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Bischof von Münster zu Synodalem Weg, Sexualmoral und Missbrauchs-Aufklärung im Bistum

Das große Sommerinterview 2022 mit Felix Genn zu aktuellen Kirchenthemen

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Kirchenreform, Köln, Krieg in der Ukraine – Bischof Felix Genn nimmt im großen Sommer-Interview mit „Kirche-und-Leben.de“ Stellung zu aktuellen Themen aus Kirche und Gesellschaft.

Herr Bischof, vor einem Jahr haben wir unser Sommerinterview mit der großen Zahl der Kirchenaustritte als Reaktion auf das Gebaren mancher Amtsträger begonnen – nicht zuletzt des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki. Wir könnten in diesem Jahr genauso beginnen: Der Kardinal ist hoch umstritten, sein Verhalten ebenso, Rom beobachtet das angeblich, entscheidet aber nach wie vor nicht über sein Rücktrittsangebot, und Menschen aus dem Kern der Gemeinden verlassen auch im Bistum Müns­ter in Rekordhöhe die Kirche. Wie groß ist Ihre Verzweiflung?

Ich bin nicht verzweifelt. Sie wissen auch, dass es nicht meine Art ist, die Vorkommnisse in anderen Bistümern öffentlich zu kommentieren. Als Bischof von Münster möchte ich den Blick auf unser Bistum richten. Streit und Egoismus sind nicht auf den Klerus begrenzt. Böswillige Auseinandersetzungen gibt es in vielen Formen. Das haben wir in der Geschichte unserer Kirche immer wieder erlebt:  Einzelne, die ganze Gemeinden verführen. Entweder ich oder sonst niemand. Was ich tue, ist jesuanisch! Alle anderen sind nicht wahrhaftig oder gar böswillig. Die Mehrheit in solchen Gemeinden schweigt, manchmal aus Angst. In einer Zeit, die immer mehr von Individualismus und Egozentrik geprägt wird, müssen wir hierauf ein besonderes Augenmerk haben. Ich kann es auch in einem Wort zusammenfassen: Wenn nicht der Herr im Zentrum steht, und mit ihm die Kleinen und Armen, fliegt der Laden auseinander. Dankbar bin ich den Vielen, die von dieser Mitte Zeugnis geben.

Grundsätzlich ist es doch so: Seelsorge fußt wie jedes gute menschliche Miteinander auf Vertrauen. Vertrauen entsteht nur dann, wenn Menschen sich wechselseitig als glaubwürdig, ehrlich, zugewandt und authentisch wahrnehmen. Und wenn Vertrauen erst einmal zerstört ist, ist es enorm schwierig, manchmal sogar unmöglich, das wieder aufzubauen. Da hinterfrage ich immer aufs Neue zunächst mich selbst: Wenn Menschen kirchliche Verantwortungsträger nicht als zuhörend, dialogorientiert, offen, veränderungsbereit, kritikfähig und im Dienst an den Menschen stehend erleben: Wie soll ich dann glaubhaft die Frohe Botschaft verkünden? Aber, um es klar zu sagen, die große Mehrheit der Christinnen und Christen arbeitet vertrauensvoll zusammen.

Einmal mehr flatterte in diesem Sommer unvermittelt eine Fundamentalmahnung des Heiligen Stuhls zum Synodalen Weg aus Rom hier ein. Was denken Sie über das Schreiben, über den Vorgang?

Ich habe mehrfach deutlich gemacht, dass ich den Synodalen Weg für unbedingt notwendig halte. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Synodale Weg die Konsequenz aus der sogenannten MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche war und ist. Wir müssen die systemischen Ursachen, die sexuellen Missbrauch in der Kirche begünstigt haben und immer noch begünstigen, bekämpfen und verändern. Wir brauchen ein neues Miteinander von Priestern und Laien, von Frauen und Männern, von Haupt- und Ehrenamtlichen. Wir brauchen neue Amts- und Rollenverständnisse. Macht in der Kirche muss so ausgeübt werden, so hat es Kardinal Marx vor kurzem gesagt, dass sie andere ermächtigt. Dass nun darüber gerungen wird, wie diese genau aussehen kann, halte ich für völlig normal. Was ich bei einigen allerdings vermisse, ist die Bereitschaft, sich wirklich darauf einzulassen, wie es der heilige Ignatius gesagt hat, die Meinung des anderen zu retten. Wer nicht direkt miteinander kommuniziert, sondern über unterschiedliche Medien sehr kritisch über andere spricht, hat aus meiner Sicht wenig von Synodalität verstanden.

In wenigen Tagen beginnt die nächste Synodalversammlung in Frankfurt, bei der es um entscheidende Beschlüsse geht. Manche haben regelrecht Angst, es könnte zum großen Knall kommen. Wie begründet ist diese Sorge?

Bischof Genn habe mehrfach deutlich gemacht, dass er den Synodalen Weg für unbedingt notwendig halte. | Foto: Michael Bönte
Bischof Genn sagt, er habe mehrfach deutlich gemacht, dass er den Synodalen Weg für unbedingt notwendig halte. | Foto: Michael Bönte

Der Synodale Weg geht auf die Zielgerade. Im Frühjahr kommenden Jahres wird er zu Ende sein. Da ist es normal, dass die Spannung steigt, welche Beschlüsse im Sinne einer Erneuerung der Kirche gefasst werden. Sorge habe ich deswegen, ich muss das noch einmal betonen, weil ich mich auch nach drei Jahren Synodaler Weg frage, ob wirklich alle bereit waren und sind, sich auf ein synodales Miteinander einzulassen. Sehe ich in dem, der andere Positionen vertritt als ich selbst, eher einen Gegner? Unterstelle ich ihm unlautere Absichten? Oder bin ich in der Lage, ihm zuzuhören, ihm gute Absichten zu unterstellen, seine Argumente gelten zu lassen? Und vor allem: Bin ich bereit und in der Lage, mich selbst und meine Überzeugungen, die vielleicht doch nur auf scheinbaren Selbstverständlichkeiten beruhen, zu hinterfragen? Die medialen Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen haben zu einem guten synodalen Miteinander aus meiner Sicht keinen kons­truktiven Beitrag geleistet.

Was muss geschehen, damit es nicht zum großen Knall kommt?

Da greife ich das auf, was ich gerade schon gesagt habe: Wir müssen einander mit offenen Herzen, mit gegenseitigem Wohlwollen und mit Verstand zuhören und begegnen. Wir müssen synodal miteinander umgehen. Die Kraft des Argumentes muss zählen. Und wir müssen im Blick haben, worum es geht: Jesus Christus nachfolgen und den Menschen von heute und morgen die Frohe Botschaft verkünden. Da geht es nicht darum, irgendeinem Zeitgeist hinterherzurennen. Und wir müssen immer im Blick behalten, was der Anlass für den Synodalen Weg war: das Verbrechen sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche. Wenn kritisch argumentiert wird, sexueller Missbrauch werde instrumentalisiert, um Veränderungen in der Kirche voranzutreiben, dann verstehe ich das nicht. Es braucht Veränderungen, auch um sexuellen Missbrauch in der Kirche künftig zu verhindern. Deshalb: Warum immer vom Knall im Blick auf die Beschlussfassungen und Diskussionen reden? Der sexuelle Missbrauch war und ist der Knall!

Sie selber haben bei der letzten Synodalversammlung gesagt, es sei peinlich, was im Katechismus über die Sexualmoral gesagt wird. Wie realistisch ist die Hoffnung, dass diese Peinlichkeit abgeschafft wird – etwa im Hinblick auf Sex vor der Ehe, Verhütungsmittel, Selbstbefriedigung und Homosexualität?

Auch da kann ich an das anschließen, was ich gerade gesagt habe. Die Studie der Universität Münster hat noch einmal – wie schon die MHG-Studie – deutlich gemacht, dass auch die rigide Sexualmoral sexuellen Missbrauch in der Kirche mit ermöglicht hat. Die Studie der WWU zeigt: Es ist problematisch, wenn Sexualität vor allem als sündhaft angesehen wird und wenn über Sexualität nicht gesprochen werden kann. Dem möchte ich für das Bistum Münster mit der im Juni neu eingerichteten Stelle für Sexuelle Bildung nachhaltig entgegenwirken. Klar ist für mich: Wenn ich sexuellen Missbrauch verhindern möchte, dann muss ich offener und qualifizierter über Sexualität sprechen können und muss weg von einer rigiden Sexualmoral. Hier muss auch das kirchliche Lehramt zu Neubewertungen kommen, die die Erkenntnisse der modernen Sexualforschung und Wissenschaft berücksichtigen.

Immer wieder läuft es auf dieselbe Frage hinaus: Über Frauen als Priester, Aufhebung des Zölibats, fundamentale Änderungen in der Sexualmoral kann die Synodalversammlung gar nichts beschließen. Potenziert sich der programmierte Frust nicht mit jedem Satz in der Synodalversammlung? Warum wird dann beim Synodalen Weg darüber geredet?

Ich frage einmal zurück: Was würden Sie sagen, wenn darüber nicht gesprochen würde? Diese Fragen beschäftigen uns alle, beschäftigen die Gläubigen. Von daher müssen wir darüber sprechen. Das tun wir keineswegs – wie manchmal behauptet wird – nur in Deutschland. Die Themen werden in vielen Ländern diskutiert. Natürlich kann die Synodalversammlung nicht beschließen, dass morgen der Zölibat aufgehoben wird. Und in der Tat wird es so sein, dass viele aus unserer Sicht notwendige Veränderungen nicht unmittelbar von Rom umgesetzt werden. Das ändert aber doch nichts daran, dass wir als Kirche von Deutschland unsere Positionen deutlich machen müssen und diese in den weltkirchlichen Prozess einbringen werden. Die Kirche hat sich immer verändert und wird sich weiter verändern – oft zu langsam, diese Kritik ist sicher richtig. Von daher ver­stehe ich auch die Ungeduld vieler Menschen sehr: Es braucht Veränderungen, und die braucht es sehr bald. Was ich in diesem Zusammenhang zu bedenken geben möchte: Die Einheit der Kirche ist ein hohes Gut, gerade auch für mich als Bischof. Aber Einheit der Kirche meint nicht nur Einheit der Bischöfe, sondern Einheit der Kirche als Volk Gottes. Von daher muss vielleicht auch neu justiert werden, wieviel und an welchen Stellen Vielfalt in der Einheit möglich sein kann.

Mit Blick auf die Erfolgschancen des Synodalen Wegs sagen manche: Ein „Enttäuschungs-Management“ sei überfällig, weil am Ende ein paar Nettigkeiten herauskommen, die – vielleicht – die Bischöfe für ihre Bistümer zugestehen. Haben diese Stimmen Recht – oder welche Hoffnung machen Sie den Reform-Sehnsüchtigen?

Bischof Genn ist sicher: „Die Kirche wird sich weiter verändern.“ | Foto: Michael Bönte
Bischof Genn ist sicher: „Die Kirche wird sich weiter verändern.“ | Foto: Michael Bönte.

Es geht nicht um ein paar „Nettigkeiten“. Es geht darum, im synodalen Miteinander zu ergründen, was notwendig ist, um Menschen auch in Zukunft von der befreienden Botschaft Jesu Christi zu begeistern. Und es geht darum, Strukturen und systemische Ursachen aufzubrechen, die sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in der Vergangenheit begünstigt haben. Wenn man die vergangenen Jahrzehnte in den Blick nimmt, kann doch niemand ernsthaft sagen: „Weiter so, katholische Kirche!“ Welche Argumente könnte es dafür geben? Ich habe noch keins gehört. Von daher und noch einmal: Wir brauchen eine Erneuerung der Kirche – um der Frohen Botschaft willen und um der Menschen willen, denen wir sie verkünden.

Aus Rom, aber auch von manchen anderen hierzulande sind immer wieder Warnungen vor einer Kirchenspaltung und einer Verschärfung der Glaubenskrise durch den Synodalen Weg zu vernehmen. Wie berechtigt ist diese Warnung?

Da würde ich die Menschen, die das äußern, zurückfragen: Wie nehmen Sie aktuell die katholische Kirche wahr? Als harmonische Einheit? Frei von jeder Glaubenskrise oder von sonstigen Krisen? Kann es wirklich – wenn ich jetzt vor allem auf die Wahrnehmung der katholischen Kirche in Deutschland schaue – noch schlimmer kommen? Die Wahrnehmung ist doch die, dass wir unsere Konflikte, die es wie überall auch in der Kirche gibt, vor allem und auf sehr schlechte Weise in der Öffentlichkeit austragen. Für die Glaubenskrise sind auch kirchliche Verantwortungsträger verantwortlich, die überzeugende, authentische, vertrauenswürdige Verkünder der Frohen Botschaft sein sollen. Also: Der Synodale Weg spaltet nicht, sondern er führt im besten Fall dazu, dass wir als Kirche künftig den Menschen wieder in Wort und Tat glaubhaft, vertrauensvoll und zugewandt die Frohe Botschaft Jesu Christi verkünden können.

Vatikan-Beobachter deuten die anstehende Weltsynode als eine Versuchsküche des Papstes, um die Chancen für ein neues Konzil auszutesten. Ich finde das eine spannende Vorstellung. Wie bewerten Sie das?

Das kann ich nicht beurteilen, aber von einer „Versuchsküche“ spreche ich nicht. Mir zeigt das vor allem, dass für Papst Franziskus Synodalität ein zentrales Prinzip ist, um zu Erkenntnissen darüber zu kommen, welche Wege von der katholischen Kirche künftig einzuschlagen sind. Und nochmals im Blick auf alle Ihre Fragen: Wir sind jetzt in einer Schule des Lernens von Synodalität – und da steht die Reifeprüfung noch aus.

Schauen wir in unser Bistum! Die Veröffentlichung des Missbrauchs-Gutachtens ist jetzt gut zehn Wochen her. Vier Tage nach Ihrer Stellungnahme dazu haben Sie Dompropst Kurt Schulte beurlaubt, Anfang August einen weiteren Priester. Beiden wird übergriffiges Verhalten vorgeworfen. Die staatlichen Behörden haben Ermittlungen in beiden Fällen eingestellt, kirchliche Ermittlungen haben im Anschluss begonnen. Als Sie am 17. Juni auf das Gutachten reagierten, hätten Sie von beiden Fällen wissen können – im einen Fall, weil die Vorwürfe laut Gutachten länger bekannt waren, im anderen, weil die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA) erst wenige Tage zuvor das Leid des Opfers anerkannt hat. Wie kommt es, dass Sie nicht schon am 17. Juni beide Fälle erwähnten und Konsequenzen zogen?

Ihre Grundannahme, dass ich von beiden Fällen hätte wissen und vor dem 17. Juni Maßnahmen hätte ergreifen müssen, ist so wie Sie es darstellen, falsch. Die Vorwürfe, die zu der von Ihnen erwähnten Beurlaubung führten, wurden erst nach der Veröffentlichung der Studie erhoben, und dann habe ich unmittelbar gehandelt. Zum Gutachten steht diese Beurlaubung in keinem Zusammenhang. Auch in dem zweiten Fall habe ich unmittelbar Maßnahmen ergriffen, als mich der Interventionsbeauftragte Anfang August über den neuen Sachstand, der sich aufgrund der Anerkennung des Leids durch die UKA ergeben hat, informiert hat. Beide Situationen machen aber deutlich, wie schwer immer noch der richtige Umgang mit der Thematik ist. Einerseits wird mir vorgeworfen, zu spät zu handeln, andererseits wird mir vorgeworfen, völlig überzogen zu reagieren. Aber in keinem Fall, in dem wir handeln, liegt nicht nichts vor. Ob das immer auch strafrechtliche oder kirchenrechtliche Relevanz hat, muss im Einzelfall geprüft werden. Und selbst wenn dann feststehen sollte, dass in beiden Feldern kein Rechtsverstoß vorliegt, kann es sein, dass trotzdem gehandelt werden muss – so wie es bei Laien auch der Fall wäre. In den beiden von Ihnen genannten Fällen laufen die Verfahren noch.

In diesem Sommer haben mehrere Pries­ter an herausgehobenen Positionen in unserem Bistum ihre Tätigkeit aufgegeben: ein Leitender Pfarrer am Nieder­rhein will lieber Erzieher sein, der Subregens am Priesterseminar will sich außerhalb priesterlicher Tätigkeiten in einem nicht-kirchlichen Bereich ausprobieren, der Steinfurter Kreisdechant gibt seinen Posten ab, weil er die Belastungen gesundheitlich nicht schafft. Von anderen Priestern ist zu hören, sie zählten die Jahre bis zur Emeritierung. Wie nehmen Sie die Situation der Priester, aber auch aller anderen Seelsorgenden wahr?

Die Beispiele, die Sie nennen, haben sehr unterschiedliche Hintergründe, auf die ich schon im Interesse der betroffenen Personen nicht eingehen kann und darf. Generell ist es so, dass viele Priester, Diakone, Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten an und mit ihrer Kirche leiden. Da gibt es viel Frustration, aber auch Wut, Ärger und Verständnislosigkeit. Denn sie werden in Mithaftung für Dinge genommen, die sie nicht zu verantworten haben. Zugleich spüre ich nach wie vor, dass viele Seelsorgende den Gestaltungsspielraum, den sie haben, nutzen, um auf gute und kreative Weise nahe bei den Menschen zu sein. Dafür bin ich ausgesprochen dankbar. Denn dadurch erleben viele Menschen, dass Kirche auch anders ist als das Bild, das viele von ihr haben. Ich versuche, den Seelsorgerinnen und Seelsorgern hierfür Freiraum und gute Rahmenbedingungen zu schaffen.  

Der Katholische Medienpreis, vergeben von der Deutschen Bischofskonferenz, geht in wenigen Wochen an die ARD-Dokumentation zur Aktion „Out in Church“, bei der sich Anfang des Jahres viele Pries­ter, Seelsorgende und andere kirchliche Mitarbeitende als queer geoutet haben. Wie steht es um eine Reform der Kirchlichen Grundordnung? Werden im Bistum Münster kirchliche Angestellte als queere oder wiederverheiratete Personen zu ihrer Lebensform jenseits der kirchlichen Norm stehen können? Werden sie auch staatlich heiraten können? Auch pastorale Mitarbeitende? Ohne arbeitsrechtliche Konsequenzen?

Darf ich zunächst klarstellen: Wir reden immer von ‚Macht abgeben‘. Das haben wir Bischöfe auch in diesem Punkt gemacht. Nicht die Bischöfe vergeben den katholischen Medienpreis. Aber zurück zur Frage: Die Dokumentation hat gezeigt, dass das kirchliche Arbeitsrecht in der Vergangenheit für viele Menschen Leid verursacht hat. Damit muss Schluss sein. Die Reform ist auf dem Weg. Wir sind in einem intensiven Gesprächsprozess, zu dem ich – wie Sie mich kennen – keine öffentlichen Äußerungen mache, solange er noch nicht abgeschlossen ist.

Weiten wir den Blick auf die Weltlage. Sie sind 1950 geboren, haben also – wie die meisten Menschen unserer Gesellschaft – keinen Krieg mehr direkt erlebt. Was macht es mit Ihnen, sich auf einmal in einer derartigen Bedrohung des Friedens durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zu finden?

Der Frieden ist nicht nur bedroht, sondern wir haben Krieg! Mitten in Europa! Es ist unfassbar und schrecklich, dass ein einzelner Despot und seine Helfershelfer so viel Leid unmittelbar über die Menschen in der Ukraine, dann aber auch mittelbar über viele andere Menschen bringen können, die insbesondere in Afrika besonders unter den Versorgungsengpässen leiden. Wichtig ist für mich jetzt: Wir müssen zusammenstehen! Das gilt innerhalb unserer bundesdeutschen Gesellschaft: Hier brauchen wir einen Verzicht der Wohlhabenderen und eine große Solidarität mit den sozial Schwächeren und den Flüchtlingen – aus allen Ländern! Und es gilt in der internationalen Gemeinschaft: Dem russischen Präsidenten muss immer wieder klar gemacht werden: Die einzige Perspektive für eine Beendigung des Kriegs ist die eines gerechten Friedens für die Ukraine. Mir persönlich hat der Krieg in der Ukraine auch gezeigt: Wir haben in den vergangenen Jahren zu wenig auf die vielen Kriege in anderen Regionen unserer Welt geschaut. Was Menschen da an Leid zugefügt wurde und wird, ist nicht zu ertragen. Wir dürfen nicht müde werden, das anzuprangern und uns für den Frieden einzusetzen.

Kann Beten die politische Wirklichkeit verändern und Frieden bringen?

Ich wäre ein schlechter Bischof, wenn ich nicht an die Kraft des Gebets glauben würde. Ich glaube daran, dass Beten die Wirklichkeit verändern kann und wird. Vielleicht nicht in dem naiven Sinn: Ich bete und morgen ist der Krieg vorbei. Aber wie ich, so haben viele Menschen sicher schon erlebt, welche Kraft von Gebeten – etwa jetzt in Friedensgottesdiensten aus Anlass des Ukrainekrieges – ausgehen kann.

Ukrainekrieg, Energiekrise, Corona im dritten Jahr: Manche sagen, wir müssten lernen, eine neue Ära weltweiter Großkrisen zu akzeptieren und zu lernen, damit zu leben. Wie nehmen Sie diese Zeitläufte wahr – und welchen Rat geben Sie?

Meine Aufgabe ist es nicht, Ratschläge zu geben. Ich verstehe, das geht mir auch so, dass sich viele Menschen angesichts dieser Krisen eine Rückkehr zur Normalität, zu einem Zustand vor den Krisen, wünschen. Diese Normalität, die wir kennen, war aber schon vor den genannten Krisen – die zentrale Krise ist für mich der Klimawandel – eine Normalität auf Kosten anderer. Wir brauchen im Kleinen wie im Großen weniger Egoismus und mehr Solidarität, weniger Konsum und mehr Verzicht, weniger Reaktion und mehr Aktion, weniger Eigensinn und mehr Sorge um andere. Das ist für mich nicht nur eine Konsequenz aus den aktuellen Krisen, sondern Kern der Frohen Botschaft.

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