenster auf Entfernung Hilfen. Sie sammelt Spenden und besorgt technische Möglichkeiten, damit junge Flüchtlinge am Berufsschulunterricht teilnehmen können. Auch vier Plexiglaswände hat sie organisiert, damit wenigstens für einige ein Ein-zu-eins-Sprachunterricht möglich ist.

Auch sie schaut auf die Zeit nach Corona. „Da wird sich ein Berg an Aufgaben aufgetürmt haben.“ Sie hofft, dass vor allem eine große ehrenamtliche Unterstützung im Bereich des Deutsch-Lernens entsteht. „Das muss kein Unterricht sein“, sagt Wiengarten. „Es reicht, wenn beim Spaziergang der Flüchtling mitgehen kann, um im normalen Gespräch viel zu lernen.“

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